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Tanztheater:Ein bisschen Mitgefühl

Neues Pädagogikkonzept für die Ballettakademie

Von Rita Argauer

"Ein Problem muss angesprochen werden", sagt Josefine Kaus, Bachelor-Studentin im dritten Jahr an der Münchner Ballettakademie. "Wir wollen das", fügt sie an und spricht für sich und ihre Kommilitonen in der Runde, in der ihre Lehrer ein langes und kompliziert erarbeitetes neues pädagogisches Konzept für den zukünftigen Unterricht an Bayerns einziger staatlicher Ausbildungsstelle für klassischen Bühnentanz vorstellen. Die Probleme, von denen Kaus spricht, sind nicht hierarchischer oder missbräuchlicher Art. Derartige Probleme hat die Tanzausbildung auf Spitzenniveau, seit es sie gibt, und das Öffentlichwerden dieser sorgte in Berlin und Wien gerade für Skandale. Kaus spricht von ihren eigenen Problemen - sei es, dass das Bein höher soll, als es anatomisch kann. Oder die Hüfte breiter wird, als sie es bei einer Balletttänzerin sollte.

Das sind heikle Probleme. Bodyshaming ist da inbegriffen, denn es geht beim Tanz nun mal um den Körper. Primär. Sekundär geht es natürlich um viel mehr. Dieser Blick auf den gesamten Menschen, die Ausbildung einer Künstlerpersönlichkeit mit exzellenter klassischer Balletttechnik, das will die Münchner Ballettakademie in den Fokus nehmen. Aber auch die heiklen Probleme müssen angesprochen werden, wie Kaus sagt, sonst funktioniert das mit dem klassischen Tanz auf Spitzenniveau nämlich nicht und den Studierenden bringt es auch nichts.

In dieser doch zunächst recht theoretischen Vorstellung des neuen tanzpädagogischen Ansatzes, bringt es Simone Geiger Liebreich, früher Tänzerin, ausgebildet in München und jetzt Professorin dort, schließlich auf den Punkt: "Viele der Studierenden wollen, dass wir ehrlich sind", sagt sie, "doch wir wollen auch Hilfe geben". Etwa durch Zusammenarbeit mit dem Tanzmediziner der Akademie. "Iss nur noch Kartoffeln, das war die Hilfestellung, die ich damals bei Figurproblemen bekommen habe", sagt Geiger Liebreich. Jetzt sollen die Tänzerinnen und Tänzer von Experten Hilfe bekommen, um "das Problem gesund zu lösen".

In dem 23-seitigen Aufschlag klingt das auch ein bisschen nach der Quadratur des Kreises: Klassisches Ballett ist in den Kompanien eine an der Leistung orientierte streng hierarchische Sache. Nun sieht man sich am Umbruch der Tanzausbildung, die sich von ihrem streng autoritärem Erbe lösen soll. Mehr Transparenz, Begegnungen auf Augenhöhe von Lehrenden und Lernenden, Integrität, professionelle Kompetenz und Mitgefühl lauten die Schlagworte, die Jan Broeckx, Leiter der Ballettakademie, als ethisch bindendes Lehrkonzept sieht. Das Ganze ist nicht widerspruchslos, wie der Studiendekan und Musikpädagoge Andrea Sangiorgio bestätigt: "Bei manchen Dingen ist es beim Ballett schwierig, die Balance zu finden", was hier auch im übertragenen Sinn gemeint ist: Ohne Disziplin, Grenzüberwindung und Schmerz im Kindes- und Jugendalter geht es im klassischen Tanz nicht. Auch nicht mit neuem Konzept.

Aber psychisch kann es leichter werden. Und das können die Ansprüche, die man nun für München formuliert hat, durchaus schaffen. Man wolle, dass die Lehrenden jedem Eleven die gleiche Zeit und Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen, formuliert es Hochschulpräsident Bernd Redmann. Also keine Lieblingsschüler mehr, kein Solisten-Auspicken, kein künstliches Anheizen der sowieso schon an Konkurrenz reichen Atmosphäre. Dazu gibt es Vertrauenspersonen, an die sich die Studierenden wenden können, verschiedene Beschwerdewege, einen Elternbeirat. Es bleibt auch viel offen - etwa Schulunterricht mehr in den Ballettunterricht zu integrieren, eine tanzpädagogische Ausbildung, mehr Unterricht im zeitgenössischen Tanz, alles Dinge, die den Fokus von der der Sache nach unerbittlichen Klassik nehmen könnten. Dafür bräuchte es aber mehr Geld und mehr Kapazitäten.

© SZ vom 20.10.2020
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