Kandidat für den Tassilo 2018 Viel mehr als nur Schafe

Schwarz-weiße Schäferidylle: Irgendwie hatten die hölzernen Tiere auf dem Olympiaberg eine gute, neue Heimat gefunden. Wie auch viele Menschen in Milbertshofen - so die von Walter Kuhn gewollte Assoziation des Betrachters. Traurig waren die Spaziergänger, als die Schafe wieder verschwanden.

(Foto: Lukas Barth)

Ob Kühe, ob Menschen, aus Holz oder aus Metall: Walter Kuhns Kunstprojekte sollen im Alltag der Menschen verwurzelt sein. Und sind gleichsam Metaphern für Ereignisse, die eine Gesellschaft prägen und zu Diskussionen führen.

Von Ulrike Steinbacher, Nymphenburg

Mal angenommen, wir führen unseren Hund jeden Morgen im Olympiapark Gassi; laufen blicklos den Berg hinauf, den Kopf schon halb in der Arbeit. Dann sagt der Hund plötzlich erschrocken "Wuff", und wir halten verblüfft an. Was Tag für Tag gleich aussah, ist plötzlich anders: Vor uns stehen Schafe, große und kleine, Hütehund und Schäfer inklusive, alles in Lebensgröße aus Spanplatten gesägt und schwarz, weiß oder rot lackiert. Die Herde vor dem Hintergrund der Olympia-Dachlandschaft ergattert mühelos, was Aktionskünstler Walter Kuhn mit seinen Arbeiten als allererstes erreichen will: die Aufmerksamkeit des Betrachters für seine Umgebung, den neuen Blick auf Altvertrautes.

Kurz vor Ostern 2015 startete Kuhn sein erstes Projekt in Deutschland. Die hölzerne Schafherde stand erst am Olympiaberg und zog danach in den Botanischen Garten, zum Stadtteilkulturfest nach Riem und schließlich in die Mohr-Villa Freimann, wo noch immer einige Exemplare zu finden sind. 22 Artgenossen aus Eisen weiden bis heute auf dem Dach von Werk 3 im Werksviertel, wo ihnen echte Walliser Schwarznasenschafe Gesellschaft leisten.

Walter Kuhns Schaf-Idylle war aber keinesfalls nur für die Ach-wie-süß-Schublade gedacht, so sehr sie Kinder entzückte und Hunde verwirrte. Der heute 71-Jährige - runde Brille, gepflegter Vollbart, lebhafte Gesten - ist promovierter Sozialgeograf, hat sich also von Berufs wegen mit der Beziehung zwischen Raum und Gesellschaft beschäftigt. Seine Kunst ermöglicht zwar den einfachen Zugang, hat aber grundsätzlich eine politische Ebene, auch wenn er selbst stets freundlich darauf hinweist, dass er darin nur eine unter vielen Interpretationsmöglichkeiten sieht.

Dem Projekt mit der Schafherde gab er 2015 den sperrigen Titel "Urbane Transhumanz". Unter Transhumanz versteht man eine Form der Wanderweidewirtschaft aus dem Mittelmeerraum, bei der die Herden mit ihren Hirten zu immer neuen Futterplätzen ziehen, eine Reise ins Ungewisse, teils über weite, gefährliche Wege. Zu einer Zeit, als immer mehr Flüchtlinge nach München kamen, benutzte Walter Kuhn seine wandernde Schafherde als Metapher für die weltweite Migration. Dazu passt, dass er den Erlös aus dem Verkauf der Schafe - 13 000 Euro nach Abzug der Unkosten - dem Verein Kolibri spendete, der sich für Flüchtlinge und Migranten einsetzt.

Angefangen hat der gebürtige Nürnberger sein künstlerisches Werk nach der Pensionierung aber nicht mit Schafen, sondern mit Kühen. Und nicht in München, sondern im französischen Zentralmassiv. In dieser dünn besiedelten Gegend liegt das alte Haus, das Kuhn mit seiner Frau in jahrelanger Arbeit hergerichtet hat. Als es daran nichts mehr zu tun gab, begann er wieder zu malen. Und weil sein Haus auf dem Plateau de Millevache liegt, was man als "verlassene Hochebene" verstehen kann, aber auch als "Plateau der tausend Kühe", malte Walter Kuhn eben Kühe.

