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Tassilo:Dann eben Plan H

Große Bühne, kleine Bühne: Kim Mira Meyer arbeitet als Regieassistentin und Spielleiterin am Gärtnerplatztheater. Mit ihrer eigenen "Momentbühne" hat sie viele Pläne; da ist die Namibia-Oper, zudem ein Projekt über die furchtlose Weltreisende und Journalistin Nellie Bly.

(Foto: Yoav Kedem)

Kim Mira Meyer, Jahrgang 1993, ist Regieassistentin am Gärtnerplatztheater. Sie singt, schreibt, tanzt, choreografiert, hat ihre eigene Bühne gegründet und will die erste Nationaloper Namibias inszenieren

Von Jutta Czeguhn

Die Frau ist organisatorisch wirklich der Hammer." Florian Hoffmann, im Team der Pasinger Fabrik für Kabarett zuständig, hat eine gute Nase, wenn es um Talente geht. Im vergangenen August ließ er einen wissen, es gebe da diese Kim Mira Meyer, die solle man sich unbedingt mal anschauen, sie sei zwar noch ein "unbeschriebenes Blatt in der Kunstszene, gibt aber Vollgas wie ein Profi!". Also traf man sich damals, im kurzen Kultur-Sommer 2020, auf der Terrasse der Fabrik mit einer etwas übernächtigten Kim Mira Meyer. Sie saß quasi auf gepackten Fahrrad-Satteltaschen für ihr Projekt "Kultur auf Rädern". Von der Wagenhalle der Pasinger Fabrik aus sollte es gehen bis hinauf nach Sylt. Eine 1200 Kilometer lange Tour de Kultur quer durch Deutschland. Zusammen mit ihren Freunden, dem Musiker Collin Willhauck und der Tänzerin Lea Kopff, wollte sie drei Wochen unterwegs sein und Musik, Geschichten und Tanz unter die Leute bringen. Auf Marktplätzen kleiner Städte, auf den Wiesen von Campingplätzen, den Terrassen von Altenheimen. Organisatorisch hörte sich das nach einem Wahnsinnsaufwand an, mit all den Abstandsregeln, dem Tourgepäck, Wetterkapriolen. Die drei sind dann pünktlich losgefahren. Und gut angekommen bei den Menschen unterwegs und auf der Insel.

Gut ankommen da oben im Norden. Irgendwie geht es wieder darum, als man Kim Mira Meyer im Frühjahr 2021 zum zweiten Mal trifft. Die Pandemie hat alle längst wieder fest im Griff, für die Kultur gibt es kaum Spielräume - für ambitionierte internationale Projekte schon gar nicht. Meyer aber hat sich in die Lösung eines Problems verbissen, vor dem wahrscheinlich selbst die Besetzungsbüros der großen Kulturhäuser der Stadt kapitulieren würden. Gerade setzt sie alles daran, Eslon Hindundu von Windhoek nach München zu bekommen. Die beiden haben Großes vor, gemeinsam arbeiten sie an der ersten Nationaloper Namibias. Entstehen wird sie in Obermenzing und Pasing, wo Kim Mira Meyer lebt, Uraufführung soll dann aber 2022 in Windhoek sein.

Dranbleiben, hartnäckig, einen Plan B oder C haben, dabei offen sein für alles, was kommt. Kim Mira Meyer, Jahrgang 1993, hat schon erstaunlich viel in ihr junges Leben gepackt: Von Lilienthal am Rande des niedersächsischen Teufelsmoores geht es nach München, da ist sie gerade mal 16 Jahre und hat ein Klavierstipendium in der Tasche. Profimusikerin will sie werden, baut ihr Abitur an einer Privatschule. Sie schreibt Songs, singt in einer Band, jobbt beim Radio, tanzt, choreografiert, spielt Theater, ergattert schließlich eine Hospitanz am Gärtnerplatz. Nutzt ihre Chance dort am großen Haus. "Statistin, Souffleuse, Lichtinspizientin, ich hab' alles gemacht, was man am Theater machen kann", erzählt Kim Mira Meyer. Bühnenerfahrung sammelt sie auch mit dem Projekt "Worte spielen Noten". Der Verein, den Meyer gemeinsam mit der Produzentin Irina Frühwirth aufgebaut hat, kreiert theatralisch-musikalische Konzertprogramme für Kinder und Jugendliche. So spielt sie beispielsweise im Gasteig in der "Schneekönigin", hat dafür auch die Bühnenadaption geschrieben. Am Gärtnerplatz wiederum erlebt man sie als eine der Milchfrauen in der Erfolgsproduktion "Drei Männer im Schnee". Aktuell hat sie dort am Staatstheater einen Zweijahresvertrag als Regieassistentin und Spielleiterin. Eine Festanstellung, Gold wert gerade jetzt, die weitere Perspektiven eröffnet, denn sie hofft, auch am Staatstheater erste eigene szenische Arbeiten vorstellen zu können.

