Kandidaten für den Tassilo 2018 Eine Stimme für die Heimat

Die bis zu 26 Sänger des Syrischen Friedenschors vermitteln beim Konzert in Pullach die Freude an ihrer Musik.

(Foto: Claus Schunk)

Die Mitglieder des Syrischen Friedenschors erinnern an ihre im Krieg gebliebenen Familien und singen als ein Zeichen an andere Geflüchtete. Sie vermitteln durch die Musik ein Gefühl der Gemeinschaft und suchen bei jedem Auftritt den Dialog mit den Deutschen.

Von Johannes Korsche

Irgendwann müssen der Krieg in Syrien und die Flucht nach Europa ja angesprochen werden, da kann man es auch gleich ganz zu Beginn machen. Zumal sich die Kunst des Syrischen Friedenschors ohne die Fluchtgeschichten seiner Mitglieder nicht verstehen lässt. Und ihr Anliegen schon gar nicht. Denn sie singen für ein Ende des Krieges in ihren Geburtsstädten und für ein friedliches Zusammenleben in ihrer neuen, deutschen Heimat. Über Sprachbarrieren hinweg verbinden sie syrische und deutsche Einflüsse zu etwas Neuem, sagt Chorleiter Ahmad Abbas. Wie ginge das besser als mit der "Weltsprache" Musik?

Eine Sprache, die jeder Mensch intuitiv versteht. Das erleben die Mitglieder des Friedenschors immer, wenn sie auftreten. Ob nun auf dem Odeonsplatz vor Tausenden Münchnern oder vor Fernsehdeutschland auf der Bühne der ZDF-Kabarettsendung "Die Anstalt", die unter anderem dafür mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Oder vor gut 30 Münchnern, wie unlängst in der Freimanner Mohr-Villa. Dicht gedrängt stehen die Sänger nebeneinander, Arm in Arm singen sie von der Schönheit ihrer Heimatstädte, an die der rote Aufdruck ihrer T-Shirts auf Deutsch und Arabisch erinnert: Damaskus, Homs, Aleppo, Palmyra. Orte, von deren Zerstörung ab und an in den Nachrichten die Rede ist. Orte, die über den Fernsehbildschirm aber weit weg scheinen. Sie bekommen auf diese Weise eine Stimme. Denn wenn der Chor von syrischen Städten singt, erinnern die Mitglieder auch an ihre im Krieg gebliebenen Familien. Ja, "die Menschlichkeit ist das Wichtigste", sagt Sänger Mohamad Nour Mousli.

Ihr Gesang sei jedes Mal ein Dialog mit den Zuschauern, beschreibt Deaa Arehani die Auftritte. Der 21-Jährige ist vor dreieinhalb Jahren mit seiner Familie von Damaskus nach München zu seinem Onkel geflohen, der schon seit 40 Jahren in Deutschland lebt. Arehani begleitet den Chor auf der Oud, einem arabischen Saiteninstrument, das zumindest optisch einer Gitarre ähnelt. "Wenn wir sehen, dass die Leute sich freuen, freuen wir uns natürlich auch mehr." Wenn sie auf ihren Gesang "eine Antwort bekommen", also die Zuhörer anfangen, mitzusingen oder zu tanzen, dann entstehe etwas Besonderes, sagt Arehani. Eine Art zwangloser Völkerverständigung.

Was das bedeutet, erleben die Zuhörer in der Freimanner Mohr-Villa vor allem gegen Ende des Auftritts. Die an diesem Abend 15 Syrer stimmen die Europahymne an: Beethovens "Ode an die Freude" aus seiner 9. Sinfonie - der in der perfekten Harmonie der Klassik vertonte Wunsch nach der Verbrüderung zwischen den Menschen. Gesungen halb auf Arabisch, halb auf Deutsch. Als das Publikum zum "Alle Menschen werden Brüder" einstimmt, weitet sich das kleine Kaminzimmer der Villa auf einmal zu einem Ort, an dem sich die Welt vereint.

