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Tassilo:Die ganze Welt in dir

Tuncay Acar schickt sein Publikum gerne auf ungewohntes Terrain. Ob mit der Glockenbach­werkstatt, dem "Import Export" oder aktuell dem Habibi Kiosk - seit über 20 Jahren prägt der Multi-Künstler mit seiner kulturellen Nischen-Arbeit seine Stadt

Von Katrin Kurz

Musiker, Moderator, Graffiti-Künstler, internationaler Theaterdarsteller und sogar studierter Archäologe: Es gibt kaum ein kulturelles Metier, in dem sich Tuncay Acar nicht tummelt. Die Frage nach dem roten Faden, dem kreativen Motor dieser Vielfältigkeit und Wandelbarkeit lässt sich beantworten - sie liegt in seiner Biografie. Geboren 1968 als sogenanntes Gastarbeiter-Kind, wuchs er in einer Milbertshofener Betonsiedlung "ohne gesellschaftlichen Stand" auf, wie er sagt. Früh machte er Erfahrungen, die ihm signalisierten: Mit diesem Namen, mit diesem Background - du bist keiner von uns.

Es gab wenig, was Selbstbewusstsein oder Zugehörigkeitsgefühl hätte stärken können, Acars Pubertät blieb geprägt von Unsicherheiten und Selbstzweifeln. Der amerikanische Hip-Hop-Film "Wild Style!" aus dem Jahr 1982 wurde für ihn schließlich zum Befreiungsschlag: Er begann mit freien Tanz-Moves, tauchte in die Hip-Hop-Szene ein - durch diese universell funktionierende Sprache fand er Anschluss zu Gleichaltrigen. Unter dem Pseudonym "Blash" wurde er in der jungen Münchner Graffiti-Szene aktiv und verewigte sich auf dem "Geltendorfer Zug", einem der ersten besprühten Waggons in Deutschland. Die gesammelten Ressourcen aus dieser Zeit sind bis heute Grundimpuls seiner Kreativität geblieben.

Die Entscheidung der Familie, Mitte der Achtziger ins ländliche Gebiet nahe Istanbul umzusiedeln, hat er dabei nie bedauert, im Gegenteil: "Ich wurde in eine komplett andere Welt katapultiert, in eine andere Kultur, einen anderen Alltag. Alles war neu", sagt er heute. Gleichzeitig beschreibt er diese Zeit als "spannend und erfüllend". Selbst das in Istanbul begonnene Archäologie-Studium empfindet er rückblickend als Bereicherung. Viel Handwerkszeug habe er dabei gelernt, das Beobachten, Analysieren, Vergleichen und den richtigen Ausdruck finden, all das helfe ihm noch heute im kreativen Prozess.

Tuncay Acar in München, 2017

Tuncay Acar sucht die Gegensätze, ob im anatolian psychedelic Folk aus Bayern und Tennessee, ob in Milbertshofen, Istanbul oder im Glockenbachviertel.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ein Prozess, der für ihn nur im ständigen Austausch beider Kulturen funktioniert. Trotz seiner baldigen Rückkehr nach München ist Istanbul bis heute sein Kontrapunkt. "Ich bin dort genauso sozialisiert wie in München, dem will ich gerecht werden. Um eine Kultur zu verstehen, musst Du vor Ort sein. Das tagesaktuelle Geschehen verfolgen, Sprachentwicklungen beobachten oder einfach nur die neuesten Platten im Musikladen kaufen".

Sein aktuelles Projekt, die Talk-Reihe "Dies Das" entwickelte sich durch Acars gewachsenes Netzwerk und in Kooperation mit den Münchner Kammerspielen. Monatlich lädt er Gäste zum Gespräch in den Habibi Kiosk, dabei gibt er spezifische Einblicke in Lebensgeschichten, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen. In der Premiere war beispielsweise die Tänzerin Sandra Chatterjee zu Gast. Genau wie Acar kennt sie das Gefühl, in einer gesellschaftlichen Minderheit aufzuwachsen. Als Kind mit indischen Wurzeln wollte Chatterjee Ballett lernen - wurde aber wegen ihres Aussehens und ihrer Herkunft von dieser strengen, uniformen Szene schnell ausgegrenzt. Jahre später wendet sie sich indischen, nicht-klassischen Tanzformen zu - dort fand sie schließlich ihre Erfüllung. Aus dem zuerst schmerzvollen Moment der Ablehnung letztendlich Kraft zu schöpfen, es in etwas Positives zu transformieren. Diese Geschichte wollte Tuncay Acar auf die Bühne bringen. "Als während der Sendung die Live-Schalte zu Musikern nach Südindien geklappt hat und Sandra auf der Bühne in München getanzt hat, ging mir das Herz auf, das war das pure Glücksgefühl", beschreibt der Moderator diesen Moment.

