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Tassilo:Von der Kraft des Zuhörens

Die Begegnung mit minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen in Freimann war für den Schauspieler und Regisseur Viktor Schenkel Startpunkt zu seinem "Theater Grenzenlos"

Von Nicole Graner, Freimann

Dieser Ort hat etwas Friedliches. Und etwas, das Bilder im Kopf entstehen lässt. Vom Geborgensein in der Natur vielleicht. Von Begegnungen. Vom ersten Tête-à-Tête eines Liebespaares. Oder von Kindern aus allen Ländern, die Verstecken spielen im Grün. Ohne Worte. Nur mit viel Gelächter. Wer in dieser hölzernen Laube im Garten der Mohr-Villa sitzt, ist gefühlt weit draußen und doch irgendwie mitten drin. Mitten in der Stadt, im Vogelgezwitscher, mitten im Leben.

Dass Viktor Schenkel hier oft Musen trifft, ist gut vorstellbar. "Hier schreib' ich", sagt der 67-Jährige, dessen buschige Augenbrauen sich bei jedem Satz scheinbar immer mehr aus dem Gesicht bewegen, "hier finde ich die Ruhe, aus meinen Ideen Stücke werden zu lassen." Stücke für das "Theater Grenzenlos". An diesem Tag sitzt er auf einem Klappstuhl, ohne Tisch, ohne Laptop. Die Sonne strahlt ihm ins Gesicht. Der Schauspieler, Regisseur, Grafiker und Clown beginnt zu erzählen - Geschichten in Geschichten - wie alles gekommen ist. Was das große Flüchtlingsdrama 2015 in ihm ausgelöst hat, was auf einmal passierte. Irgendwie fast passieren musste.

Preise hat das Theater schon bekommen, aber Regisseur Viktor Schenkel will mehr - dass sich alles weiterentwickelt, dass Integration nicht nur ein Wort bleibt, sondern im Alltag Wahrheit wird.

(Foto: Stephan Rumpf)

Er begegnete minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen in einem Clearinghouse in Freimann. All die Bilder von umgestürzten Booten im Meer, die Trauer, die Angst in den Blicken der Menschen. Gepackt habe ihn das alles, sagt Schenkel, unfassbar traurig gemacht. "Und ich stellte mir vor, wenn mein 15-jähriges Kind das Nest verlassen müsste, allein und ohne Schutz." Als Vater von drei erwachsenen Töchtern hat ihn dieser Gedanke nicht mehr losgelassen. Dass er Werbefilme drehte, zum Beispiel mal für eine namhafte Konfitüre, in zig Filmen spielte, als Clown aufgetreten ist und bereits Theater-Workshops für verhaltensgestörte Jugendliche gegeben hat - all das muss in diesen Momenten der Begegnung mit den Geflüchteten wie eine Aufforderung gewirkt haben: Tu was! Hilf! Aber so, dass es den jungen Menschen guttut. Der Gedanke, mit ihnen Theater zu spielen, war die Geburtsstunde von "Theater Grenzenlos".

Viktor Schenkel lädt die Jugendlichen zu einem ersten Treffen in die Mohr-Villa ein. Es kommen nur wenige. Dann mehr. Manche bleiben, manche gehen. Die Angst ist groß, die Unsicherheit. Doch Schenkel lässt nicht locker, besucht die Jugendlichen, die plötzlich nicht mehr kommen. "Einmal", so erinnert er sich an die Anfänge, "habe ich einen Jungen weinend aus dem Bett geholt." Und Schenkel hört zu, mehr als jemals zuvor. Hört, wie die Geflüchteten von ihrer Heimat erzählen, von ihrem Schmerz, die Familie nicht um sich zu wissen. Von ihrer Einsamkeit. Er erspürt die Geschichten, die Spuren hinterlassen im Herzen: "Fast immer war bei allen Traumata der Tod im Spiel. Physische und psychische Folter", sagt er, und sein Blick schweift ab. In den Himmel, der an diesem Tag blau ist.

Und da ist die Sprachbarriere. Wie Theater spielen, ohne den anderen zu verstehen? Ohne sich preiszugeben, jenen kleinen Schutzwall aufzubrechen, den sich die Jugendlichen gebaut haben. Es geht. Pantomimisch erklärt Schenkel, spielt vor. Und es geht mit den klassischen Mitteln des Theaters, mit Masken etwa oder Schattentheater. Beides, sagt Schenkel, schenkt einen geschützten Raum. Hinter einem weißen Tuch, den direkten Blicken entzogen, spielen sich die jungen Menschen auf einmal frei - mit starker Gestik: Ein Mann hinter der Schattenwand läuft mit Koffern, lange, sehr lange. Eine Familie verabschiedet sich. Collagen mit dem Titel "Grenzenlos" entstehen. Noch im Jahr 2016.

