Literatur:Vom Ende des Schweigens

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Literatur: Tanja Maljartschuk liest im Literaturhaus und eröffnet eine Plakataktion in der Internationalen Jugendbibliothek.

Tanja Maljartschuk liest im Literaturhaus und eröffnet eine Plakataktion in der Internationalen Jugendbibliothek.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk, die das Forum des diesjährigen Literaturfests München kuratiert, stellt sich und ihr Werk im Literaturhaus und in der Internationalen Jugendbibliothek vor.

Von Antje Weber

"Der Kampf ist verloren, sobald man entscheidet, ihn nicht zu beginnen." Dieser Satz aus Tanja Maljartschuks "Blauwal der Erinnerung" (Kiepenheuer & Witsch) bezieht sich auf die Panikattacken der um Identität und Zugehörigkeit ringenden Ich-Erzählerin. Er lässt sich jedoch auch in Hinblick auf die Ukraine deuten - der 2016 erschienene Roman beschreibt in einem zweiten Strang anhand der Figur des Politikers Wjatscheslaw Lypynskyj schließlich auch intensiv die Geschichte ihrer Unabhängigkeitsbestrebungen.

Wer die Entwicklung der Ukraine, ihr Ringen um Unabhängigkeit mitsamt eigener Sprache, eigener Kultur verstehen will, findet in Tanja Maljartschuks Roman viel Material - mit dem sie auf kluge, suggestive Weise spielt. Die 1983 in Iwano-Frankiwsk geborene, seit mehr als zehn Jahren in Wien lebende Schriftstellerin wird, wie vor wenigen Wochen bekannt wurde, in diesem Herbst das Forum des Literaturfests München kuratieren. Und wer nicht nur ihre Ideen dafür, sondern auch ihr Werk besser kennenlernen will, hat in den nächsten Wochen gleich mehrfach Gelegenheit dazu.

Zum einen wird Maljartschuk am Dienstag, 28. Juni, im Literaturhaus zu erleben sein - ihr Roman "Blauwal der Erinnerung" wird an diesem Abend im Zentrum stehen. Zwei Wochen später, am Dienstag, 12. Juli, ist sie in der Internationalen Jugendbibliothek zu Gast und wird in der Reihe "Bücher der Kindheit" über prägende Kindheitslektüren sprechen. Gerahmt wird das Gespräch von der Eröffnung einer Ausstellung: Das ukrainische Kollektiv "Pictoric Illustrators Club" präsentiert sein Projekt "YellowBlue" und zeigt 30 Plakate mit Bildern von Kindern, die vor und nach Beginn des Krieges entstanden sind.

"Deine Heimat ist dort, woher deine Traumata stammen"

Überhaupt zeigt sich die Internationale Jugendbibliothek derzeit aktiv solidarisch mit der Ukraine. In einer gemeinsamen Benefizaktion mit dem Rotary Club Blutenburg hat sie von einem ukrainischen Kinderbuchverlag aktuelle Bilder- und Kinderbücher erworben, die an Stadtteilbibliotheken und Grundschulen rund um München verschenkt werden. Damit sollen geflüchtete Kinder in Geschichten in ihrer Muttersprache Trost und Halt finden können; zugleich will man mit der Aktion, so IJB-Direktorin Christiane Raabe, auch ukrainische Kinderbuchautoren unterstützen.

Solidarität mit der Ukraine gibt es in der Buchbranche derzeit in vielerlei Hinsicht. So widmet sich das aktuelle Magazin "5plus" einiger deutscher Buchhandlungen, zu denen in München Lehmkuhl zählt, in einem sehr schönen Schwerpunkt Schriftstellerinnen und Schriftstellern der Ukraine. Auch ein Text von Tanja Maljartschuk findet sich hier. "Deine Heimat ist dort, woher deine Traumata stammen", schreibt sie darin. Und auch: "Noch vor zwei Generationen konnte keiner aus meiner großen Familie lesen oder schreiben." Ihre Vorfahren hätten zwar viel erzählt, aber noch lieber geschwiegen - "eine Voraussetzung für das Überleben". Die Zeiten des Schweigens, das bekräftigt diese Schriftstellerin in Werk und Tat, sind vorbei.

Tanja Maljartschuk im Gespräch: Dienstag, 28. Juni, 20 Uhr, Literaturhaus, Salvatorplatz 1, Saal & Stream, literaturhaus-muenchen.de; Dienstag, 12. Juli, 19 Uhr, Internationale Jugendbibliothek Schloss Blutenburg, ijb.de

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