Sommer 2025: Der Himmel weint Sturzbäche und die Sonne will Menschenrechten und demokratischen Errungenschaften nicht länger beim Erodieren zusehen. Da haben Dystopien und große Fragen Konjunktur. Eine davon stellt auch Walter Heun der diesjährigen Ausgabe seiner Tanzwerkstatt Europa (TWE) voran: „Wie kann eine Gesellschaft funktionieren, wenn schon die zwischenmenschliche Kommunikation ins Stocken gerät?“ Damit zumindest die wieder flutscht, braucht es laut Heun den Tanz als Schmiermittel, als Schule der Wahrnehmung und Sensibilisierung für „Menschen, Dinge und Geschehnisse“.
Vom 5. bis 15. August ist das Tanz-Event wieder in der Stadt. Mit sieben internationalen Gastspielen in der Muffathalle, im Schwere Reiter und im HochX. Dazu kommt wie jedes Jahr etwa zur Halbzeit eine „Open Stage“, auf der sich unter dem Mutmach-Titel „Who’s next?“ der Choreografie-Nachwuchs zeigt. Und zum Abschluss präsentieren die Workshops ihre Ergebnisse.
Diese „Final Lecture“ wie die anschließende Party finden am 15. August übrigens bei freiem Eintritt statt. Sie sind eine gute Schnupper-Gelegenheit für alle, die erst mal nur sehen wollen, was in diesen Workshops passiert. Und sie sind auch das Herzstück der TWE und locken längst nicht nur Profitänzer und -tänzerinnen an. Weil ein Teil des Publikums mit der 1991 gegründeten „Werkstatt“ mitaltert, gibt es „Contemporary Dance for Golden Agers“ diesmal doppelt. Sonst ist von „All Abled – Tanz für ALLE!“ über Urban Dance-Styles, Feldenkrais, Tai-Chi, Aikido und Box-Training für jeden etwas geboten. Langjährige TWE-Lehrer wie Charlie Morrissey haben schon eine eigene Schüler-Gemeinde um sich geschart.
Man kann aber auch in einem einzigen Workshop eine reizende Person wie die Münchner Tänzerin Sahra Huby und zugleich Basics des zeitgenössischen Tanzes kennenlernen. Wer sich nun doch sofort traut: Es gibt noch einige freie Plätze. (jointadventures.net/tanzwerkstatt-europa/workshops)
„Wir sind der Staat!“ konstatiert die Vortrags- und Gesprächsreihe, die vom 6. bis 9. August intellektuell auf die Folge-Vorstellungen einstimmt. Die Transformationsexpertin und „Radikale Tochter“ Isabel Gahren gibt zum Auftakt einen Impuls zur Idee des „Mut-Muskels“; die Münchner Choreografin Ceren Oran, der Dramaturg, Regisseur und Kurator Jan Deck und die Tanz-Professorin Sandra Noeth reflektieren aus ihrer jeweiligen Perspektive das politische Potenzial des Tanzes, des Theaters und des Körpers. (Muffatcafé, am 7. 8. im HochX, jeweils 18.30 – 19.30 Uhr, Eintritt frei)

Das Performanceprogramm geht gleich mit einem Star der Tanz- und Theater-Szene an den Start. Wim Vandekeybus (Jahrgang 1963) und seine Truppe Ultima Vez lassen in „Void“ eine Gruppe von Außenseitern und schrägen Charakteren in einem fast leeren Raum gegen ihre inneren Dämonen kämpfen. Folgt man Vandekeybus' existenzieller Theaterauffassung – „Der Darsteller auf der Bühne riskiert sein Leben und muss sich auf seine Partner verlassen“ – verspricht das wild und gefährlich zu werden. Aber es riecht auch nach Rettung in letzter Minute und nach exzellentem Tanz. (5. und 6. 8., Muffathalle)

Hannah Schillinger, 1996 südlich von München geboren, ist die erste Choreografin, die ein Jahr nach ihrem Auftritt bei „Who's next?“ schon mit einer eigenen Produktion im Festivalprogramm vertreten ist. In „Field Work“ schlägt sie mit ihrem Ko-Performer Aaron Lang Brücken zwischen Feld- und künstlerischer Körper-Arbeit: „Wir sind grob gesagt auf dem Acker unterwegs. Auch der Tanzboden ist schließlich eine Art Acker, den wir bearbeiten, eine Wirklichkeit, die wir testen können. Und das machen wir“, sagt Schillinger, deren Debüt von philosophisch-popkulturellen Strömungen wie Solarpunk und Metamodernismus inspiriert ist. (6. und 7. 8., HochX).
Das Feld zwischen Fantum, Fanatismus und politischem Protest beackert Moritz Ostruschnjak, der in „Non + Ultras“ acht Tänzerinnen und Tänzer, 500 Fanschals und eine Vielzahl von Bewegungs- und Bildzitaten zusammenbringt. Die Arbeiten des aus der Sprayerszene kommenden Münchner Shooting-Stars sind so komplex wie unsere analog-digitale Realität. (13. und 14.8., Muffathalle)

Bei Jefta van Dinther wird es dagegen eher atmosphärisch-spirituell. Seine neue Arbeit „Remachine“ bezeichnet der 45-Jährige als „einen Raum der Schwebe“, in dem die Menschen Gefangene der von ihnen selbst geschaffenen technisierten Umwelt geworden sind. Sechs Performer, eine sich drehende Bühnen-Scheibe, die nicht ganz zufällig an den Maschinentheatermacher Ulrich Rasche erinnert, und die Komponistin Anna von Hausswolff spielen tragende Rollen in diesem Stück über die fragwürdige Autonomie des Menschen. (8. und 9. 8., Muffathalle)
Den konfrontiert und verschwistert der in Berlin lebende Österreicher Ian Kaler mit dem Tier, namentlich dem Pferd. Sowohl in seinem Film „Sentient Beings“ als auch in der Soloperformance „And for the time being“, die Kaler wegen einer Fußverletzung für München neu konzipiert hat. Beide Arbeiten, die am 12. August im Schwere Reiter gezeigt werden, versprechen vielschichtige, meditative Bewegungs- und Empfindsamkeitsstudien. Und Kaler und seine Pferde sind charismatische Performer.

Besonders Abenteuerlustige laden Aurora Bauzà und Pere Jou am 7. August ins Schwere Reiter ein und schalten für ihr Gruppenstück „A Beginning #16161D“ das Licht aus. Tanz im Dunkeln: Wie soll das gehen? Die Newcomer aus Frankreich richten den Fokus der Wahrnehmung auf die „tanzende“ Stimme.
Bei der Deutschen Erstaufführung von Magdalena Reiters „Quartet“ kommen hingegen filmische Techniken als Wahrnehmungs-Trigger zum Einsatz. Die polnische Tänzerin und Choreografin interessiert sich für die „sichtbaren und unsichtbaren Architekturen“ von Beziehungen, die sich in einfachen Handlungen wie dem Gehen, in Berührungen und Blicken offenbaren. (11. 8., HochX) Willkommen im Trainingslager des Zwischenmenschlichen!
Tanzwerkstatt Europa, 5. bis 15. August, Muffathalle, HochX, Schwere Reiter, www.jointadventures.net

