Talentiade Umwerfend gut

Die 16-jährige Judoka Samira Bock kämpft sich regelmäßig unter die ersten Zehn auf der U-18-Weltrangliste.

Von Julian Raff, Großhadern

"Ich geh meistens mit einem Lächeln von der Matte", sagt Samira Bock nicht nur über ihre Wettkampferfolge, sondern auch über ihren Trainingsalltag beim TSV Großhadern. "Intrinsische Motivation" nennen Sportpsychologen wohl, was die 16-jährige Judoka antreibt - Begeisterung, die erst einmal nicht nach Titeln und medialer Aufmerksamkeit fragt - und schon gar nicht nach Preisgeldern. Dass Judo keinen hochdotierten Profizirkus kennt und nach einer Boomphase in den Achtzigerjahren hierzulande nicht mehr unter den Trendsportarten rangiert, stört sie entsprechend wenig, warum auch? Ein frischer deutscher Meistertitel bei den Frauen unter 18 will schon was heißen. Auf welch hohem Niveau sich Bock dafür durchsetzen musste, zeigt nicht zuletzt ihr regelmäßiger Platz unter den ersten Zehn auf der U-18-Weltrangliste.

Schwer zu werfen: Mit ihren 1,72 Meter überragt Samira Bock (rechts) die meisten ihrer Gegnerinnen.

(Foto: Privat)

Den Meisterschaftssieg am 3. März 2019 in Leipzig konnte Samira an ihrem 16. Geburtstag erringen, geschenkt gab es ihn freilich nicht: Fünf Mal pro Woche trainiert die Olchinger Gymnasiastin in der TSV-Judohalle an der Heiglhofstraße. Mit seinem Pagodendach setzt der Bau schon äußerlich einen dezent japanischen Akzent im Viertel, passend zu seiner Funktion als Bundesstützpunkt für den Bayerischen Judo-Nachwuchs. Das Ambiente trägt seinen Teil dazu bei, dass sich Samira hier ebenso zu Hause fühlt wie ihre zwei Jahre ältere Schwester Yasmin, ebenfalls eine erfolgreiche TSV-Judoka. Die Eltern Stephan Bock und Soraya Ali-Akbarian unterstützen ihre Töchter mit ehrenamtlichem Engagement im Verein - und 30 000 bis 40 000 überwiegend selbst bezahlten Reisekilometern pro Jahr, zu Wettkämpfen und Trainingslagern in ganz Europa. Ganz im Geist der Judo-Etikette feuern sie natürlich überall an und fiebern mit, aber stets mit Respekt vor dem Gegner.

(Foto: )

Eine Sportkarriere mit verkrampftem Ehrgeiz planen und forcieren musste die Familie ohnehin nicht. Am Anfang standen eher zwei glückliche Zufälle: Durch unermüdlichen Bewegungsdrang war Samira schon längst aufgefallen, als sie 2009, mit sechs Jahren, einer Schulfreundin ins TSV-Judotraining folgte und so nicht nur auf Anhieb die richtige Sportart fand, sondern auch den richtigen Verein. Großhadern dominiert, zusammen und in freundschaftlicher Rivalität mit dem TSV Abensberg (bei Ingolstadt), das Bayerische Judogeschehen und fördert vielversprechenden Nachwuchs entsprechend: Versierte Partner im Randori (Übungskampf), erfahrene Trainer wie Samiras heutiger Coach Milan Disovic und ein Programm, das die Bausteine Kraft, Kondition, Technik, Taktik und Psyche auf aktuellem Erkenntnisstand zusammenfügt. Dass Samira Bock, wie sie sagt, dank des ausgeklügelten Plans und ihrer Energie für die bisherigen Erfolge "nicht talentierter als der Durchschnitt" zu sein brauchte, ist natürlich pures Understatement. Sicher sagen lässt sich, dass sie, 1,72 Meter groß und feingliedrig gebaut, ein wenig aus der Standardphysiologie ihres Sports fällt und in der Trainingsgruppe ihre eher kompakten und gedrungenen Altersgenossinnen buchstäblich überragt. Der Körperbau hat seine Vor- und Nachteile: "Schwer zu werfen" sei sie für ihre Gegnerinnen, die ihre antrainierten Techniken im Kampf oft nicht recht umsetzen könnten. Eine Gefahr liegt andererseits darin, auch ohne entsprechende Muskelpakete zu früh in der nächsthöheren Gewichtsklasse zu landen. Vor Wettbewerben ist daher oft erst einmal "Gewicht machen" angesagt - nicht das, wonach es klingt, sondern, im Gegenteil, ein Diätprogramm. Ernährung nach Plan scheint so ziemlich das Einzige, zu sein, was Samira Bock an ihrem Sportlerleben stört, wenn auch nur phasenweise und ohne Exzesse. Gesundheit und Vorsicht steht in der Judokultur weit oben, gerade weil der Sport nun einmal ein gewisses Verletzungsrisiko birgt. Einige besonders spektakuläre Würfe sind zum Beispiel heute aus Sicherheitsgründen im Wettkampf nicht mehr zugelassen. Vor zwei Jahren hatte sich Samira im Training dennoch den Ellbogen gebrochen. Zwölf Wochen blieben die Schrauben im Gelenk. Wenigstens ließ sich der Bewegungsdrang mit Laufen und Wandern stillen. "Sonst wär ich verrückt geworden", sagt sie mit nur wenig Übertreibung und mit Blick auf Kollegen, die es schlimmer erwischt hat. Das Verletzungsrisiko spielt als große Unbekannte auch in alle Gedankenspiele über eine Profilaufbahn mit hinein, beziehungsweise über eine internationale Wettkampfkarriere, parallel zum Studium. Die Doppelbelastung kennt Samira bereits heute: Als eine der wenigen Bundeskader-Athletinnen besucht sie ein reguläres Gymnasium, anstelle einer Sportschule, was nur mit regelmäßiger Beurlaubung und verdichtetem Lernen auf die Nachhol- Klausuren überhaupt geht.

In den Juli und damit in den ruhigen Ausgang des Schuljahres fällt nun erst einmal das Europäische Olympische Jugendfestival in Baku, als nächste große Station. Langfristig reizt sie natürlich die Weltklasse im Erwachsenenbereich, allein schon, weil sie Begegnungen mit den japanischen Judoka mit sich bringt, die im Jugendsport eher unter sich bleiben. Mit ihrem perfektionierten, oft nicht einmal besonders kraftintensiven Stil bleiben Judoka aus Japan nach wie vor Angstgegner für den Rest der Welt. Die Nerven haben bei Samira Bock aber bisher noch jedes Mal mitgespielt, im Gegenteil sagt sie: "Mir gefällt der Druck sogar ein bisschen."