Ballett und Tanz in München und NürnbergWas die Tanzbühnen im Herbst zu bieten haben

Lesezeit: 5 Min.

Im Jahr 1832 tanzte im Ballett „La Sylphide“ die Ballerina erstmals auf Zehenspitzen, längst Alltag für die Tänzerinnen des Bayerischen Staatsballets, die hier diesen Ballett-Klassiker proben.
Im Jahr 1832 tanzte im Ballett „La Sylphide“ die Ballerina erstmals auf Zehenspitzen, längst Alltag für die Tänzerinnen des Bayerischen Staatsballets, die hier diesen Ballett-Klassiker proben. Katja Lotter

Das Bayerische Staatsballett kehrt mit dem „Nussknacker“ und „La Sylphide“ ins renovierte Haus zurück, am Gärtnerplatz tanzt „Strawinsky in Paris“, Richard Siegel erobert Nürnberg und in der Freien Szene rebellieren die Körper.

Von Jutta Czeguhn

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Das Bayerische Staatsballett tanzt „Giselle“ – allerdings nicht daheim, auf der Bühne des Nationaltheaters, das ja wegen Renovierung noch bis Ende Oktober geschlossen ist. Laurent Hilaires Compagnie beehrt derweil das Gran Teatre del Liceu in Barcelona. Ein wundervolles Haus nahe der Rambla mit großer Tradition, das den Besuch unbedingt lohnt.

Applaus fürs Staatsballett

Münchner Opernfreunde, für die es eine post-royalistische Selbstverständlichkeit ist, dass der kunstsinnige Herzog Franz und seine Wittelsbacher in ihrer Loge dezent so manche Vorstellung im Nationaltheater verfolgen, erfahren übers Liceu Erstaunliches: Es gibt dort keine Königsloge, dieses Opernhaus ist fest in der Hand des stolzen katalanischen Bürgertums. Und sollte sich mal ein spanischer Monarch dorthin verlieren, wie Felipe mit seiner Letizia 2019, muss er mit Pfiffen und Buhs rechnen.

Den Münchner Tänzerinnen und Tänzern ist der Applaus im Gran Teatre aber natürlich felsenfest sicher, genau wie daheim, wo die Auslastung des Hauses in der Sparte Ballett ja regelmäßig gegen die 100 Prozent drängt. Gut also, dass sie bald zurück sein werden. Und auch er wieder auf der Bühne steht: Jakob Feyferlik. Der Erste Solist, der beim Giselle-Gastspiel in Barcelona am 21. Oktober den Albrecht tanzt, wird nun Anfang November in München in John Neumeiers „Nussknacker“ als Kadett Günther debütieren. Die genauen Besetzungen gibt das Staatsballett noch bekannt.

Los geht es mit dieser auch schon 54 Jahre alten Version des klassischen Handlungsballetts am 2. November (weitere Vorstellungen in diesem Jahr: 5., 7., 8. November, 28. und 30. Dezember). Auch im romantischen Klassiker „La Sylphide“ (21., 23., 26. und 30. November) wird Jakob Feyferlik, der ja die Premierenbesetzung war, mindestens einmal den James tanzen, der sich in einen Luftgeist verliebt.

Abstimmen für Jakob Feyferlik

Beeindruckend: Jakob Feyferlik in der Titelrolle in John Crankos Ballett „Onegin“.
Beeindruckend: Jakob Feyferlik in der Titelrolle in John Crankos Ballett „Onegin“. Nicholas MacKay

Feyferlik ist aktuell der Compagnie-Star im Bayerische Staatsballett. Der 28-jährige Wiener wurde von der internationalen Tanzzeitschrift Dance Europe als „Dancer of the Year 2025“ nominiert, als einer von insgesamt acht Tänzerinnen und Tänzern weltweit. Die Nominierung hat er seiner herausragenden Darstellung als König Ludwig in „Illusionen – wie Schwanensee“ von John Neumeier und in der Titelrolle von John Crankos „Onegin“ zu verdanken. Das Münchner Publikum kann seinen Solisten im Übrigen ein bisserl pushen: Noch bis zum 31. Oktober 2025 können sie mit abstimmen per Mail an media@danceeurope.net (Infos auf danceeurope.net oder auf dem Youtube-Kanal www.youtube.com/@DanceEurope).

Im vergangenen Jahr erhielt die Auszeichnung Antonio Casalinho; sehr zum Bedauern des Münchner Publikums haben er sowie Margarita Fernandes und Madison Young die Münchner Compagnie mittlerweile Richtung Wien verlassen. Umso gespannter ist das Publikum auf die Neuzugänge: Violetta Keller und Elisabeth Tonev werden im „Nussknacker“ als Louise auf der Bühne stehen. Vermutlich allerdings nicht in der Wiederaufnahme-Premiere, sondern zu einem späteren Termin (Karten unter www.staatsoper.de).

