Zeitgenössischer Tanz in MünchenWas bei der Tanzwerkstatt Europa geboten ist

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Weltweit wurde dieses Meisterwerk bereits 500-mal gezeigt: Anne Teresa de Keersmaekers Stück „Rosas danst Rosas“.
Weltweit wurde dieses Meisterwerk bereits 500-mal gezeigt: Anne Teresa de Keersmaekers Stück „Rosas danst Rosas“.
Anne Van Aerschot

Die Tanzwerkstatt Europa bringt ein abwechslungsreiches Programm nach München. Zu erleben sind Selbstentfaltung in der Improvisation, strenge ikonische Werke der Tanzgeschichte und junge migrantisch geprägte Stimmen.

Von Sabine Leucht

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Es wird heiß ab dem 4. August in München. Und damit ist nicht nur die zuverlässig heranrollende nächste Hitzewelle gemeint. Elf Tage lang verwandelt die Tanzwerkstatt Europa (TWE) die Stadt wieder in einen Hotspot des zeitgenössischen Tanzes. Und wie in jedem Jahr seit ihrer Gründung 1991 ist vor allem Mitmachen angesagt. 30 Workshops für Profis, Anfänger und Tanzlaien bilden das Herzstück der „Werkstatt“. In ihnen kann man den Weg von der ersten Idee bis zur Premiere eines Tanzstückes nachvollziehen, Kompositionsprinzipen kennenlernen, in Bewegungs-Fremdsprachen wie Hip-Hop, Whacking und Gaga hineinschmecken oder mit Feldenkrais, Aikido oder Thai-Chi einfach ein bisschen fitter werden.

Ein Blick ins Programm lohnt für alle, die sich gerne bewegen und etwas Tagesfreizeit haben. In den Kursen von Idio Chichava und Anna Selina gibt es noch freie Plätze „for all levels“. Echte Könner dürften etwa bei Guy Nader und Maria Campos oder bei Winston Raynolds fündig werden:  Der technik-zentrierte Kurs des akrobatisch geschulten „Bewegungskünstlers“ ist eine besondere Empfehlung des TWE-Leiters Walter Heun.

In Idio Chichavas Workshop bilden traditionelle mosambikanische Ritual-Tänze wie der Kriegertanz Xigubo und der Maskentanz Mapiko die Grundlage für die Auseinandersetzung mit repetitiven Bewegungsmustern, Präsenz und Ausdruck. Teilnehmer wären damit optimal auf das Gastspiel vorbereitet, mit dem der Tänzer, Choreograf und Leiter der Converge+ Dance Company in Maputo am 7. und 8. August in die Muffathalle kommt.

„Vagabundus“ ist ein ungewöhnlich personenreiches Stück für die TWE. 13 Tänzerinnen und Tänzer übersetzen das hierzulande mit scheinbar sachlichen Zahlen und dem Bau von Abschiebeterminals befrachtete Thema Migration zurück ins Körperlich-Existenzielle. Entwurzelung ist der Beginn eines Überlebenskampfes. Um ihn zu bestehen, bildet das Kollektiv einen „globalen Körper“, der negativ konnotierte Sprachbilder wie „Welle“ und „Flut“ aufnimmt und dem Vorurteil vom müßigen Vagabunden etwas anderes entgegenstellt: singend, springend, stampfend, skandierend – und wie man hört, auch mitreißend und vibrierend.

Migration ist im Stück „Vagabundus“ eine körperlich-existenzielle Erfahrung.
Migration ist im Stück „Vagabundus“ eine körperlich-existenzielle Erfahrung.
Mariano Silva

Im Jahr 2024 erhielt Idio Chichava den Seda – European Dance Award, den weltweit höchstdotierten Tanzpreis, mit dem auch eine Gastspielreise durch Europa verbunden ist. Nur deshalb kann sich die Tanzwerkstatt diesen Abend leisten. Und auch zwei weitere Einladungen kamen nur durch externe Gelder zustande.

Wer im vergangenen Jahr Anne Teresa de Keersmaekers „Fase, Four Movements to the Music of Steve Reich“ beim Festival Dance gesehen hat, wird das nur ein Jahr jüngere „Rosas danst Rosas“ auf keinen Fall versäumen wollen. „Ein Meisterwerk, das die Tanzwelt revolutioniert hat“, findet nicht nur Walter Heun. Mit diesem Abend mit vier Tänzerinnen und Stühlen begann 1983 der internationale Durchbruch der belgischen Choreografin.

Der in „Fase“ etablierte abstrakte Minimalismus präziser Rhythmusverschiebungen bekommt hier Gesellschaft von kleinen Gesten der Überforderung und Erschöpfung, die auf den weiblichen Alltag verweisen. Deshalb, und weil bei Keersmaeker lange ausschließlich Frauen tanzten, galt das Stück vom Fleck weg als feministisch. „Dabei haben wir einfach nur uns selbst getanzt. Mit unseren eigenen Erfahrungen“, entgegnete die Choreografin.

Zur Festivaleröffnung nach München kommt das weltweit mehr als 500-mal gezeigte Stück in einer ganz neuen Besetzung (4. und 5. August, Muffathalle). Wer sich schon einmal einstimmen mag: Thierry De Mey hat nicht nur den metallisch tickenden Soundtrack komponiert, sondern 1997 auch einen längst Kult gewordenen Film über das Stück gedreht. Und Postmodern-Dance-Enthusiasten stellen unter „Re:Rosas!“ regelmäßig Videos ins Netz, die sie selbst dabei zeigen, wie sie die berühmte zweite Bewegung einstudieren. Vor der Vorstellung am 5. August lockt außerdem eine „Bewegte Einführung“ mit der Münchner Tänzerin Susanne Schneider ins Muffat-Studio. Bequeme Kleidung ist alles, was man dafür braucht.

