Süddeutsche Zeitung

Teilhabe:Dazugehören kostet

Ein Abend im Konzert, die Mitgliedschaft in einem Sportverein, das Mittagessen in der Schule - bei der Teilhabe ist die Stadt auf Spenden angewiesen

Von Sven Loerzer

Ein Theaterbesuch? Ins Konzert? Zu teuer, wenn einem nur etwas mehr als 400 Euro monatlich zum Leben bleiben. Wer Hartz IV oder Sozialhilfe bezieht, muss sich sein schmales Budget schon sehr genau einteilen, um damit über die Runden zu kommen. Sparsam zu wirtschaften, ist alles andere als einfach, zumal jede unvorhergesehene Ausgabe die Betroffenen sofort in Bedrängnis bringt. Was für andere Menschen selbstverständlich zum Alltag gehört, lässt sich von den Regelsätzen, die den Lebensunterhalt sichern sollen, kaum finanzieren, in einer teuren Stadt schon gar nicht. Wie groß der Wunsch danach ist, nicht aus Geldmangel in den eigenen vier Wänden gefangen zu bleiben, lässt sich an dem Erfolg des Vereins Kulturraum München ablesen. Der vermittelt seit 2011 sehr professionell mit großem ehrenamtlichen Einsatz kostenfrei Eintrittskarten, die Kulturveranstalter zur Verfügung stellen, an Menschen mit geringem Einkommen. Mehr als 100 000 Tickets fanden seitdem Abnehmer, 11 000 Kulturgäste sind registriert. Ihnen werden telefonisch Karten angeboten, die sie - wie andere Besucher - an der Abendkasse abholen können.

Der Abend im Konzert, im Theater, in der Oper oder dem Kabarett kann von Alltagssorgen ablenken und entlastend wirken. Das ergab eine Umfrage, an der mehr als 500 Kulturgäste teilnahmen. Zwei Drittel stimmten der Aussage zu: "Ein Kulturbesuch kann mir helfen, mein Leben von einer anderen Seite zu betrachten."

Das Stimmungsbild, das der Verein einholte, zeigt, wie wichtig das ist, was im Fachjargon mit Teilhabe bezeichnet wird. Fast drei Viertel aller Befragten stimmten der Feststellung uneingeschränkt zu, dass sich der Veranstaltungsbesuch positiv auf das persönliche Wohlbefinden auswirkt. Neugierde auf Neues, Entspannung und Ablenkung spielten dabei eine wichtige Rolle, was Kommentare unterstreichen: "Mal was anderes als der triste Alltag." An schönen Veranstaltungsorten, wie etwa dem Cuvilliés-Theater, dem Gärtnerplatztheater und dem Herkulessaal, sei "das Ambiente richtig wie ein Heilmittel".

Weil Kinder aus armen Haushalten beim Mittagessen in Schulen ausgeschlossen blieben und sich den Beitrag für den Sportverein nicht leisten konnten, hat der Bund 2011 das Bildungs- und Teilhabepaket eingeführt, das im vergangenen Sommer nachgebessert wurde. Mehr als zehn Jahre nachdem der "Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung" mit seiner Aktion SZ-Schülerlunch den Anstoß für ein kostenfreies Mittagessen in den Schulen für Kinder aus Haushalten mit geringem Einkommen gegeben hatte, ist nun endlich auch die Zuzahlung weggefallen. Und damit die letzte Hürde für die Teilnahme am Essen in der Gemeinschaft.

Nun gibt es zum Beispiel 15 statt zehn Euro monatlich für den Sportverein oder den Unterricht in der Musikschule. Doch in vielen Fällen reicht auch das noch nicht. Zudem sind Sportkleidung und Sportschuhe nicht gerade billig und, wenn sie dem Kind nicht ohnehin bald zu klein sind, schnell verschlissen. Um den Sport mit Gleichaltrigen nicht daran scheitern zu lassen, hatte der SZ-Adventskalender - noch vor Einführung des Bildungspakets - zusammen mit der Stadt die Aktion "Sport für alle Kinder" ins Leben gerufen, die mit Spenden die Ausstattung finanziert. Denn Sport bedeutet Gemeinschaftserlebnis. Mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und seinem verstorbenen Chefdirigenten Mariss Jansons entstand "Musik für alle Kinder", um Instrumentalunterricht zu finanzieren.

Teilhabe gibt das Gefühl dazuzugehören. Sie in möglichst vielen Bereichen für alle zu gewährleisten, bleibt eine wichtige Aufgabe, gerade auch im Hinblick auf die Wahlbeteiligung. Der Münchner Armutsbericht macht klar: Wer sich ausgeschlossen fühlt, weil sich niemand für seine Probleme interessiert, der geht auch nicht mehr zur Wahl. Um so bedauerlicher ist es für die Stadt, dass sie die soziale Existenzsicherung nur in geringem Umfang selbst gestalten kann.

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Quelle:
SZ vom 18.01.2020
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