Ballett-Premiere „La Sylphide“
:Spitzenleistung in Tutu und Schottenrock

Was einen verzopften Klassiker wie „La Sylphide“ am Bayerischen Staatsballett trotz Kitschalarms so unwiderstehlich macht.

SZ PlusKritik von Jutta Czeguhn

Elisabeth Tonev, zuletzt Solistin am Niederländischen Nationalballett, erhielt 2024 den Konstanze-Vernon-Preis der Heinz-Bosl-Stiftung. Violetta Keller ist in München aufgewachsen und hat hier an der Ballett-Akademie der Hochschule für Musik und Theater studiert. Sie hat Laurent Hilaire vom Finnischen Nationalballett nach München geholt, wo sie als Erste Solistin getanzt hat.

Am 21. Dezember wird sich dann der Vorhang für die erste Premiere der Spielzeit heben, für den dreiteiligen Abend „Waves and Circles“  mit Werken der Altmeister Maurice Béjart und William Forsythe und einer Neukreation der jungen kanadischen Choreografin Emma Portner.

Paris am Gärtnerplatz

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Die Tänzerinnen und Tänzer des zweiten Münchner Staatsballetts stehen immer etwas im Schatten der großen Opern-Compagnie, sehr zu Unrecht. Wie gut am Gärtnerplatz getanzt wird, kann man nun wieder erleben bei dem viel beachteten Doppelabend „Strawinsky in Paris“, der dem russischen Komponisten sowie George Gershwin gewidmet ist. Beide prägten die Musik des 20. Jahrhunderts auf ihre eigene Weise. Der Amerikaner wollte trotz seiner ungeheuren Erfolge –  von Minderwertigkeitsgefühlen getrieben –  sogar bei Strawinsky Unterricht nehmen. Doch der lehnte ab. Gershwin starb 1937 mit nur 38 Jahren an einem Hirntumor. Strawinsky wurde 88.

Die beiden Choreografen Jeroen Verbruggen und Marco Goecke schaffen am Gärtnerplatztheater jetzt eine interessante Wiederbegegnung der beiden. Im ersten Teil liefert Verbruggen keine nostalgische Nacherzählung des berühmten Gershwin-Musicals und Hollywood-Films „Ein Amerikaner in Paris“, sondern kreiert eine eigene Storyline. Aber wer nach Zitaten sucht, der findet sie natürlich zuhauf in diesem rasant bunten Treiben zur Musik von Gershwin und Aaron Copland.

Harte Körperarbeit: die Compagie des Gärtnerplatztheaters in Marco Goeckes „Le sacre du printemps“.
Harte Körperarbeit: die Compagie des Gärtnerplatztheaters in Marco Goeckes „Le sacre du printemps“. Marie-Laure Briane

In Marco Goeckes Stück zu Strawinskys „Le sacre du printemps“ verschwindet alle Farbigkeit. Doch lässt er den Geist von Vaslav Nijinsky und dessen legendärem Ballett von 1913 weitgehend in der Flasche. Dieses Frühlingsopfer ist letztlich ein typischer Goecke; zuckende Leiber, rasendes Tempo, das Kollektiv und ich, dieser Reigen ist beklemmend und faszinierend zugleich. Zu sehen wieder am  9., 11., 23. und 25. Oktober (www.gaertnerplatztheater.de).

Richard Siegal startet in Nürnberg durch

Der US-amerikanische Choreograf Richard Siegal ist der neue Ballettdirektor am Staatstheater Nürnberg. 
Der US-amerikanische Choreograf Richard Siegal ist der neue Ballettdirektor am Staatstheater Nürnberg.  Olaf Ziegler

Marco Goecke hat in diesen Wochen seinen Job als neuer künstlerischer Leiter am Theater Basel angetreten. Am Staatstheater Nürnberg hat Richard Siegal den Tanzsaal als Ballettdirektor von Goyo Montero übernommen, der wiederum nach 17 Jahren in Franken als Ablöse von Goecke nach Hannover gewechselt ist.  Was nun hat das Ballettwunder-verwöhnte Nürnberger Publikum vom US-Amerikaner Siegal zu erwarten, der sein 2016 in München gegründetes, dann heimatlos gewordenes „Ballet of Difference“ nach Nürnberg bringt?

