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Tanzperformance:Spannungsgeladen

Baucontainer und ein Hubwagen sind die Kulissen, in denen das Young Pathos Kollektiv seine Performance "Energie" zeigt. In der wechseln sich Stillstand und Bewegung ab.

(Foto: Patrik Thomas)

Das "Young Pathos Kollektiv" widmet sich den Spielarten der Energie

Von Jennifer Georgi

Sie bezeichnet die Fähigkeit, mechanische Arbeit zu verrichten, Wärme abzugeben oder Licht auszustrahlen. Ist sie für uns auch zumeist nicht sicht- oder spürbar, könnte doch kein Zug ohne sie fahren, kein Flugzeug über den Wolken segeln, kein Radio spielen und erst recht kein Computer laufen. Sie kann gespeichert und umgewandelt werden, aber ein Leben ohne sie ist nicht möglich: Energie. Sie ist aber auch titelgebend für die neue Inszenierung des Young Pathos Kollektiv, das zu dem komplexen Thema eine vielseitige Tanzperformance auf die Beine gestellt hat. Unter der künstlerischen Leitung von Chris Hohenester haben sich zehn junge künstlerische Talente im Alter von 16 bis 22 Jahren gemeinsam Gedanken gemacht und ihre Ideen zusammen fließen lassen.

An drei Tagen präsentierten sie nun das Ergebnis "Energie" im Innenhof des Pathos München - denn unter freiem Himmel zu spielen, setzt schon mal eine ganz andere Energie frei als im herkömmlichen Theatersaal. Ebenso wenig und zugleich doch sehr alltäglich mutete auch die Kulisse an; bestehend aus einer Straßenlaterne, einem Baucontainer sowie einem Einkaufs- und einem Hubwagen. Doch während man sich als Zuschauer noch die Frage stellt, was all das mit Energie zu tun hat, werden die Darsteller schon auf besagtem Hubwagen herbeigefahren und dann passiert erst mal eine ganze Weile - nichts. Was zunächst merkwürdig erscheint, ist durchaus gewollt, denn obwohl kein Wort fällt, keine Regung vor sich geht und das Folgende sich nur im eigenen Kopf abspielt, baut sich unweigerlich Spannung - und damit, kein Zufall - eine Form von Energie auf. Doch bald darauf wird die Stille jäh durchbrochen und ebenso tänzerisch wie spielerisch bewegen sich die Darstellenden durch-, vor-, und hintereinander zur Musik. Dabei ist auch die musikalische Begleitung ein wichtiger Bestandteil in Bezug auf das zentrale Thema, denn indem die einzelnen musikalischen Sequenzen immer wieder durch das Herausziehen des Steckers unterbrochen oder fortgesetzt werden, wird auch hier der laufende oder gestörte Energiefluss bewusst inszeniert. Im weiteren Verlauf wird die Thematik immer wieder neu entfaltet und in verschiedene Kontexte gestellt.

Sie findet sich beispielsweise in den zaghaften und doch spannungsgeladenen Blicken und Gebärden zweier Liebenden. Oder sie nimmt Gestalt an in der ganz anders gelagerten Energie der Staatsgewalt. Die stellt das Kollektiv anhand von selbsterlebten Geschichten dar, die die Mitwirkenden mit einem Megafon vortragen. Die Bandbreite reicht bis hin zu einem der größten Mysterien unserer Existenz, der kosmischen Energie. Dieses für den Menschen kaum zu begreifende Phänomen wird zwischen den einzelnen bewegungsintensiven Sequenzen in von den jungen Künstlern und Künstlerinnen selbstverfassten Texten aufgegriffen - und am Ende malerisch auf einer Leinwand umgesetzt, die dann wiederum zerstört wird.

Mit seiner sechzigminütigen Performance aus tänzerischen Elementen, poetischen Texten, Aktionskunst und Gesang, hat das Young Pathos Kollektiv eine anspruchsvolle Inszenierung geschaffen, die Energie bündelt, sie in Faszination verwandelt und Begeisterung auch beim Publikum freisetzt.

© SZ vom 14.06.2021
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