SZenario:"Wir brauchen uns doch alle gegenseitig"

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SZenario: Autor Juan Moreno und sein Filmdouble Elias M'Barek in engagierter Diskussion.

Autor Juan Moreno und sein Filmdouble Elias M'Barek in engagierter Diskussion.

(Foto: Stephan Rumpf)

Bei der Premiere von Bully Herbigs neuem Film "Tausend Zeilen" wird viel über das Verhältnis von Presse und Öffentlichkeit diskutiert.

Von Josef Grübl

110 Zeilen für "Tausend Zeilen"? Das wird knapp, da schweift man besser nicht ab und konzentriert sich aufs Wesentliche. Den Film also: "Tausend Zeilen" lautet der Titel von Michael Bully Herbigs neuem Kinofilm, in dem er selbst nicht mitspielt, aber Regie geführt hat. Bundesweit läuft er nächste Woche an, bei der Weltpremiere am Mittwoch im Arri-Kino wird er erstmals vor großem Publikum gezeigt: Es ist eine auf realen Ereignissen basierende Tragikomödie unter Reportern, was an sich schon tragisch ist, manchmal aber auch saukomisch. Als Vorlage diente Juan Morenos Buch "Tausend Zeilen Lüge - Das System Relotius und der deutsche Journalismus". Darin geht es um den Medienskandal rund um den Spiegel-Journalisten Claas Relotius. Dieser wurde für seine außergewöhnlich lebensnahen Reportagen gefeiert, was auch insofern außergewöhnlich war, weil sie mit dem wahren Leben nicht viel zu tun hatten. Denn dieser Journalist nahm es nicht so genau mit der Wahrheit, er erfand Geschichten und berichtete von nicht stattgefundenen Begegnungen. Sein freiberuflicher Kollege Moreno kam ihm auf die Schliche.

Wer bei der Premiere Ausschau nach Relotius hält, sucht vergebens: Er hat sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Dafür ist Juan Moreno da - und das sogar in doppelter Ausführung: Einmal als er selbst, also als der Reporter, ohne den es den Film nicht geben würde und der sich jetzt anschauen darf, was Bully & Co. aus seiner Geschichte gemacht haben. "Man lernt viel über diesen Job, wenn man einmal selbst Gegenstand der Berichterstattung wurde", sagt Moreno am Rande des roten Teppichs. Und dann wäre da noch jener Mann, der ihn auf der Leinwand spielen darf - zwar aus juristischen Gründen unter leicht abgeändertem Namen, aber eindeutig als Juan Moreno zu erkennen: Deutschlands derzeit größter Kinostar Elyas M'Barek zeigt sich in dieser Rolle von einer etwas anderen Seite. Genauer gesagt von Reporterseite, was nicht allen seinen Fans gefallen dürfte: Ist doch landläufig bekannt, dass Reporter kein übersteigertes Interesse an Äußerlichkeiten haben - zumindest, wenn es um ihr eigenes Erscheinungsbild geht.

Und so schlurft der Mann, der mit den "Fack ju Göhte"-Filmen zum Superstar und Sexsymbol mit Sixpack wurde, reichlich abgerissen und in hässlichen Klamotten über die Leinwand. Einmal zeigt er seinen blanken Hintern, ansonsten kommt es in dieser Rolle nicht so sehr auf Bauchmuskeln an. Eher auf einen wachen Geist. Den braucht der Schauspieler auch am roten Teppich, wird er doch hauptsächlich nach dem Ring an seinem Finger gefragt: Schlagfertig weicht er allzu privaten Fragen nach seiner Hochzeit vor ein paar Wochen aus, viel lieber spricht er über Pressefreiheit, Qualitätsjournalismus und das Recht der freien Meinungsäußerung. "Wir brauchen uns doch alle gegenseitig", sagt der 40-Jährige dann noch, "wenn Sie nicht über den Film berichten, erfahren die Leute vielleicht nicht, dass es ihn gibt."

SZenario: "Meine größte Angst ist, dass keiner lacht", sagt Regisseur Bully Herbig.

"Meine größte Angst ist, dass keiner lacht", sagt Regisseur Bully Herbig.

(Foto: Stephan Rumpf)

Es gibt ihn aber, auch wenn der Regisseur noch Zweifel hat: Ihm sei an Premierenabenden manchmal nicht ganz klar, dass das sein Film sei, sagt Herbig. "Mein Worst-Case-Szenario ist aber, dass keiner lacht." Zumindest bei der parallel in zwei Kinosälen stattfindenden Premiere tritt das nicht ein: Im Publikum wird gelacht und vielleicht sogar geweint. Am Ende singt sogar noch jemand: Tom Gaebel und Hannah Borchert kommen während des Filmabspanns auf die Bühne und performen eine Sinatra-Nummer, die aber gar nicht von Frank Sinatra ist, sondern von Bullys Stammkomponisten Ralf Wengenmayr eigens für den Film komponiert wurde.

SZenario: Joerg Hartmann, Michael Ostrowski, Marie Burchard,Sara Fazilat und Michael Maertens bei der Premiere im Arri-Kino.

Joerg Hartmann, Michael Ostrowski, Marie Burchard,Sara Fazilat und Michael Maertens bei der Premiere im Arri-Kino.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Flying to the Stars" singen sie, und Stars sind an diesem Abend viele: Die beiden Hauptdarsteller Jonas Nay (in der Relotius-Rolle) und Elyas M'Barek sowieso, aber auch der allzeit verlässliche Österreicher Michael Ostrowski, der "Tatort"-geschulte Jörg Hartmann oder der Burgtheater-Star Michael Maertens. Alles tolle Schauspieler, alle aber auch sehr männlich. Liegt natürlich an der Vorlage, weshalb der Regisseur seine Schauspielerinnen Marie Burchard und Sara Fazilat als die "Kolleginnen, die die Frauenquote nach oben getrieben haben", vorstellt. In Sachen Geschlechterparität muss die Filmbranche noch etwas aufholen, aber das ist eine andere Geschichte. Dafür reichen auch keine 110 Zeilen.

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