Chorleiter und Gründer Ahmad Abbas.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Dass die Chormitglieder bei ihrem Auftritt überhaupt noch eine Stimme haben und nicht schon heiser sind, ist ohnehin verwunderlich. Vor dem Auftritt singen sie sich in einem kleinen Nebenraum warm. Das erinnert eher an das Treiben in der Umkleide einer Fußballmannschaft als an Gesang. Da unterhalten sich die Sänger, immer wieder spielt Uday Alturk am Klavier einige Töne an. Manchmal einigen sie sich unausgesprochen auf das angespielte Lied und singen. Es ist die pure Lust an der Musik. Abbas versucht, irgendwie Ordnung in dieses kreative Chaos zu bringen, das ist schließlich seine Hauptaufgabe als Chorleiter. "Furchtbar, ganz ehrlich", sagt er lächelnd. Natürlich ist es das nicht - die Freude in seinen Augen verrät das Gegenteil.

Erst in Deutschland habe er seine Liebe zum Singen entdeckt, erzählt Abbas. In Syrien habe er im Betrieb seines Vater mitgearbeitet, einer Wäscherei samt Werkstatt. Traumjob: Mechatroniker. Im Sommer 2015 reifte in Abbas die Idee, den Syrischen Friedenschor zu gründen. Bis die deutsche Bürokratie die Gründung offiziell machte, war es bereit 2016. Der Chor trat unterdessen bereits auf. In der Regel einmal in der Woche. An den Wochenenden probten sie in einer Schulaula. Das schaffen sie jetzt nicht mehr so regelmäßig - viele Chormitglieder arbeiten oder gehen in die Schule. Und weil sie momentan einen neuen Proberaum suchen. Da sind es zur Zeit vielleicht ein bis zwei Auftritte im Monat. Sie singen auf Ausstellungseröffnungen, in Jugendheimen, mit dem Evangelischen Bildungswerk auf dem Sendlinger-Tor-Platz. Egal wo, Hauptsache miteinander auftreten, zusammen singen, deutschlandweit. Schon länger schwebt ihnen ein großes Kulturenfest vor. "So richtig mit arabischem Essen", sagt Pianist Alturk. Wie bei allen ihren Auftritten wollen sie sich anschließend mit den Zuhörern unterhalten, über ihr Schicksal, die Flucht und ihre Kultur. Wieder geht es ihnen um den Dialog mit den Deutschen.

Probe des Syrischen Friedenschors in München.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Aber den Friedenschor gibt es nicht nur für die Außenstehenden. Er ist auch Gemeinschaft für seine Mitglieder. Ein "großer Freundeskreis" sei der Chor, sagt Mousli. Von ihm soll nicht nur ein Appell an die Menschlichkeit ausgehen, sondern auch ein Zeichen an andere Geflüchtete. "Wir lassen uns vom Krieg nicht demotivieren", sagt der Oud-Spieler Arehani. "Wir wollen den anderen Flüchtlingen zeigen, dass sie alles machen können, wenn sie arbeiten, sich anstrengen." Die Chorsänger verstehen sich da als gutes Beispiel. Arehani macht eine Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker, Alturk zum Zahntechniker und Abbas zum medizinischen Fachangestellten. "Wir gehen in die Schule, machen eine Ausbildung, versuchen unbedingt zu arbeiten, auch um unsere Steuern zu zahlen", sagt Alturk. Er klingt dabei sehr integriert, sehr deutsch.

Vielleicht fasst da ein Wort gut zusammen, was die Sänger des Friedenschors unter Integration verstehen: "Oachkatzlschwoaf". Gerade saß Arehani noch mit der Oud auf der Bühne, gab zum Beispiel Leonhard Cohens "Hallelujah" in der ungleich bekannteren Version von Jeff Buckley eine arabische Note. Nun sagt er diesen Wort gewordenen bayerischen Einbürgerungstest in makellosem Bairisch. Es würde so manchem Hamburger die Zunge zerren. Für Deaa Arehani ist das aber kein Problem mehr.