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"TatOrtZeit.Andacht" in Ludwigsvorstadt:Der Pharao und der Heilige

Paulskirche, St.-Pauls-Platz 10,  Sanierungsarbeiten

Die Sonne verleiht den bunten Glasfenstern im Altarraum der Paulskirche wunderbare Leuchtkraft.

(Foto: Florian Peljak)

Zur besten Tatort-Zeit gibt es in der Paulskirche herzwärmende Sonnengesänge

Von Nicole Graner, Ludwigsvorstadt

Man hat die Szene vor Augen, ein wenig zumindest: Die Sonne brennt auf den Wüstenboden. Es muss heiß sein und das Licht flirren. Am Ostufer des Nils tummeln sich die Tiere Ägyptens. Sie beugen sich über das Wasser, trinken oder kühlen sich im Nass. Löwen, Kamele, Antilopen. Andere weiden auf fruchtbaren Land. Menschen schöpfen Wasser, Flussarme wässern die Äcker. "Alles Vieh sättigt sich an seinen Kräutern, Bäume und Pflanzen wachsen, die Vögel fliegen auf aus ihren Nestern". Einen Hymnus hat Pharao Echnaton in der 18. Dynastie, im 14. Jahrhundert vor Christi Geburt, auf die Sonne geschrieben, die er anbetet. In ihr sieht er alles Leben, sie wird für ihn zur Gottheit Aton. Und ihr widmet er ein Schöpfungsloblied: "Du erhebst dich des Morgens am Horizont, du leuchtest als Sonne des Tages, du vertreibst die Finsternis, du verbreitest deine Strahlen."

Die Finsternis vertreiben - im übertragenen Sinne will in diesen Zeiten der Distanziertheit auch Pfarrer Rainer Hepler mit einer ganz besonderen Andacht in St. Paul. Seit September gibt es einmal in der Woche am Sonntag eine Auszeit für Menschen, die, wie Hepler sagt, "die Seele baumeln" lassen oder meditieren wollen. Zur besten Tatort-Zeit, um 20.15 Uhr. Der Sonntagskrimi gab dem Format indirekt seinen Namen "TatOrtZeit.Andacht". Aber nicht, weil es in 60 Minuten um irgendwelche kriminalistische Fälle geht, sondern um die Symbiose aus Wort und Musik, um den spirituellen Raum und die Zeit, die dem Zuhörenden selbst geschenkt wird. Ein Musiker habe den Titel gefunden, der dann eben auch "philosophisch und spirituell" zu deuten sei, sagt Hepler.

Angefangen hat alles mit den besonderen Eucharistiefeiern in St. Paul, die früher sogar erst um 22 Uhr stattgefunden hätten. "Das war dann aber selbst uns irgendwann zu spät", sagt der 57-jährige Priester, der in St. Paul für den Fachbereich Kunstpastoral zuständig ist und den früheren Termin 20.15 Uhr viel besser findet, um die Menschen erreichen zu können. In diesen Gottesdiensten spielten Musiker zeitgenössische Stücke, es gab Impuls-Texte. Doch dann kam Corona. Nichts ging mehr. Lieb gewordene Tradition sollte aber nicht verloren gehen. Das Team entwickelte Podcasts, die im Internet abrufbar, aber auch stündlich im Kirchenraum zu hören waren. Mit Musik, mit Texten. "Die Kirche war so still. Der Raum musste einfach wieder lebendig werden, egal, wann Menschen ihn besuchten", erklärt Hepler, für den das Wort "Lebendigkeit" im Zusammenhang mit der Kirchenarbeit sowieso eine wichtige Bedeutung hat. Weil es seiner Meinung nach eben immer um das Leben gehe, in dem man das Schöne, das Göttliche finden könne. Zu jeder Zeit. Beim Duschen, beim Essen. Oder bei einer Eucharistiefeier "Eucharistie ist überall", sagt der Pfarrer. Das Team entwickelte die Podcast weiter und es entstand eine neue Form der Andacht. Musiker, die das Team bestärkten, den Kirchenraum live mit Leben zu füllen, kannte man viele. Gute Themen fanden sich in der Coronazeit genug, substanzielle Texte auch.

Womit man wieder bei Echnaton und seinem Sonnenhymnus wäre. Denn das Licht, das Wärmende sollten Thema sein für die nächste Andacht an diesem Sonntag. Im zweiten Lockdown. "Die Sonne", sagt der 57-Jährige, "ist für Echnaton alles Leben, alles Schöne." Wie auch im Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi (vermutlich 1182-1226), in dem er die Schöpfung preist und die Sonne als Schwester bezeichnet, "die uns den Tag schenkt durch ihr Licht". Die Verbindung beider Texte, die Sprecher Edmund Telgenkämper am 15. November lesen wird, ist der 104. Psalm "Das Lied der Schöpfung" in einer sehr poetischen Übersetzung des Religionsphilosophen und Theologen Romano Guardini (1885-1968). Die Ähnlichkeiten dieser Texte, obwohl zeitlich so unterschiedlich, verblüffen. "Das ist religionsgeschichtlich sehr interessant", erklärt Pfarrer Hepler. Aber alle eine letztlich ein Gedanke: "Das Leben ist schön". Die Musiker Johannes Öllinger (Gitarre), Hugo Siegmeth (Saxofon) und St. Pauls Kirchenmusiker Peter Gerhartz (Tasteninstrumente) improvisieren in gebührendem Abstand im Altarraum, vertonen die Texte. Auf moderne Weise.

Zur besten Tatort-Zeit findet die Andacht statt. Aber eben nicht im warmen Wohnzimmer, sondern in einem "wunderbar atmosphärischen Raum". Kalt werde es in den 60 Minuten. Aber, wenn es nach Rainer Hepler geht, nur physisch. Keinesfalls im Herzen.

"TatOrtZeit.Andacht": Sonntag, 15. November, 20.15 Uhr, St.Paul, am St.-Pauls-Platz 11. Die Andacht ist live. Der Sicherheitsabstand ist gewährleistet. Es gelten die Hygieneregeln. Einlass nur mit Maske.

© SZ vom 14.11.2020
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