Als der erste Saisonsieg und damit auch der Klassenerhalt geglückt war, ließ Bernard Eßmann keine Champagnerkorken knallen, im Gegenteil: Er machte sich an die Arbeit. Nach dem glatten 6:0-Auswärtssieg seines TC Großhesselohe bei TK BW Aachen nahm der Mannschaftsführer einen Flieger früher nach Hause als sein Team, packte nicht nur die wichtigen Punkte und als Geschenk der Gastgeber eine große Kiste Aachener Printen ins Gepäck, sondern auch die verschwitzten Trikots seiner Spieler. "Die habe ich gerade noch unserer Wäschefrau hier im Klub in die Hand gedrückt", erzählt er samstagabends am Telefon, "damit die Jungs morgen früh wieder ihre Klamotten haben. Wir wollen das ja noch seriös zu Ende spielen."
Auch im Hochsommer immer schön aprilfrisch und bis zum Schluss voll konzentriert bei der Sache: So hat man den Erstliga-Aufsteiger die ganze Spielzeit über erlebt, auch wenn an den Spieltagen gegen Ende hin - in den entscheidenden Doppelpartien - oft das berühmte Quäntchen gefehlt hat. Erst im allerletzten Match der Saison drehte man den Spieß mal um, gewann zur Abwechslung das letzte Doppel im bis dahin oft Unheil bringenden Match-Tiebreak und damit die gesamte Partie gegen Weinheim mit 4:2. Erster Heimsieg im letzten Spiel, Klassenerhalt, Jubelstürme, hoch die Tassen!

Nach 16 Jahren Absenz war der TC Großhesselohe in die 1. Bundesliga zurückgekehrt. Der Meisterschafts-Zweite von 1986 und 1987 wollte diesmal definitiv länger bleiben als bei den letzten Gastspielen (1983, 1985-1989 und 2003). "Wir sind gekommen, um zu bleiben", lautete Eßmanns Vorgabe für die Saison. Dass es bis zum vorletzten Spieltag dauern würde, bis die Klasse gesichert war, das hatte man sich im Münchner Süden eigentlich anders vorgestellt. "Als Ziel hatten wir ja den vorzeitigen Klassenerhalt ausgegeben", sagt Eßmann, "wir wollten die Liga erst mal wieder kennenlernen, reinschnuppern. Aber als wir den Spielplan gesehen haben - am Anfang die stärkeren, am Schluss die schwächeren Gegner -, da haben wir uns schon gedacht: ,Mit dem vorzeitigen Klassenerhalt wird das vielleicht doch nichts.'" Und so kam es: Erst am achten von neun Spieltagen konnte Vollzug gemeldet werden; die letzte Partie zuhause gegen Weinheim geriet dann zur stimmungsvollen Zugabe. Im finalen Doppel machte Flo Mayer mit dem Esten Jürgen Zopp den ersten Heimsieg klar: 6:7, 6:2 und 10:8.
"Dass das vielleicht eng aussah, täuscht ein bisschen. Wir hatten Pech am Anfang, hätten auch schon früher doppelt punkten könnnen. Aber im Grunde war die Saison eine tolle Erfahrung", sagt Eßmann. Wenn da nur nicht diese leidigen Entscheidungssätze gewesen wären: "In den Doppeln haben wir sieben Match-Tiebreaks gespielt - und keinen einzigen gewonnen! Das ist jetzt aber keine mangelnde Qualität, so was passiert einfach alle 20 Jahre mal." Diese Sätze hatte Eßmann am Samstagabend gesagt - bevor ihn seine Spieler am Tag darauf bei der letztmöglichen Gelegenheit Lügen straften und den ersten Match-Tiebreak in einem Doppel gewannen. Eßmann wird es recht sein: "Insgesamt haben wir eine gute Rolle gespielt, haben von neun Spielen nur zwei Mal verloren, sind zuhause ungeschlagen. Im Grunde war es so, wie wir es erwartet haben. Wir haben eine tolle Truppe - das passt alles so."

Teammanager Christopher Kas sieht das ganz ähnlich: "Wir freuen uns natürlich unglaublich", sagte er nach dem Sieg vom Samstag in Aachen, "aber die großen Feierlichkeiten verschieben wir auf Sonntagabend. Wir wollen nämlich unbedingt unseren Heimnimbus wahren." Was ja nach vier Unentschieden und dem finalen 4:2 gegen Weinheim dann auch prima geklappt hat. "Von der Dramaturgie her wäre es schön gewesen, wenn wir anfangs mal gewonnen hätten", meinte Kas, "es waren ja auch ein paar Chancen da. Dafür, dass wir viele enge Matches, vor allem im Doppel, verloren haben, ist es unglaublich, wie es jetzt gelaufen ist."
Und das glückliche Ende sah dann in der Tat auch noch wunderhübsch aus: strahlender Sonnenschein am Sonntag, schön viele Zuschauer auf der Anlage am Isarhochufer, leckere Schnitzelsemmeln, gute Laune, wohin man nur blickte. "Ich bin total happy", fasste Kas die Saison zusammen, "es ist so eine tolle Truppe, mit viel Kampfgeist - das macht unheimlich Spaß. Auch dass sich ein Peter Gojowczyk am Samstag noch mal bereit erklärt zu spielen, der kurzfristig aus Montreal zurückkam. Oder Flo Mayer: sensationell! Der wird auch nächstes Jahr eine wichtige Rolle spielen, so viel kann man vorwegnehmen. In den ersten fünf Spielen hat uns seine Verletzung schon weh getan." Danach holte Mayer in vier Einzeln vier Siege.

Auch vom Österreicher Dennis Novak schwärmte der Teammanager am Samstag noch in höchsten Tönen: "Der hat vier Matches an eins gespielt und alle vier gewonnnen. Das gab es schon lange nicht mehr in der Bundesliga, das ist der Wahnsinn." Am Samstag in Aachen machte es Novak allerdings ungewöhnlich spannend: 11:9 im Match-Tiebreak. "Irgendwann musste so ein Match-Tiebreak ja auch mal für uns ausgehen. Da war vorher, vor allem in den Doppeln, schon viel Pech dabei", sagte Kas erleichtert. So auch in Novaks fünftem Spitzen-Einzel am Sonntag gegen Weinheims Italiener Luca Vanni: Er verlor es 6:10 im Match-Tiebreak. Ärgerlich, aber nur noch halb so schlimm, denn am Ende hat es ja doch gereicht. Zwei Siege, zwei Niederlagen, fünf Remis: Das macht am Ende Platz sechs im Zehner-Feld.
Wer im kommenden Jahr für die Großhesseloher aufschlagen wird? "Der Stamm der Mannschaft soll und wird auf jeden Fall zusammenbleiben", sagt Kas , "ich werde mit jedem Spieler nochmal ein Abschlussgespräch führen. Dann werden wir auch wissen, in welche Richtung die Reise geht." Mannschaftsführer Eßmann sagt: "Wir werden uns zusammensetzen und jeden einzelnen Spieler beurteilen und schauen: Ist das ein Spieler, der uns wirklich stärker macht? Ob im Bereich Doppel, Stimmung oder Verfügbarkeit. Das werden wir zusammenschmeißen mit den Erfahrungen aus der Saison. Wir haben schon gelernt, da war einiges Neuland. Das gilt es besser zu machen, und dann werden wir hoffentlich im kommenden Jahr eine noch bessere Rolle spielen."
Den früheren Flieger würde Eßmann selbstverständlich erneut nehmen, damit die Trikots rechtzeitig sauber werden.