Tassilo:Feministin mit Markiergerät

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Tassilo: Vielfalt leben: Auf den Konzerten und Veranstaltungen, die Mirca Lotz mitorganisiert, sollen sich die Menschen sicher fühlen. Frauenfeindlichkeit, Rassismus und Gewalt gegen Minderheiten haben dort keinen Platz.

Vielfalt leben: Auf den Konzerten und Veranstaltungen, die Mirca Lotz mitorganisiert, sollen sich die Menschen sicher fühlen. Frauenfeindlichkeit, Rassismus und Gewalt gegen Minderheiten haben dort keinen Platz.

(Foto: Yoav Kedem)

Als Kuratorin setzt sich Mirca Lotz für mehr Chancengleichheit in der Musikindustrie ein. Zugleich plant sie unkonventionelle Kulturevents an besonderen Orten der Stadt

Von Lea Kramer

Normalerweise vergehen kaum zwei Monate ohne einen Aufruf, in dem Mirca Lotz nach einer Kurzzeitbleibe sucht oder ihre Wohnung in München zur Untermiete anbietet. Vergangenes Jahr war das anders. Die Kuratorin und Projektmanagerin im Musikbereich hat, wie alle in der Branche, eine Zwangspause einlegen müssen. "Meine Pflanzen finden es gut", sagt sie und lacht. Lamentieren über Berufseinschränkungen für Kulturschaffende, ist ohnehin nichts für sie. Dafür hat Lotz zu viele Ideen, will unkonventionelle Dinge ausprobieren und mit neuen Impulsen den Kulturbetrieb schnell wandeln. Ihr erklärtes Ziel: "Flinta*" in der Musikindustrie sichtbarer machen.

Flinta, das ist der Sammelbegriff für Frauen, Lesben, Inter-, non-binäre, Trans- und a-Gender-Personen. Menschen, die oft regionale Netzwerke haben, die sonst keiner kennt. "Wir haben alle dieselben Probleme und lösen diese dann immer gleich von vorne", sagt Lotz, "das kostet Zeit und vor allem auch Kraft". Deshalb hat sie mit "Network the Networks" eine Plattform gegründet, auf der sich die Akteur:innen feministischer Künstlerkollektive kostenlos austauschen können. "Es geht darum, Ressourcen zu poolen und so gemeinsam weiterzukommen", sagt sie. Musiker-, Veranstalter-, und Techniker:innen sollen in Workshops, Konferenzen oder kurzen Gesprächsrunden voneinander lernen und gemeinsam Lösungen entwickeln, um langfristig für mehr Chancengleichheit in der Musikwirtschaft zu sorgen. Und, ja, auch Männer sind eingeladen, sich dort einzubringen.

Konkret sieht das dann so aus: Ein Magazin für Gleichberechtigung in der Musikszene tut sich mit einem Instagramkanal zusammen, der die Vielfalt in der klassischen Musikszene abbilden will. Gemeinsam starten sie eine einstündige Diskussionsrunde über Gleichberechtigung in der klassischen Musikszene, bei der die Mitglieder aller Netzwerke eingeladen sind, von ihren persönlichen Erfahrungen zu berichten. "Langfristig könnten Arbeitsgruppen gebildet werden, um gemeinsam Projekte umzusetzen", sagt Lotz. Sie selbst hat im vergangenen Jahr mit zwei anderen Frauen die Initiative "Safe the Dance" gegründet. Die Organisation erarbeitet für Festivals oder Veranstaltungen Konzepte, damit sich Menschen beim Feiern sicher fühlen - von Plakaten zum Thema Sexismus und Rassismus bis hin zu intensiven Schulungen der Mitarbeiter:innen in Sachen Grenzverletzungen, Gewalt und Diskriminierung.

Das alles passiert gerade ausschließlich in virtueller Form, dabei ist die 40-jährige Soziologin lieber draußen als drinnen vor dem Computer. Wenn sie sich nicht gerade ohne Seil an einem Felsen entlang hangelt, organisiert Lotz mit ihrer Agentur "fdw:like waves" Konzerte und Festivals an besonderen Orten - überwiegend im öffentlichen Raum. So ließ sie schon Bands in einer alten Schlafwagenfabrik spielen. Oder, wie 2017 in Berlin,in einer früheren Kirche.

Auch in ihrer heimlichen Heimatstadt München ist Mirca Lotz sehr aktiv. Geboren ist die 40-Jährige nämlich im hessischen Rheingau, lebt allerdings seit der fünften Klasse in der bayerischen Landeshauptstadt. "Im Herzen bin ich Münchnerin", sagt sie, obwohl man sie nach wie vor mehr mit Wein als mit Bier beeindrucken könne. Und natürlich mit guter Musik. Im vergangenen Jahr kuratierte sie mit dem Verein "Innen.Aussen.Raum" einen Kulturabend im Prinzregentenbad. "Wir haben uns extra ein Sportplatzmarkierungsgerät gekauft, um alles sicher zu machen", sagt Lotz. Es habe Stunden gedauert, die Plätze für die Picknickdecken der Konzertgäste in den vorgeschriebenen Abständen auf die Liegewiese zu malen. Doch es habe sich gelohnt. "Es war ein so schöner Abend", an dem sieben Künstler:innen - unter anderen die Indie-Band Notwist - in dem Bogenhauser Freibad für die 275 Besucher:innen gespielt hätten.

"In diesem Jahr wollten wir unser zehnjähriges Vereinsjubiläum im Kafe Kult feiern", sagt Lotz. Wie und ob das geht, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Genug regionale Künstlerinnen hätte sie parat, nicht zuletzt aus dem von ihr 2018 gegründeten bayerischen Netzwerk für Frauen* in der Musikindustrie "musicBywomen". An Ideen, wie die Münchner trotz Corona mit Kultur versorgt werden können, fehlt es Mirca Lotz nicht. Sie sprudelt geradezu, wenn sie von der hiesigen Kulturszene erzählt. "Ich habe die Hoffnung, dass München noch nicht tot ist", sagt sie. Wie wär es, wenn man eine Soundstation auf dem Olympiasee installieren würde? "Die Besucher:innen könnten mit Schwanentretbooten auf dem See herumfahren und Musik hören", sagt sie. Oder: "Wir haben vor, alte Stummfilme auf Häuserwände in Neuhausen zu projizieren." Die Musik käme mittels QR-Code vom eigenen Smartphone, erläutert Lotz. Und dann wär da noch die Überlegung vom gemeinsamen Abendessen, das sich Eventbesucher:innen für zu Hause abholen, um anschließend dasselbe zu essen und so doch irgendwie alle beieinander zu sein.

Apropos Essen. Beim veganen Münchner Kochkollektiv "M3Kitchen" ist Mirca Lotz immer wieder bei Kochpartys dabei. Wer ihr in den sozialen Netzwerken folgt, kann sich deshalb nicht nur über Untervermietungsangebote, sondern auch über die Fotos ihrer Essenskreationen freuen.

Wenn Sie eine Kandidatin oder einen Kandidaten vorschlagen wollen, schreiben Sie bitte bis 30. April eine E-Mail an tassilo@sz.de.

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