Das Dance On Ensemble zeigt „A suite of dances – A day in the studio“ – ein Abend für den genauen Blick.
Das Dance On Ensemble zeigt „A suite of dances – A day in the studio“ – ein Abend für den genauen Blick.
Delphine Perrin

Eine solche kostenlose „Physical Introduction“ – sozusagen die kleine Schwester des Workshops – gibt es auch vor „Vagabundus“ und vor „A Suite of Dances – A Day In The Studio“ – einem Doppelabend des fantastischen Dance On Ensembles. Die Gruppe, in der Tänzer zeigen, dass sie mit Ü40 noch längst nicht zum alten Eisen gehören, nähert sich mit Stücken der nur Insidern bekannten israelischen Choreografin und Textilkünstlerin Noa Eshkol (1924–2007) und des 1987 geborenen Noé Soulier, das sind laut Heun „zwei der klügsten Tanzforscher von einst und jetzt“. Die Zeitschrift „Tanz“ war bei der Uraufführung in Amsterdam und sah im ersten Teil „kurze Übungen, die sich durch ruhige, reduzierte Linienführung auszeichnen – etwa windmühlenartige Armbewegungen oder geballte Fäuste“. Und im zweiten eine Reaktion auf diese Übungen „mit reiner Bewegung“ und gesprochenem Text, der sich allmählich in Musik verwandelt. Ein Abend für den genauen Blick.

Bei der Tanzwerkstatt gibt es an sich kein übergeordnetes Thema, und doch kristallisiert sich in der Zusammenschau meist eines heraus. Der Natur des Tanzes nach ist es oft Empathie, die Feier der Gemeinschaft – oder diesmal die Grenzüberschreitung. Die Stücke schlagen Brücken zwischen Gestern und Heute, zeigen Durchbrüche zu einer ganz neuen Art zu tanzen oder nehmen physische Grenzen zwischen Menschen und Ländern ins Visier. In Zeiten der Konsolidierung der Kulturhaushalte und der Abschottung von Nationalstaaten drohen sich derlei Grenzen wieder zu Mauern auszuwachsen.

Die multidisziplinäre Künstlerin Dorothée Munyaneza zeigt ein Solo über eine  Schwarze Frau, die während der Salem Trials 1692 der Hexerei angeklagt wurde.
Die multidisziplinäre Künstlerin Dorothée Munyaneza zeigt ein Solo über eine  Schwarze Frau, die während der Salem Trials 1692 der Hexerei angeklagt wurde.
Elodie Paul

Umso wichtiger ist es, eine junge Generation von Choreografen zu präsentieren, die eine migrantische Geschichte mit dem künstlerischen Experiment verbinden. Das in München lebende Duo Zinada kommt aus Südkorea und wagt sich in seinem neuen Stück an ein Riesen-Tabu: Tänzerin Jin Lee steht hier erstmals mit ihrer eigenen Mutter auf der Bühne, um das Thema mangelnde Mutterliebe zu beackern, das in ihrer Familie tiefe historische Wurzeln hat. Die Uraufführung von „Nami“ am 6. August im Schwere Reiter ist ein Muss. Am gleichen Ort zeigt Dorothée Munyaneza eine Woche später ihr kurzes „kollektives Solo“ „Toi, moi, Tituba ...“ über eine Schwarze Frau, die während der Salem Trials 1692 der Hexerei angeklagt wurde. Die multidisziplinäre Künstlerin schlägt mit Klickgeräuschen, einer fremdartig modulierten Gesangsstimme und sich langsam steigernder tänzerischer Dynamik Brücken zu dieser Jahrhunderte entfernten Erfahrung.

Zwei weitere junge Soli finden im Hoch X statt, wo der zwischen Ljubljana und Berlin lebende Jan Rozman am 5. August seine zwischen schwarzhumoriger Stand-up-Comedy und Theorie oszillierende Choreografie „Wetware“ über die Smart Devices und Algorithmen zeigt, mit denen sich der Mensch längst unauflöslich vernetzt hat. Bunt und möglicherweise schön kitschig wird es an Helena Araújos selbstgebautem Kunst-Strand, an dem die in Wien lebende Brasilianerin mit dem Faible für schlechte Witze und überraschende Wendungen auf rosigere Zeiten für Künstler hofft („And it gets better“, 8. August).

Etwa 200 Teilnehmer werden beim Urban Dance Battler erwartet.
Etwa 200 Teilnehmer werden beim Urban Dance Battler erwartet.
Timo Dettmer

Neben TWE-Klassikern wie der „Open Stage“ für den choreografischen Nachwuchs und der Workshop-Abschlusspräsentation mit Party gibt es in diesem Jahr auch Neuerungen wie die „Experimental Jam“, die zum Festivalfinale schon ab 13 Uhr alle einlädt, die Spaß an künstlerischen Improvisationen jeglicher Couleur haben. Ein Riesen-Event verspricht das Urban Dance Battle am 9. August im Schwere Reiter zu werden. Der so charismatische wie rührige Performer Dhélé Agbetou hat das Format schon an vielen anderen Orten ausprobiert und erwartet rund 200 Teilnehmende aus aller Welt. Sein Titel „Break your limits“ riecht nach Grenzüberschreitungen en masse. Und heiß wird es sowieso!

Tanzwerkstatt Europa, 4. bis 14. August, Muffathalle, Hoch X, Schwere Reiter, www.jointadventures.net

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