In der zweiten Folge des Talks beschäftigt er sich mit Geflüchteten, die auf der Balkan-Route in Bosnien und Herzegowina festsitzen und dort überwintern mussten. Auch hier sucht Acar die ungewohnte Perspektive: Das Bild von helfenden Aktivistinnen und Aktivisten aus West-Europa kennen viele, nicht zuletzt aufgrund ihrer Videos oder Posts in den sozialen Medien. Aber wie denken die bosnischen Helferinnen und Helfer darüber? Diejenigen, die sich seit Jahrzehnten engagieren, selbst den Jugoslawien-Krieg miterlebt haben oder flüchten mussten? Und selbst keinen Zugriff auf instagram-wirksame Stories haben und nun mit übereifrigen Aktivistinnen und Aktivisten aus dem Ausland umgehen müssen, die sich nur selten für die gewachsenen Strukturen an Ort und Stelle interessieren.

Es sind Themen mit Konfliktpotenzial. Konflikte mit der Mehrheitsgesellschaft. Wie es sich damit lebt? Acar bleibt gelassen: "Nach über 20 Jahren kultureller Nischen-Arbeit habe ich gelernt, dass es immer Themen gibt, mit denen man aneckt. Wenn ich in der Türkei leben würde, wahrscheinlich noch viel mehr als hier in München." Die eigene Sozialisation in verschiedenen Kulturen wird sein persönlicher Gewinn: Spannung nicht als negativ, sondern vielmehr als energetische Pole, als kreative Quelle seiner Arbeit wahrzunehmen - es sogar als "Lustfaktor" zu empfinden, Randthemen abseits des Mainstreams zu erspüren, daraus neue Projekte zu entwickeln. "Ich finde es spannend, die Zuschauer auf fremdes, ungewohntes Terrain zu schicken. Gleichzeitig möchte ich Schnittstellen in ihrer eigenen Welt finden, mit denen sie sich wohl fühlen." Der Austausch sei ihm wichtig, Menschen durch "Output", wie er es nennt, zu erreichen, durch kreative Arbeit, die Spaß macht und die Gefühlsebene anspricht - das ist seine Strategie.

Bei der Frage, welches seiner zahlreichen Projekte ihn am meisten geprägt hat, antwortet Acar spontan: "Eindeutig die Glockenbachwerkstatt." Der Verein im Herzen von München engagiert sich seit Jahrzehnten in der Kinder- Jugend- und Kulturarbeit. "Dort wurde ich so akzeptiert, wie ich bin. Der Lifestyle dort, der fürs Teilen und fürs Miteinander steht, fühlt sich wie Heimat an, das bindet mich an München". Seit 15 Jahren ist Acar Vorstandsmitglied, und in dieser Zeit hat er den Ort entscheidend mitentwickelt. Später war dann das Kulturprojekt "Import Export", das heutige Kreativquartier, sein größtes freies Experimentierfeld. Dort sei die intensivste Selbstverwirklichung möglich gewesen, sagt er im Rückblick. Gleichzeitig sei sein Engagement zu einem Rund-um-die-Uhr-Job geworden.

Und wie kommt ein Tausendsassa wie Tuncay Acar mit der Corona-Bremse zurech? "Ich hab's mir schlimmer vorgestellt", sagt er. Vor allem deshalb, weil er seine eigenen Projekte mit Minimal-Aufwand betreiben könne und keine privaten, belastenden Faktoren oder finanzielle Risiken stemmen müsse. "Mir fehlt allerdings die Mobilität. Das Reisen und Unterwegssein war immer mein kreativer Motor". Nun müsse er sich im kleinen Radius motivieren, um in kreative Prozesse und an "neues Material" zu kommen. Die aktuelle Phase nutze er, um mehr in sich selbst zu reisen und an seinem ersten Roman zu schreiben. Ein "Wunsch-Projekt", welches ihm wohl gut gelingen wird, denn er kann ja darauf vertrauen: "Wenn du andere Lebenswelten oder Kulturen in dir trägst - trägst du automatisch eine ganze Welt in dir. Und die nimmst du überall mit hin".

© SZ vom 07.05.2021
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