Tatort Sonnenstraße:Wenn der Spaß aufhört

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Drei Männer treten nahe der Sonnenstraße einen 18-Jährigen fast tot. Barbetreiber versuchen, mit einem Netz aus Sicherheitskontrollen Gewalt- und Drogenexzesse in den Griff zu bekommen. Doch im Vergleich zu anderen Städten halten selbst Türsteher die Sonnenstraße noch immer für sicher. Ein nächtlicher Besuch.

Philipp Crone und Florian Fuchs

Tatort Sonnenstraße: Das Münchner Nachtleben ist zwar endlich wieder aufregender geworden, doch mit der Zahl der Clubs wachsen auch die Probleme.

Das Münchner Nachtleben ist zwar endlich wieder aufregender geworden, doch mit der Zahl der Clubs wachsen auch die Probleme.

(Foto: Stephan Rumpf)

Um 3.42 Uhr am Samstagmorgen lehnt Christian, Türsteher der Milchbar, an einem der Absperrungsgitter vor dem Eingang und blickt auf die dunkle Sonnenstraße. Der größte Andrang ist vorbei für heute, und es war alles ruhig. Drei junge Männer mit geröteten Augen und etwas weißer Dönersoße im Mundwinkel gehen auf dem Bürgersteig vorbei, Richtung Sendlinger Tor, zum CO2-Club oder dem 8Seasons, Vier junge Damen kommen ihnen entgegen, sie stöckeln etwas unsicher in die andere Richtung, zum Maximiliansplatz.

Auf den Straßen sind nur noch Taxis unterwegs. Christian sagt: "Auf der Sonnenstraße selbst passiert ohnehin selten etwas. Wenn, dann in den Seitenstraßen." Nur einen Tag später, Samstagnacht, zum Beispiel in der Herzog-Wilhelm-Straße: Da ermittelt nach einer Schlägerei zwischen sechs Jugendlichen nun die Mordkommission. Einer der Beteiligten ist schwer verletzt. Ein Vorfall, wie er immer häufiger passiert entlang der sogenannten Feierbanane.

Der Begriff ist entstanden, weil sich die Partymeile, an der sich immer mehr Clubs und Diskotheken ansiedeln, vom Sendlinger Tor bis zum Maximiliansplatz um die Altstadt krümmt. Während sich das Viertel aber in den Augen zahlreicher Partygänger mehr und mehr zum Zentrum des Münchner Nachtlebens entwickelt und sie den Begriff deshalb mit Freude und Aufregung verbinden, ist den Polizisten der Spaß vergangen: Die Einsatzkräfte beklagen immer mehr Probleme, laut ihren Statistiken gehen auf der 1,2 Kilometer langen Strecke in einer gut besuchten Wochenendnacht inzwischen zehntausend Menschen feiern.

Die Polizei zählte dort im vergangenen Jahr 1500 Einsätze zwischen 1 Uhr und 5 Uhr morgens, davon 330 Körperverletzungen, 120 gefährliche Körperverletzungen und knapp 270 Drogendelikte. In der Nacht auf Sonntag treten drei Männer nahe der Sonnenstraße einen 18-Jährigen fast tot. Was für die einen eine Spaßzone ist, bezeichnet die Polizei als "zweiten nächtlichen Brennpunkt der Stadt" neben dem Gelände von Optimolwerken und Kultfabrik am Ostbahnhof.

"Der hat mir ins Gesicht gespuckt"

Was die Ordnungshüter damit meinen, ist am Freitagabend etwa eine halbe Stunde nach Mitternacht im 8Seasons zu beobachten: Weiße Couches stehen in den hohen Hallen der ehemaligen Isarpost, die Räume leuchten blau und rosa, der Bass bearbeitet das Trommelfell, aber in diesem Moment schauen fast alle Augen nur auf den Türsteher, der seine Lederhandschuhe angezogen hat und zwei junge Männer vor sich her ins Freie scheucht.