Vertrauen aufbauen. Das dauert. Viktor Schenkel gelingt es. Mit viel, unendlich viel "Fingerspitzengefühl", wie er sagt. Aus den Begegnungen werden Freundschaften, eine kleine Theatergemeinschaft entsteht, in der sich jeder wertschätzt. Warum ihm das gelingt? Er lehnt sich auf seinem Stuhl zurück, sagt lange nichts. So, als ob er in Gedanken die Jahre im Zeitraffer zurückdreht. "Ich weiß es nicht. Es gab einmal ein Erlebnis. Eine Freundin meiner Tochter hatte Angst beim Skifahren. Sie wollte die Berge einfach nicht hinunter. Irgendwie gelang es mir, ihr mit Worten, Zuhören und Geduld die Angst zu nehmen." "Ich weiß es nicht", wiederholt er. Doch eine Antwort liegt nahe, wenn man Schenkel begegnet, mit ihm redet. Es ist seine Offenheit für die mannigfaltigen Blickwinkel der Menschen, eine Art Kraft des Zuhörens - und des Antwortens. Ja, es ist auch seine Leidenschaft, mit der er für Dinge brennt, die ihm viel bedeuten. Die Familiengeschichte gehört wohl auch dazu. Seine Mutter musste mit 13 Jahren aus Russland fliehen. Ließ alles hinter sich, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen.

Neue Nachbarn: Geflüchtete aus Afghanistan, dem Irak, Eritrea oder Nigeria spielen ihre Geschichten, etwa in Orient Connection.

(Foto: Grenzenlos)

Die erste Theateraufführung "Grenzenlos" findet in einer Schule statt. Schenkels Zöglinge wären vor lauter Angst am liebsten davongelaufen. Doch sie wachsen über sich hinaus und alles klappt. "Im Saal", erinnert er sich, "war es mucksmäuschenstill, und wir waren in der Schule lange Tagesgespräch." Weitere Aufführungen folgen in der Mohr-Villa, die das "Theater Grenzenlos" von Anfang an unterstützt hat. Dann kommt Corona. Also wird das große Kreuzfahrtschiff der Inszenierung "Seelenstärke 10" im Mohr-Villa-Park aufgebaut. Es regnet nicht. Die Zuschauer sind begeistert. Wieder einmal.

In der Gartenlaube hat Viktor Schenkel, der vor langer Zeit auch mal Grafik-Designer war, natürlich auch das neue Stück geschrieben: "Bayerisch Baklava". Die Proben laufen. Mit alten und neuen Gesichtern. Mit Laien und mittlerweile auch Profis. Mit ständigen Schnelltests und mit allen Hygiene-Vorschriften. Und wieder hofft er, dass die Produktion im Juli gespielt werden kann. Das Theater müsse sich ja tragen, sagt Schenkel. Und die Förderungen seien immer projektbezogen.

Pläne hat er natürlich. Die alte Remise der Mohr-Villa, die jetzt schon zur Bühne geworden ist, als feste Spielstätte ausbauen. Und die Formate ändern. Ein Traum: auf einem Theaterschiff spielen, die Flüsse hinunterfahren. Auch habe sich das Thema Flucht "ausgespielt". Jetzt müsse es darum gehen, wie Integration wirklich funktioniert, wie das Miteinander aussieht. In diesem Land, in dem es so "verflucht schwer" sei, "akzeptiert zu werden".

Die Sonne in der Laube ist fast verschwunden. Schenkel erzählt noch immer. Viel hat er gemacht in seinem Leben. Viel probiert. Nicht alles hat ihn erfüllt wie die Schauspielerei. Und so bleibt am Ende die Frage an einen stets Ruhelosen, ob er glücklich ist, mit dem, was er jetzt tut. "Ja", sagt er mit seiner warmen, tiefen Stimme und blickt sein Gegenüber an, die buschigen Augenbrauen gehen nach oben. "Ja, ich bin bei mir angekommen. Ich habe das Richtige in mir entdeckt."

© SZ vom 06.05.2021
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