Für Neugierige gibt es da einen fixen Termin. Am Sonntag, 12. Oktober, 11.30 Uhr, stellt der neue Nürnberger Ballettdirektor im Opernhaus sein Ensemble vor, das nun offiziell „Staatstheater Nürnberg Ballet of Difference“ heißt. Es wird Einblicke in die Probenarbeit des Chefchoreografen mit seiner Compagnie geben und die Vorstellung des Saisonprogramms.

Vom 15. November an ist da etwa der dreiteilige Ballett-Abend „Noise Signal Silence“ mit zwei von Siegals Signaturwerken („Oval“ und „Unitxt“) sowie einer Neukreation zu sehen. Am 21. Februar gibt es die Premiere von seiner Choreografie „New Ballets Russes“, mit dem er dem Geist von Sergej Diaghilews Les Ballets Russes nachspürt, zur Musik  – da ist er wieder – Igor Strawinskys  (Karten und Infos unter www.staatstheater-nuernberg.de).

Münchens Freie Tanz-Szene

Der Körper als Mittel des Protests: (von links) Dorota Michalak, Cary Shiu, Zufit Simon und  Sunayana Shetty im Stück „Bodies in Rebellion“.
Der Körper als Mittel des Protests: (von links) Dorota Michalak, Cary Shiu, Zufit Simon und  Sunayana Shetty im Stück „Bodies in Rebellion“. Dieter Hartwig

Was bleibt als Protestmittel, neben der Wählerstimme, Agitation im Netz, Texten, Plakaten, Demos? Immer ist es auch der Körper, der als politische Waffe eingesetzt wird. Manchmal nur, in dem jemand wie Rosa Parks 1955 in einem Bus sitzenbleibt und nicht für einen weißen Fahrgast aufsteht. Am anderen Ende der Skala stehen wohl die Selbstmord-Attentate als ultimatives Körperstatement.

Die israelisch-deutsche Tänzerin und Choreografin Zufit Simon, die die Münchner Tanz-Szene seit Langem prägt, hat schon in ihrer erfolgreichen Produktion „Radical Cheerleading“ Ausdrucksformen queer-feministischen Protests erforscht. In ihrer neuen Choreografie „Bodies in Rebellion“ greift sie das Phänomen noch umfassender auf. Zu sehen ist Zufit Simons Stück am 10. und 11. Oktober, 20 Uhr, im Schwere Reiter. Dort wird ihr zwei Tage zuvor, am 8. Oktober, auch der Tanzpreis der Landeshauptstadt München verliehen, in einer geschlossenen Veranstaltung.

Ebenfalls im Schwere Reiter: Am 21.,  22. und 23. November ist dort „Listen!“ zu erleben, ein Tanzkonzert von Ceren Oran und „Moving Borders“. Fünf Performerinnen und Performer befragen dabei nicht nur die eigenen musikalischen Vorlieben, sondern auch die emotionalen und gesellschaftlichen Qualitäten von Musik. So entstehen neun kurze Tanzstücke in unterschiedlichen Besetzungen zur Live-Musik des experimentellen Streicherduos Bartolomey und Bittmann (Infos unter: www.schwerereiter.de).

Spielarten des Tanzes

Sie tanzen Pantsula, einen Tanzstil aus Südafrika, der zur Zeit der Apartheid entstand: Künstler aus Brooklyn, Basel und Johannesburg beim Spielart-Festival.
Sie tanzen Pantsula, einen Tanzstil aus Südafrika, der zur Zeit der Apartheid entstand: Künstler aus Brooklyn, Basel und Johannesburg beim Spielart-Festival. Josef Bollwein

An den Schnittstellen zwischen Musik, Performance, Tanz und Theater bewegt sich das Münchner Spielart-Festival, zu dem alle zwei Jahre freie Gruppen und Compagnien aus aller Welt anreisen. Die Ausgabe 2025, die vom 17. Oktober bis 1. November an verschiedenen Orten in der Stadt stattfindet, bereichert also auch den Münchner Tanzkalender. Da ist beispielsweise „Blue Nile and Galaxy around Oloduma“, ein Abend (Muffatwerk, 24. und 25. Oktober) mit Künstlern aus Brooklyn, Basel und Johannesburg. Fünf Tänzerinnen und Tänzer agieren zu Jazz-Musik von Alice Coltrane und Bheki Mseleku. Sie tanzen Pantsula – einen Tanzstil aus Südafrika. Er entstand zur Zeit der Apartheid. Im Stück geht es um Erinnerung, Freiheit, Spiritualität und Zukunft. Mehr zu Spielart und zu den Tanz-Produktionen, die unter anderem aus Malaysia, Ruanda und Ägypten kommen, gibt es auf der Festival-Website unter www.spielart.org

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