Doch vorerst ist da diese vermaledeite Pandemie, mit Absagen, Vertrösten und Verschieben von Projekten. Auch für Kim Mira Meyer, die sich so ungern ausbremsen lässt. Dabei hatte 2020 noch ziemlich traumhaft begonnen: Eine mehrmonatige Backpacker-Reise durch Südostasien geht zu Ende. Kurz vor dem ersten Lockdown ist Meyer zurück in München, mit Chansons für ein Album mit dem fast prophetischen Titel "Fernweh". Im Sommer will sie damit eigentlich auf Tour gehen, daraus wird natürlich nichts. Am Gärtnerplatz stehen die Räder auch erst mal still. Das schafft Raum für Ideen, für Projekte wie "Kultur auf Rädern". Und mit ihrem ehemaligen Theaterlehrer Nikolaus Frei gründet Kim Mira Meyer im Mai 2020 in Obermenzing den Theaterverein "Momentbühne". Hinter den beiden steht ein internationales Team von Tänzerinnen und Tänzern und Kreativen der Sparten Schauspiel, Bühnenbild oder Musik. Auch Eslon Hindundu gehört dazu, der junge Komponist und Sänger aus dem fernen Windhoek.

Kim Mira Meyer hatte ihn, auch das sei noch schnell in ihren Lebenslauf eingefügt, vor zwei Jahren bei den Opernfestspielen auf Gut Immling im Chiemgau kennengelernt. Sie war Regieassistentin bei einer "Turandot"-Produktion, Eslon Hindundu sang als Bariton im internationalen Festival-Chor. Er erzählte ihr von seinen Kompositionen. "Daraus entstand die Idee, dass wir unbedingt etwas zusammen machen wollen", sagt Meyer. Das "Etwas" ist in der Zwischenzeit zu diesem komplexen, erstaunlichen Vorhaben angewachsen, die erste Nationaloper Namibias auf die Bühne zu bringen. Ein internationales Projekt über Kontinente hinweg, das aber auch ganz unmittelbar für die Menschen in Meyers Stadtteil Pasing-Obermenzing erfahrbar werden soll. Dort ist man sowieso gerade dabei, deutsche Kolonialgeschichte kritisch aufzuarbeiten und Lücken im kulturellen Gedächtnis zu schließen. Anlass ist eine Bismarck-Statue.

Regionale Kultur durch internationale Themen bereichern und Kooperationen mit Kulturinstitutionen im Ausland ermöglichen, das will die Künstlerin mit ihrer Momentbühne. Das Crowdfunding für das gemeinnützige Namibia-Projekt war laut Meyer zwar "unglaublich viel Telefonarbeit, aber wir sind so dankbar für so viel Unterstützung - wir haben die Kampagne erfolgreich beenden können". Kooperationspartner wie die Pasinger Fabrik, der Madrigal-Chor oder die Stadtbibliothek sind mit im Boot. In einer ersten Projektphase, erzählt Meyer, werde es um Recherche gehen. Schulen und Vereine werden eingebunden sein, Künstler entwickeln Installationen, die vor der Fabrik oder der Blutenburg stehen werden. Werkstattberichte sind geplant, denn die gesamte Handlung, die Struktur und Teile des Librettos von Nikolaus Frei stehen schon, und Eslon Hindundu ist bereits dabei, erste Arien und die Ouvertüre zu schreiben. "Das Schlimmste ist die stetige Unsicherheit", sagt Kim Mira Meyer. Sie und ihr Team sind mittlerweile bei Plan D angekommen, und womöglich werde man auch noch einen Plan H aus der Schublade ziehen, wenn Komponist Hindundu nicht, wie erhofft, am 23. April mit dem Flieger aus Namibia landet.

Wenn Sie eine Kandidatin oder einen Kandidaten vorschlagen wollen, schreiben Sie bitte bis 30. April eine E-Mail an tassilo@sz.de.

© SZ vom 07.04.2021
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