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Tarifkonflikt:Stille Post

Vor dem Briefzentrum an der Arnulfstraße protestiert Verdi gegen eine Auslieferung am Sonntag.

(Foto: Catherina Hess)
  • Die Post wollte an diesem Sonntag zeigen, dass sie ein Serviceunternehmen ist, und die durch den Streik liegengebliebenen Briefe und Päckchen ausliefern. Für die Mitarbeiter, die seit Wochen im unbefristeten Streik sind, ist das ein Affront.
  • Verdi erhebt schwere Vorwürfe gegen das Unternehmen: Es soll Paketboten mit Gutscheinen und Sonderurlaub geködert haben, wenn sie am Sonntag zur Arbeit erscheinen. Außerdem seien Hilfskräfte in Bussen angekarrt worden. Die Post äußert sich bisher dazu nicht.

Seit fünf Uhr früh harren sie aus, die Gewerkschaftssekretärin und der bei Verdi zuständige Mann für Briefe. Sie sind hier, jenseits des verschlossenen Tors des Briefzentrums an der Arnulfstraße, weil sie verhindern wollen, dass die Post an diesem Sonntag liegen gebliebene Sendungen zustellt - mit Streikbrechern. Um Hedwig Krimmer und Fritz Kerscher herum stehen Menschen in neongelben Streikwesten. Sie haben einen Stand und Plakate aufgebaut. Und das ist nicht das einzige, was sie getan haben.

Die Post, so erzählen sie bei Verdi, habe ihre Paketboten mit Gutscheinen und Sonderurlaub geködert, wenn sie zur Arbeit erscheinen - die Filialleitung soll am Samstag bei ihnen zu Hause angerufen haben. Außerdem seien Hilfskräfte in Bussen angekarrt worden, angeblich sogar aus Rumänien und Bulgarien. Tagelöhner, die für 200 Euro am Tag arbeiten, so kursiert es zumindest bei der Gewerkschaft. 200 Zusteller habe man so für München gewinnen wollen.

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Im Streik bei der Post darf der Konzern Beamte einteilen, um die Folgen abzufedern - vorausgesetzt die tun das freiwillig. Damit ist die Gewerkschaft Verdi vorerst vor Gericht gescheitert.

"Verbotene Sonntagsarbeit"

In ganz Deutschland will die Post an diesem Sonntag zeigen, dass sie ein Serviceunternehmen ist. Für die Mitarbeiter, die seit Wochen im unbefristeten Streik sind, ist das ein Affront. Ein Marketing-Gag, mit dem die Post durch die Hintertür versuche, die Sonntagsarbeit einzuführen, das glaubt zumindest Gewerkschaftssekretärin Hedwig Krimmer.

So sieht es auch Anton Hirtreiter, der den Post-Streik bayernweit koordiniert. Hirtreiter wähnt "verbotene Sonntagsarbeit", auch an den fast 30 Stationen in München, an denen Zusteller Sendungen in ihre Taschen und Wagen packen. Den Betriebsräten seien keine Listen vorgelegt worden mit den Namen der Sonntagsarbeiter. Und überhaupt: Dass jeder nun so etwas Sensibles wie einen Brief oder ein Paket ausliefern dürfe, worin sich auch Kreditkarten, PINs oder Wertgegenstände befinden könnten, das findet Hirtreiter höchst bedenklich.

"Nicht mit uns": Die Gewerkschaft hat sogar die Gewerbeaufsicht eingeschaltet.

(Foto: Catherina Hess)

Polizei und Gewerbeaufsichtsamt kontrollieren

In München hat Verdi deswegen am Sonntagmorgen erst die Polizei und dann das Gewerbeaufsichtsamt informiert. Gegen acht Uhr sind die Mitarbeiter der Aufsicht mit der Geschäftsführung der Münchner Post-Niederlassung in deren Büros verschwunden. Nachdem sie das Gebäude verlassen haben, dürfen die Zusteller losfahren - ob ihr Einsatz rechtmäßig war, soll sich nach Gewerkschaftsangaben erst am Montag entscheiden.

Die Post wollte sich zu diesem Thema nicht äußern. Er wisse nichts von einer Prüfung durch die Gewerbeaufsicht, sagte Pressesprecher Klaus-Dieter Nawrath. "Wir tun alles, damit die Pakete möglichst schnell zugestellt werden - und alles ist im gesetzlichen Rahmen." Der Einsatz werde "auch honoriert", so Nawrath, zur Höhe wollte er sich aber genauso wenig äußern wie zu Details, wie viele Sendungen an diesem Sonntag ausgeliefert wurden und wie viele Zusteller dafür im Einsatz waren. Wie viel Prozent der Briefe sich derzeit in den Lagern stapeln, darüber gibt es höchst unterschiedliche Angaben.

In München sind 28 000 Sendungen verspätet

Von zehn Sendungen würden in den bestreikten Zustellgebieten acht liegen bleiben, behauptet Verdi. Die Post hingegen beteuert, bundesweit 80 Prozent der Briefe pünktlich zu verteilen. In München sind laut Konzernangaben 28 000 Sendungen verspätet.

An der Arnulfstraße hat unterdessen ein Mann sein Kind mit zur Arbeit gebracht. Er habe keine Betreuung gefunden, erklärt jemand. Einen Vorwurf macht er dem Streikbrecher nicht. Die brauchten ja das Geld, dringend. Deswegen streiken wir ja, sagen sie.