Auf einer Bühne proben die vier Musiker des Ensembles Tetra Brass mit Trompeten und Posaunen, beobachtet von dem Schauspieler Anh Kiet Le. Er ist fasziniert von ihnen, würde am liebsten nicht nur zuhören, sondern auch dazugehören. Aber das geht sicher nur, wenn er ebenfalls eines dieser Instrumente spielt – oder? Gelegenheit macht Lügner, und so flunkert er sich etwas zusammen, um mitzuspielen. Aber was, wenn er auffliegt? Von Schwindeln, Mut und Zugehörigkeit erzählt das Musiktheaterstück „Wie das flunkert“ des Komponisten Piyawat Louilarpprasert und der Regisseurin Daniella Strasfogel.
Das Stück wurde als Schauburg-Beitrag zur Münchener Biennale für zeitgenössisches Musiktheater im Mai entwickelt und steht jetzt wieder beim Festival „Think Big!“ auf dem Spielplan. Für die 11. Ausgabe vom 9. bis 19. Juli haben die künstlerischen Leiterinnen Simone Schulte-Aladağ von Fokus Tanz und Andrea Gronemeyer, Intendantin der Schauburg, ein nationales und internationales Programm für Familien, Schulklassen, Lehrkräfte, kleine wie große Zuschauer zusammengestellt. So unterschiedlich die Kompanien auch sind, setzen viele von ihnen in der Schauburg, im Muffatwerk, im Theater HochX, im Pathos und im Schwere Reiter die Magie der Bewegung ein, um gesellschaftliche Regelwerke zu hinterfragen: Wie entstehen sie, welchen Sinn haben sie, und wie lassen sie sich ändern?

Da lädt etwa Constantin Trommlitz in „Tie Break“ zu einem urbanen Tanz-Battle ein: Ursprünglich entstanden diese Battles aus Gang-Rivalitäten, die tanzend statt mit Gewalt ausgetragen wurden. 2024 wurden sie als „Breaking“ sogar erstmals offizielle olympische Wettkampfdisziplin. Trommlitz untersucht nun, wie Tanz-Battles als Metapher für persönliche Kämpfe gegen Ängste, Selbstansprüche und das Ringen um Akzeptanz dienen. Und fragt: Wann wird die Challenge zum Moment der Befreiung?

Janne Gregor bringt in „Ich kann’s nicht lassen“ den sogenannten Krump von Afrika über Los Angeles nach München: Tänzer und Tänzerinnen aus Afrika haben diesen Tanzstil als Aufbegehren gegen soziale Ungleichheit und Diskriminierung in die Straßen von L.A. gebracht. Dieses Lebensgefühl übersetzt die Choreografin Gregor in den Theaterraum und bricht gewohnte Hierarchien zwischen Publikum und Performern auf. Wem gehört die Bühne? Fragen die vier Tänzer und Tänzerinnen sich und das Publikum in der Produktion von Tanzhaus Berlin. Fest steht schon jetzt: Dabei kommt auch das Publikum in Bewegung.

Wie funktioniert Gemeinschaft? Das erkundet Alfredo Zinola in „Posto“ mithilfe von drei überdimensionierten Bällen und drei Tänzern, die nach ihrem eigenen Platz suchen. Eigentlich ist das gar nicht so schwer, vorausgesetzt, man achtet aufeinander und das junge Publikum ab sechs Jahren hilft aufmerksam mit. Die etwas Älteren ab zwölf Jahren können in „Boxed“ von Wired Studio im Selbstversuch erleben, wie das Phänomen Gesellschaft zustande kommt: Sie werden Teil einer lebenden Skulptur, angeleitet durch Anweisungen, die sie über Kopfhörer erhalten. Welche Regeln kristallisieren sich dabei heraus?
Eine andere Perspektive auf Regelwerke wählt die brasilianisch-hamburgische Choreografin Regina Rossi. Inspiriert von Wettbewerbs-Shows lässt sie in „Du bist dran“ das Publikum selbst entscheiden, welche Spielregeln gelten sollen. Während die Spieler und Spielerinnen einander ans Höher-schneller-weiter-Limit pushen, stehen die Besucher am Ende vor der Frage: Was bleibt, wenn der Wettbewerb vorbei ist?

