Kunst im öffentlichen Raum:Im Plastikmeer

Kunst im öffentlichen Raum: Korallenhöhlen und Fischschwärme würde man im Regensburger Hauptbahnhof nicht vermuten. Doch eine AR-Installation des Künstlerduos Tamiko Thiel & /p ermöglicht den Spaziergang unter Wasser.

Korallenhöhlen und Fischschwärme würde man im Regensburger Hauptbahnhof nicht vermuten. Doch eine AR-Installation des Künstlerduos Tamiko Thiel & /p ermöglicht den Spaziergang unter Wasser.

(Foto: Tamiko Thiel)

Das Künstlerduo Tamiko Thiel und /p verwandeln einen Fußgängertunnel im Regensburger Hauptbahnhof in eine perfekt schöne Unterwasserwelt - wäre da bloß nicht so viel Kunststoffmüll.

Von Sabine Reithmaier, Regensburg

Einfach die Bahnhofshalle queren und am Gleis 1 rechts halten, hatte der DB-Mitarbeiter die Frage nach dem "Art Lab" beantwortet. Dann die Treppe zur Fußgängerunterführung runter hinein in eine leuchtende Unterwasserwelt. Eine Korallenhöhle glitzert, Fischschwärme tummeln sich an den Wänden. Alles perfekt, würden nicht die Korallen zu seltsamen Plastikgabeln mutieren. Überhaupt liegt ein bisschen viel Kunststoffschrott auf dem Tunnelboden. Oder ist das der Meeresgrund? Und hat sich da nicht gerade ein Fisch in ein Plastikwesen verwandelt? Völlig versunken in die Unterwasserwelt interpretiert die Besucherin sogar die gedämpft-verwaschen klingende Stimme, die ab und an ertönt, als zugehörig. Es dauert einen Moment, bis sie realisiert, dass es sich um Lautsprecherdurchsagen handelt, die oben im realen Leben von Abfahrten und Verspätungen künden. Und dass das in Intervallen auftretende dumpfe Gerumpel nicht von Schiffsschrauben stammt, sondern von Güterzügen.

"Enter the Plastocene" haben das Künsterduo Thamiko Thiel und /p (gesprochen Slash Pi) ihr Projekt genannt, das sie für das Donumenta-Art-Lab Gleis 1 verwirklicht haben. "Der Tunnel vermittelt einfach ein einzigartiges Gefühl", sagt die Künstlerin, während sie sich langsam durch ihre Arbeit bewegt. Durch die schönen Bilder gelinge es, die Menschen einzufangen. "Erst wenn sie ein bisschen Zeit hier verbringen, lassen sie auch die Problematik der Umweltzerstörung an sich ran."

Die in Seattle geborene und in München lebende Künstlerin ist eine Pionierin auf dem Gebiet der Digitalen Kunst, bekannt dafür, dass sie in ihren Arbeiten neue Technologien mit sozialem und gesellschaftskritischem Engagement verknüpft. Ihre Faszination für das Digitale setzte in den frühen Achtzigerjahren ein, als sie als Ingenieurin und leitende Produktdesignerin die Supercomputer Connection Machine CM1 und CM2 gestaltete - 1989 die schnellsten Computer der Welt und heute in der Sammlung des MoMa in New York. In Virtual Reality stieg sie ein, als sie 1994 an der Seite von Steven Spielberg "Starbright World" produzierte. Inzwischen ist sie für ihre Augmented Reality (AR)-Arbeiten berühmt, in denen sie Orte mithilfe von Smartphone-Apps mit neuen Bedeutungen auflädt. Ihre Interventionen waren bereits auf der Biennale in Venedig, in der Londoner Tate Modern oder im New Yorker MoMa zu sehen.

Seit 2018 arbeitet sie mit dem Oberpfälzer Informatiker und Multimediakünstler /p alias Peter Graf zusammen. Gemeinsam mit ihm entwickelte sie beispielsweise die AR-Installation "Unexpected Growth", ein Auftrag des Withney Museums in New York, oder die großformatige Außenprojektion "Evolution of Fish", die die beiden 2019 im Digital Graffiti Festival in Florida präsentierten.

13 Ausstellungen in drei Jahren

Jetzt also Regensburg. Seit 2019 bespielt hier der Kunstverein Donumenta die ehemalige Unterführung, die im Hauptbahnhof Gleis 1 mit Gleis 9 verbindet. "Wir können hier machen, was wir wollen", sagt Regina Hellwig-Schmid, Künstlerin, Initiatorin und Vorsitzende des Vereins Donumenta, der seit Jahren, gerade was Kunst im öffentlichen Raum betrifft, Maßstäbe in Regensburg setzt. Seit Mai 2019 haben im Tunnel 13 Ausstellungen stattgefunden, immer mit raumbezogener Kunst. Fast immer entstanden neue Werke, denn "fertige Ware" (Hellwig-Schmid) ist in der 60 Meter langen Unterführung nur selten nutzbar.

Bald begeht der 2003 gegründete Verein, der seit Jahren erfolgreich zeitgenössische Kunst aus den Donauländern nach Regensburg holt und ein fabelhaftes Artist-in-Residence-Programm entwickelt hat, sein 20-jähriges Bestehen. Noch immer finanziert er seine Ausstellungen durch Projektförderung einzelner Vorhaben, Anträge auf eine finanzielle Grundsicherung durch die Stadt werden regelmäßig abgelehnt. Verdient hätte sie der Verein der vielen ausgezeichneten Projekte wegen allemal. "Wir sind doch diejenigen, die der Stadt ein zeitgenössisches Gepräge gegeben haben in all den Jahren", findet Hellwig-Schmidt und man kann ihr nicht widersprechen.

Der Kunststoffschrott im Tunnel ist übrigens echter Müll. Tamiko Thiel habe darauf beharrt, bereits benutztes Plastik oder Kunststoff zu verwenden, sagt Hellwig-Schmid. "Da merkt man gut, wo man selbst noch Ecken der Bequemlichkeit hat, ich hätte einfach neue Folien gekauft." Tamiko Thiel kennt diese Haltung bereits aus früheren Projekten. Wenn sie ihre Freunde gebeten habe, Plastikmüll zu sammeln, hätten die meisten erst behauptet, sie hätten keinen, da sie nur im Bioladen einkaufen, erzählt sie. "Erst dann ist ihnen aufgefallen, dass ihr Gemüse aber trotzdem in Plastikfolien steckt."

Tamiko Thiel & /p: Enter The Plastocene, bis 17. 11., Donumenta Art Lab Gleis 1 am Hauptbahnhof Regensburg, geöffnet Mi. - So., 14 - 19 Uhr, Eintritt frei

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