Tanztheater:Rausch der Bewegung

Tanzwerkstatt Europa

Mitten hinein in rechte und esoterisch angehauchte alternative Milieus: Moritz Ostruschnjak kombiniert in "Yester:Now" Pop, Politik und Tanz.

(Foto: Franziska Strauss)

Die Jubiläumsausgabe der Tanzwerkstatt Europa überzeugt in der zweiten Hälfte mit Aufführungen von Wim Vandekeybus, Moritz Ostruschnjak und Sheena McGrandles und hellsichtigen Kommentaren zur Gegenwart.

Von Sabine Leucht, München

Rund 2400 leere Sitze! Schon der Blick von der Bühne der Philharmonie zu ihnen hinauf wäre ungewöhnlich genug. Selbst ohne die sechs Tänzer, die zwischen ihnen hindurchhuschen oder sich splitternackt gegen die Balustraden schmettern. Weil sie das aber tun, ist der Gasteig vor seiner Generalsanierung für fünf Abende zum Ort des Tanz- und Bewegungsrausches, der globalen Empörungskultur und des fake-anfälligen Polit-Entertainments geworden: Als einzige Münchner Produktion kann sich Moritz Ostruschnjaks "Yester:Now" mehr als sehen lassen im hochwertigen Jubiläumsprogramm der Tanzwerkstatt Europa, das dessen Uraufführung zur Halbzeit aus gutem Grund neben das spektakuläre "Traces" von Wim Vandekeybus' Truppe Ultima Vez setzt.

Beide Abende sind wild und virtuos, beide versprechen schon im Titel die Suche nach dem Gestern im Heute. Nur dass Vandekeybus zu den langjährigen Weggefährten des Festivals gehört und Ostruschnjak zu dessen Geburtsstunde 1991 gerade mal neun Jahre alt war. Aber was heißt das schon? Ostruschnjak sampelt aus viralen Videos, popkulturellen Icons, medialen Bildern sowie Gesten und Musiken beinahe jedweden Ursprungs einen heterogenen und in sich stimmigen Abend auf der Höhe der Zeit. Auf Transparenten werden Aldi Süd, der Weltfrieden, der Mietendeckel oder rechte Slogans hochgehalten. In atemberaubenden, Street- und Show-Dance-lastigen Choreografien ploppen Hitlergruß, Victory-Zeichen oder Merkel-Raute auf. Hauptsache Flagge zeigen, Hauptsache Präsenz! Was nicht von möglichst vielen gesehen wird, hat nie stattgefunden! Ich protestiere, also bin ich!

Dass es dann auch fast wurscht ist, wenn man zur eigenen Seinsversicherung auf die Ideologien von (vor)gestern zurückgreift, haben die Corona-Demos der letzten Monate gezeigt. "Yester:Now" setzt sich mitten in diese Gemengelage von rechten und esoterisch angehauchten alternativen Milieus hinein und kopiert und demaskiert ihr expressiv-aggressives Gebaren. Doch weil das bei diesen Tänzern so unglaublich cool und sexy ist, hallt die Frage noch lange nach, wie sehr auch der Tanz selbst als aufmerksamkeitsökonomischer Treiber fungiert.

Tanzwerkstatt Europa

Viszerale Eruptionen, akrobatische Levitationen und Zusammenstöße bei "Traces" von Wim Vandekeybus.

(Foto: Wim Vandekeybus)

Auf harsche, fast animalische Weise sexy ist die Tanzsprache von Wim Vandekeybus. In "Traces" bettet er sie in ein Setting, das auch von Philippe Quesne stammen könnte oder von Gisèle Vienne, ehe der Nebel einsetzt: eine auf die Bühne gepinselte Landstraße, wummernde Musik, eine Frau schreit. Nachdem sie von einem blinkenden Flugobjekt niedergemäht wurde, zeichnet ihr Blut eine Spur auf den Boden. "Traces" ist der theatralischste Abend im Programm der 30. Tanzwerkstatt, der die viszeralen Eruptionen, akrobatischen Levitationen und Zusammenstöße der Tänzer in Relation mit der Physis erstaunlich lebensechter Bären setzt. Sozial mäandert das zwischen fröhlicher Hippie-Kommune und "Lord of the flies"; multilinguales Quasseln auf bunten Deckenlagern kann jederzeit in Richtung Sadismus kippen. Jeder wirft sich hier - zumindest tänzerisch promisk - jedem mal an den Hals, und die Mensch-Tier-Symbiose tauscht ihre erotischen bald wieder gegen gewohnt hierarchische Züge. Manchmal ruht sich der Abend etwas zu sehr auf seiner Unheimlichkeits-Behauptung aus, und dramaturgisch setzt er ein paarmal zu oft bei null an. Aber er ist immer kraftvoll, bildstark und ungemein unterhaltend.

Tanzwerkstatt Europa

Eine hochpräzise und witzige Studie von Bewegungsabläufen: Sheena McGrandles "Flush".

(Foto: Michiel Keuper)

Am Ende des Festivals begeistert eine relative Newcomerin: Sheena McGrandles "Flush" ist eine hochpräzise Studie, die Bewegungsabläufe in kleine Stücke zerhäckselt, sequenzweise vor und zurückspult oder auf der Stelle ruckeln lässt. Konkrete Gesten werden durch diese besondere choreografische Methode grotesk vergrößert, Aktionen endlos an ihrer Vollendung gehindert. Das erzeugt Spannung wie ungeahnte Assoziationen und wird immer witziger, je mehr McGrandles und ihre Mittänzerinnen Annegret Schalke und Ewa Dziarnowska das Prinzip auf Töne und Worte ausdehnen. Eine klare Empfehlung als langjährige Wegbegleiterin von morgen!

© SZ/chj/blö
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