Ein Open-Air-Kunstwerk mit 3000 überdimensionalen Mohnblumen auf dem Königsplatz soll das nächste Projekt von Walter Kuhn werden.

(Foto: Lukas Barth)

Danach kam eins zum anderen, und so organisierte er 2011 in einem riesigen historischen Saal in Crocq eine Ausstellung von 38 Künstlern zum Thema "Mehr als tausend Kühe". Wer Fotos von den bunt bemalten Kuh-Silhouetten sieht, die damals als Werbetafeln für die Schau an steingrauen Hausmauern hingen, kann sich gut vorstellen, dass die Ausstellung ein Publikumsmagnet wurde. Inzwischen hat sie - mit wechselnden Themen und immer mehr Künstlern - zum sechsten Mal stattgefunden, im Ort hat sich eine Malschule gegründet, die Schaufenster leer stehender Geschäfte wurden zu Ausstellungsflächen umfunktioniert, kurz: In das ausgeblutete Dorf im Departement Creuse ist mit der Kunst ein bisschen Leben zurückgekehrt.

"Es war mir schon immer wichtig, was für Leute zu machen, die nicht unbedingt ins Museum gehen", sagt Kuhn. Ent-Elitarisierung nennt er das und rollt das "r" fränkisch, übrigens auch dann, wenn er Französisch spricht. Also steht seine Kunst im öffentlichen Raum, im Alltag der Menschen. Dort soll sie zum Nachdenken anregen, Debatten anstoßen, denn Kuhn findet, "dass Kunst von der Diskussion darüber lebt".

Da ist es folgerichtig, dass sich seine Projekte der vergangenen Jahre aus solchen Diskussionen ergaben. In München entwickelte sich aus der Aktion mit den Schafen ein Kontakt zum Kulturhaus Milbertshofen, wo Kuhn Ende 2016 einen Kunst-Workshop samt Ausstellung anbot. "Zusammenkommen" hieß das Projekt mit 30 Teilnehmern aus neun Nationen - Abbild eines Stadtbezirks, der für viele Bewohner mit Migrationshintergrund Heimat geworden ist. Aus dieser Aktion wiederum entstand ein Kontakt zum Kunstkreis Gräfelfing und im Sommer 2017 die Ausstellung "Zusammenhalten" mit stilisierten Menschen-Skulpturen aus Eisenblech vor dem Rathaus.

Skulpturen im öffentlichen Raum

Name: Walter Kuhn

Alter: 71

Genre: Aktionskunst

Wo findet Ihre Kunst im Alltag statt? Auf öffentlichen Plätzen.

Was ist Ihr bislang größter künstlerischer Erfolg? Urbane Transhumanz: Schafe samt Schäfer aus Kunststoffplatten an wechselnden Standorten, zum Beispiel am Olympiaberg, als Metapher für die wachsende Mobilität moderner Gesellschaften.

Welches Projekt steht als nächstes an? Ein Open-Air-Kunstwerk mit 3000 überdimensionalen Mohnblumen auf dem Königsplatz zum Gedenken an gefallene Soldaten. ust

Dieses Jahr plant Walter Kuhn nun etwas Spektakuläres, wie er es sich schon lange wünscht. Er will auf dem Königsplatz 3000 überdimensionale Mohnblumen platzieren. Roter Mohn ist vor allem in englischsprachigen Ländern ein Symbol des Gedenkens an Kriegsopfer und gefallene Soldaten. Beginnen soll die Open-Air-Aktion am 11. November, dem Tag, an dem sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal jährt. Die Genehmigungen hat Kuhn inzwischen, mit einer Näherei für die Blumen ist er im Gespräch, am Rahmenprogramm tüftelt er. Diesmal werden es also die achtlosen Passanten rund um den Königsplatz sein, die ihre Umgebung plötzlich mit anderen Augen sehen.

Vorschläge für den Tassilo-Preis per E-Mail an tassilo@sueddeutsche.de oder stadtviertel@sueddeutsche.de oder per Post an die Stadtviertel-Redaktion geschickt werden: Hultschiner Straße 8, 81677 München. Einsendeschluss: 28. Februar.