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Taubenplage in Pasing:Schrille Schreie aus dem Lautsprecher

Taubenhaus in München, 2014

Taubenhaus auf dem Dach des Karstadt an der Münchner Freiheit. In Pasing wollen sie die Tiere loswerden.

(Foto: Florian Peljak)

Das Gekreische von Falken soll die Tauben am Pasinger Bahnhof vertreiben. Doch die Vögel reagieren gelassener als die Fahrgäste.

Von Jutta Czeguhn

Lautsprecher-Durchsagen an Bahnhöfen lassen sich in folgende Kategorien fassen: Meistens dringt aus der DB-Anlage strategisches Schweigen. Wenn die DB doch mit ihren Kunden kommuniziert, dann mit Offensichtlichem ("Meine Damen und Herren, wegen Bauarbeiten an der S-Bahn-Stammstrecke...") oder technisch vernuschelten Orientierungshilfen ("Knarz, Gleis..., knirsch, ICE nach Dortmu..., knister"). Was man aber derzeit am Pasinger Bahnhof vernimmt, will nicht in das gewohnte DB-Soundarchiv passen.

Es hört sich an wie eine Silvesterrakete, die steigt, dann aber abschmiert. Eine hoher Ton, so schrill, dass er locker die Sinfonie der Bahnhofsgeräusche durchdringt. Und jedesmal geschieht das Gleiche: Die Leute auf den Rolltreppen, an den Bahnsteigen, in der großen Bahnhofshalle ziehen erst das Genick ein, dann strecken sie die Hälse und blicken suchend in die Luft. Der klassische Raubvogel-Reflex. Sierra Nevada am Pasinger Bahnhof.

Im Western verheißt der Ruf des Falken selten etwas Gutes: Seid gewarnt, ein Sioux-Angriff steht unmittelbar bevor. In etwa darum geht es auch bei der Tonspur mit den Schreien von Falken aus dem Ansagezentrum der Bahn. Die Tauben am Pasinger Bahnhof - sie leben dort in munter wachsender Zahl seit gefühlten 507 Generationen - sollen vom Gekreisch der Raubvögel so nachhaltig erschreckt werden, dass ihnen die Brezenbrösel aus den Schnäbeln rutschen und sie Reißaus nehmen.

Ob das Konzept aufgeht? Der Bahnsprecher klingt, als habe er die ornithologische Materie völlig durchdrungen. "Aus den Lautsprechern kommen drei unterschiedliche Falkenschreie, jeder wird zweimal wiederholt, sechsmal in der Stunde, aber in unterschiedlichen Abständen, schließlich wollen wir vermeiden, dass sich die Tauben daran gewöhnen", erläutert er die Vergrämungsmethode. Der Aufwand sei minimal gewesen, ein DB-Mitarbeiter habe die Vogelrufe aus dem Internet gefischt und im Anlagezentrum aufgespielt. Dann habe man noch beim Kreisverwaltungsreferat die Erlaubnis eingeholt. Bis Herbst gehe der Testlauf in Pasing sowie an den S-Bahnhöfen in Germering-Unterpfaffenhofen und Starnberg.

Zweifel am Erfolg der Beschallung gibt es allenthalben. Im Café in der Bahnhofshalle sinniert die abendliche Weißbier-Runde mit schweren Zungen über die Taubenplage. "Die Viecher scheißen hier alles zu, da muss die Bahn eben was machen", sagt einer der Gäste mit glasigen Augen. Sein Kumpel glaubt nicht an den falschen Falken: "So eine Taube, die ist gescheiter, als man denkt." Mit dieser Einschätzung ist der Laie nicht alleine.

"Ziemlich nahe an den Raubvögeln"

"Tauben sind, was ihre Intelligenz betrifft, ziemlich nahe dran an den Rabenvögeln", sagt Sylvia Weber vom Landesbund für Vogelschutz. Für sie stellt sich die Frage, ob die Vögel die Falkenrufe aus der Konserve überhaupt als solche erkennen. Warum sollte es den Tauben mit Bahn-Durchsagen anders ergehen als den Kunden. Knarz, knirsch, knister. Und selbst wenn die Warnrufe identifiziert werden? Weber erzählt von einem ähnlichen Versuch im Stall eines Stadtgutes in Ismaning: "Die Tauben waren anfangs ein bisserl schockiert, dann haben sie die Schreie völlig ignoriert."

Sollte es auch in Pasing, Germering und Starnberg so kommen, hat die Bahn, elastisch wie sie ist, schon Plan B in der Schublade. "Wir könnten gelegentlich echte Falken einsetzen", sagt der Bahnsprecher. Am Münchner Flughafen habe man damit gute Erfahrungen gemacht. Den Pasinger Tauben und den Bahnkunden stehen also weiterhin spannende Zeiten bevor.

© SZ vom 07.07.2014/infu

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