Die Choreografin Ceren Oran, Förderpreisträgerin der Stadt München, ist mit gleich zwei Stücken vertreten: „Rond au Carré“ ist ihre erste Produktion für Babys und ihre Eltern: Eine musikalische Tanzperformance über geometrische Formen, die in der Natur ebenso vorkommen wie in der Kunst, vom Kreis bis zum Quadrat, vom Dreieck bis zum Trapez. Erfreulicherweise ist aber auch ihr Tanztheaterstück „Gute Wut“ beim Festival noch einmal zu sehen, das 2025 zu Recht mit dem deutschen Theaterpreis „Faust“ ausgezeichnet wurde. Es rückt so virtuos wie humorvoll ein allseits bekanntes, aber schlecht beleumdetes Gefühl in den Mittelpunkt. Dabei kann es doch den Anstoß für notwendige Veränderungen in einem als ungerecht empfundenen System geben.
Virtuos übersetzen Miller di Nobili in „Main character lost“ inneres Chaos in Tanz: Was bleibt von dir übrig, wenn alle etwas von dir wollen? Zusammen mit drei Tänzern aus Breaking, Hip-Hop und zeitgenössischem Tanz transformieren Maria Chiara de Nobili und Alexander Miller Gemütszustände in körperliche Bewegung: Wenn Eltern, Schule, Instagram, der Druck, sich um alles kümmern und Leistung bringen zu müssen, an einem zerren, kann das leicht mal zu viel werden.
Heutige Großeltern sind ganz anders aufgewachsen als ihre Enkelkinder. Denn zu der Zeit, als sie Kinder waren, gab es noch kein Internet und keine Social Media, kein Tiktok und keinen Fernseher. Davon ausgehend ließ die taiwanesische Tänzerin und Choreografin Fang Yun Lo Kinder in verschiedenen Workshops ihre Großeltern befragen: Wie ging es euch, als ihr so alt wart wie wir heute? Wovon habt ihr geträumt, wovor habt ihr euch gefürchtet? Aus diesen Gesprächen konzipierte sie das Tanztheaterstück „Als ich in deinem Alter war“, mit dem sich zum Festivalende der Kreis zwischen den Generationen schließt. Wer weiß – vielleicht regt es die eine oder den anderen an, sich den eigenen Großeltern aus neuer Perspektive zu nähern.
Neben der Fachtagung „Geteilte Bühne – Partizipation in Bewegung“ für Tanzschaffende, Pädagogen und Interessierte ergänzen Gespräche rund um die Vorstellungen, aber auch Workshops für Kinder, Familien und junge Erwachsene das Programm. So heißt es beim Familientanzworkshop mit Daniela Holloch im Muffatwerk etwa „Tanz mit mir“; Grundzüge des Tanzstils „Krump“ vermitteln indes Iman Gele und Yara Atrisha Traore jenseits ihres Stücks „Ich kann’s nicht lassen“ in der Großen Burg.
Im Schauburg Labor in Ramersdorf lädt die Musikerin Kokonelle zum Workshop „HipHop & Songwriting“. Kokonelle ist eine Künstlerin aus München mit kongolesischen Wurzeln, die in ihren Songs Hip-Hop, R’n’B, Afro und Soul verbindet – mehrsprachig auf Englisch, Deutsch, Französisch und Lingala. Wie sich das anhört, demonstriert sie in einem Konzert gemeinsam mit DJ Ropa am Samstag, 11. Juli, um 18.30 Uhr auf dem Elisabethplatz.
Think Big!, 11. Internationales Tanz-, Musiktheater- und Performance-Festival für junges Publikum, 9. bis 19. Juli, diverse Spielorte, Programm unter www.thinkbigfestival.de