Draußen, wo die Raucher neben den Heizpilzen stehen, geht das Gezeter los: "Der hat mir ins Gesicht gespuckt", keift eine junge Frau im grauen Mantel. "Die hat uns unsere Getränke geklaut", brüllen die jungen Männer. Es ist nicht mehr ganz klar, wer übertreibt und wer die Wahrheit sagt, dem Türsteher wird es nach fünf Minuten zu bunt: Die beiden Kerle fliegen raus.

Es sind meist die kleineren Probleme, die in Diskotheken täglich passieren. Ein paar Meter weiter, neben den Wartegittern der Milchbar, erzählt Türsteher Christian einen härteren Fall, den er erst vor kurzem erlebt hat: Ein junger Kerl kam immer wieder an den Eingang und pöbelte die Türsteher an, irgendwann hat er sich so aufgeführt, dass sie eingreifen mussten. "Da hat er ein Küchenmesser gezogen und wollte Freundschaft schließen. Wir haben ihn der Polizei übergeben."

"Passieren kann immer was"

Die Milchbar zog Anfang 2008 vom Ostbahnhof an die Sonnenstraße und war damit so etwas wie der Vorreiter einer ganzen Welle von Umzügen. Die Angestellten hier können also einiges über den Standort erzählen, Betriebsleiter Ante drückt seine Sicht auf die Dinge in einem Satz aus: "Ich kann mich gar nicht erinnern, wann wir hier den letzten K.O. hatten."

Soll heißen: Natürlich gibt es ab und an Gäste, die Probleme machen, manchmal auch große Probleme wie der Typ mit dem Messer. Aber das sind vor und in den Clubs die Ausnahmen. Türsteher Christian, der den Job seit sieben Jahren macht und noch die Zeit am Ostbahnhof erlebt hat, hält die Diskussion ohnehin für übertrieben: "Die Sonnenstraße kann man doch die ganze Nacht mit einem sicheren Gefühl rauf und runter spazieren. In anderen Städten wie in Frankfurt sieht das ganz anders aus."

Es sind Sätze, die sie hier alle sagen, Türsteher, Clubbetreiber, Gäste. Es ist keiner unterwegs, der ein mulmiges Gefühl hat oder die Gegend mit den vielen Clubs für besonders gefährlich hält. Damit nichts passiert, haben die Clubs ausgeklügelte Sicherheitsabläufe. Wenn etwa in der Milchbar auf der Tanzfläche im ersten Stock etwas passiert, ruft der Barkeeper, der hier Dienst hat, unten bei den Türstehern an. Die sehen die Nummer auf dem Display und wissen dadurch sofort, wo genau sie hinmüssen. "So müssen wir nicht ständig drinnen im Club stehen. Die Leute können ungestört feiern. Aber wenn etwas passiert sind wir in Sekunden da."

Im Harry Klein gleich neben dem Burger King filzt das Sicherheitspersonal jeden einzelnen Gast gründlich und nach einem bestimmten Muster. "Wenn wir am Eingang Problempersonen rausfiltern, vermeiden wir gleich Ärger", sagt Betreiber David Süß. Sein Club hat eine Fläche von 138 Quadratmetern, und da sind an diesem Abend 14 Personen im Einsatz.

Vor dem Call me Drella am Maximiliansplatz stehen 30 Leute. Zwei Männer von einer privaten Sicherheitsfirma stehen in dunklen Jacken dabei und beobachten. Sie passen auf, "dass die Gäste nicht zu laut" werden, und sollen Schlägereien unterbinden.

Geschulte Türsteher, Funkverbindungen, Sicherheitskontrollen, Sicherheitspersonal - meistens ist es auch deshalb sehr ruhig, wie am Freitag zum Beispiel. Doch schlimme Vorfälle wie den am Samstag gibt es auch immer wieder.

Ein junger Mann mit Nickelbrille und Wollmütze macht sich am Freitagnacht gegen halb vier auf den Heimweg, er sagt: "Passieren kann immer was, aber das ist doch überall so, wo viele Leute sind."

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