E-Sport-Szene im München-Tatort:Wie kann so etwas Sport sein?

E-Sport-Szene im München-Tatort: E-Sport im München-Tatort (von links): Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Referee (Danny Rosness).

E-Sport im München-Tatort (von links): Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Referee (Danny Rosness).

(Foto: Claudia Milutinov)

Im neuen Münchner "Tatort" landen die Kommissare in der E-Sport-Szene. Beim Dreh haben auch Gaming-Experten aus München beraten. Wie realistisch die Branche dargestellt ist.

Von Jürgen Moises

Es ist eine fremde Welt, mit ihren eigenen Regeln und Sprachcodes. Wie etwa "Camper", "flamen" oder "Wallhack". Schon davon gehört? Falls ja, dann sind Sie vermutlich Videospieler oder E-Sportler. Denn deren Welt ist es, in welche die aktuelle Tatort-Folge mit dem Titel "Game Over" entführt. Hier sind es die von Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl gespielten Münchner Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr, die sich quasi wie Ethnologen in der Welt der Videospiele und des E-Sports zurechtfinden müssen. Denn klar, dafür sind die beiden mit mehr als 60 Jahren zu alt. Und wer tagtäglich in der realen Welt Verbrecher jagt, hat für Videospiele keine Zeit. Oder dafür, anderen Leuten dabei zuzuschauen, "wie sie auf Bildschirme starren".

So nimmt jedenfalls Kommissar Leitmayr in dem von Stefan Holtz und Florian Iwersen geschriebenen und von Lancelot von Naso inszenierten Film sein erstes E-Sport-Turnier wahr. Und da fühlt man sich ein bisschen an die Folge "#REHASH" der US-Animationsserie South Park aus dem Jahr 2014 erinnert. Da ist es der junge Kyle, der mit seinem jüngeren Bruder Ike ein Videogame spielen will. Der dann aber überrascht feststellen muss, dass Ike lieber einem gewissen PewDiePie im Internet beim Spielen zusieht. Wieso? Das will Kyle nicht in den Kopf. Bei Leitmayr ist die Frage: Wie kann so etwas Sport sein? Die Antwort des jüngeren Kollegen Kalli Hammermann: Adrenalin. "So ein E-Sportler hat einen Adrenalinausstoß wie ein Formel-1-Pilot."

Ob das stimmt? Gut möglich. Wobei Leitmayr Kalli entgegnet: Dasselbe hätte er auch schon über Musiker gesagt. Ansonsten darf sich der von Ferdinand Hofer gespielte Kalli in diesem Fall, bei dem es um den Mord an einer jungen Polizistin geht, tatsächlich ein bisschen als ein Videospiel-Aficionado outen. Den Videospiel-Klassiker "Counter-Strike", ein im E-Sport häufig gespieltes Online-Taktik-Baller-Game? Kennt er. Den Begriff "Replay" für die Aufzeichnung einer Computerspiel-Partie? Kennt er. Und auch sonst wirkt er in Sachen Videospiele sehr patent. Ob das insgesamt auch für den Film gilt, in dem es noch um den jungen E-Sport-Shooting-Star Oskar aus München geht, um E-Sport spielende Polizisten, viel Geld und Betrug?

Den nächsten SWR-Tatort kann man auf dem Handy nachspielen

Nun, in der Tat wirkt die E-Sport-Szene hier recht realistisch dargestellt. Was wohl daran liegt, dass der Munich eSports e.V. den Tatort-Machern beratend zur Seite stand. Gut, es gibt da die Seitenhiebe von Batic und Leitmayr. Die aber vielleicht gar nicht nötig wären. Denn immerhin elf Prozent der Videospieler in Deutschland waren 2022 über 60 Jahre alt. Dass der E-Sport hier eine Männerwelt ist, ist wiederum leider ebenfalls sehr realistisch. Denn auch wenn inzwischen gut 50 Prozent der Gamer weiblich sind: Im professionellen E-Sport tauchen sie kaum auf.

Um Videospielsucht geht es auch. Und wenn der Film eine "reale" Verfolgungsjagd mit Waffen mit einer virtuellen Verfolgungsjagd verknüpft, dann geht es, klar, um die Frage nach Spiel und Ernst. Aber das geschieht nicht übertrieben moralisch oder dogmatisch. Wobei man sagen muss: Die Kollegen vom SWR-Tatort sind beim Verwischen der Grenzen noch etwas weiter. Am 18. Juni gibt es da nämlich eine Folge, die man auf dem Handy nachspielen kann.

Aber noch einmal zur Frage, was E-Sport zum Sport macht. Nun, wie der Film zeigt, kann man hier wie etwa beim Profi-Fußball sehr viel Zeit und Energie hineinstecken. Und warum nicht, wenn bei echten E-Sport-Turnieren wie "Dota 2" inzwischen bis zu 19 Millionen Dollar Preisgeld winken. Klar lockt das, wie im Film, dann auch Betrüger. Oder wie in der realen Welt Investoren wie die Savvy Gaming Group aus Saudi-Arabien. Die hat im vergangenen Jahr mit dem ESL einen der größten deutschen eSport-Turnierveranstalter gekauft. Für Fans ein großer Skandal. Aber am Ende zeigt vielleicht gerade das am Allerdeutlichsten: dass der E-Sport in der echten Sportwelt angekommen ist.

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