Süddeutsche Zeitung

Tag des offenen Denkmals:Wiederaufbau der Maxburg: Ein Affront gegen "unser liebes München"

Lesezeit: 3 min

Von Alfred Dürr

Wenn Denkmalschützer und Stadtbild-Experten vor der Gefährdung des Münchner Zentrums warnen, ist das kein Alarmismus. Auf den heiß begehrten Grundstücken im Altstadt-Ensemble lastet ein enormer ökonomischer Verwertungsdruck. Immer mehr der nach dem Krieg wieder aufgebauten Gebäude sind in die Jahre gekommen. Sie werden abgerissen oder modernisiert.

Heftige Debatten entzünden sich daran, wie neue Bauwerke in den von der Geschichte geprägten Häuserstrukturen und Wegeführungen aussehen sollen. Was kann weichen und durch moderne Architektur ersetzt werden, was muss bewahrt werden, damit nach den schweren Bombenschäden des Krieges keine zweite Zerstörung des Herzens der Stadt droht?

Eine herausragende Anlage aus der Zeit des Wiederaufbaus ist zum Beispiel die Neue Maxburg an der Pacellistraße. Sie gilt als Ikone modernen Bauens aus den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Heute ist sie allerdings etwas in Vergessenheit geraten und wirkt teilweise auch vernachlässigt. Die 2016 in München gegründete Sep-Ruf-Gesellschaft, die sich für die Erforschung, Bewahrung und Verbreitung des Werkes eines der bedeutendsten deutschen Architekten (1908 bis 1982) des 20. Jahrhunderts einsetzt, beteiligt sich mit Führungen durch die Maxburg am Tag des offenen Denkmals.

Die ehemalige Herzog-Max-Burg, das Stadtschloss der Wittelsbacher, stammte aus dem 16. Jahrhundert. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Komplex mit seinen abgeriegelten Höfen nahezu vollständig zerstört. Erhalten blieben von dem mächtigen Renaissancebau lediglich der charakteristische Turm und einzelne Räume. Das Areal diente lange als Trümmerschutt-Platz.

Der Wiederaufbau der Maxburg wurde schließlich zum Musterbeispiel dafür, wie Tradition und Moderne aufeinanderprallten. Der Freistaat wollte einen großzügigen Geschäfts- und Verwaltungsbau mit Räumen für die Justiz errichten. Zur Anlage gehört auch der gläserne,transparente Autopavillon gegenüber dem Künstlerhaus am Lenbachplatz. Verwirklicht wurde das Gesamtprojekt nach dem Entwurf der Architekten Sep Ruf und Theo Papst.

Aus dem verschlossenen Areal wurde eine Anlage für die Bürger

Irene Meissner, vom Architekturmuseum der Technischen Universität München und im Vorstand der Sep-Ruf-Gesellschaft, berichtet von der heftigen Ablehnung, die den Wiederaufbau von Anfang an begleitete. Denn für die kriegszerstörte Altstadt galt die Leitlinie des damaligen Stadtbaurats Karl Meitinger, nach der im Zentrum "unser liebes München" mit seiner historischen Grundstruktur wieder entstehen sollte.

Konservative Architekten-Kollegen polemisierten also hart gegen Ruf und Papst, obwohl die beiden Architekten das ehemals für die Öffentlichkeit verschlossene Areal in eine offene, von Wegen und Plätzen durchzogene Anlage für die Bürger verwandelten.

Endgültig wurde das Projekt in den Augen der Kritiker zur "Murxburg", als bautechnische Probleme mit der vorgehängten Natursteinfassade auftraten. Das nahm man schnell zum Vorwand, um Ruf persönlich zu verunglimpfen und moderne Architektur generell zu diskreditieren, wie Meissner erläutert.

Inzwischen gilt die Maxburg als einer der bundesweit besten Bauten aus der Nachkriegszeit. Ein Grund ist auch der Umgang der Architekten mit dem noch erhaltenen Turm. Ruf und Papst stellten diesen frei. Meissner: "So konnte man die Historie herausstellen und sich gleichzeitig von der Geschichte lösen." Aus der Gliederung des Turms hätten die Architekten ein Proportionssystem für die Fassaden der Neubauten entwickelt: "Alt und Neu sind dadurch nicht kontrastierend gegenübergestellt, sondern Moderne und Historie verbinden sich im Dialog miteinander, ohne dass das eine das andere dominiert."

Von den Bürgern sei die in eine reine Fußgängerzone umgewandelte Anlage begeistert angenommen worden, beschreibt Meissner die weitere Entwicklung. Der zentral in der Stadt gelegene, beidseitig von verglasten Geschäftsräumen eingefasste urbane Raum ist einer der ersten öffentlich zugänglichen Innenhöfe Münchens gewesen - eine Idylle und Oase der Ruhe gleich neben dem Stachus.

Die Maxburg, die seit 1999 unter Denkmalschutz steht, ist auch deshalb so interessant, weil hier die 1950 wiederbelebte staatliche Kunst-am-Bau-Förderung mit Arbeiten renommierter Künstler umgesetzt wurde. Von Mosaik über Fresko und Sgraffito bis zu Glasgemälden und Skulpturen finden sich nicht nur an der Maxburg, sondern auch an vielen anderen Gebäuden in der Altstadt direkt sichtbare, manchmal auch versteckte Kunstwerke.

Ein Spaziergang durch das Zentrum kann so zu einer überraschenden Entdeckungsreise werden. Es ist in der Tat erstaunlich, welchen großen Wert die Architekten des Wiederaufbaus auf die Kunst am Bau gelegt haben. Zum Tag des offenen Denkmals ist dazu eine Broschüre erschienen. Die Autoren Susanne Fischer und Burkhard Körner (beide vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege) sowie Harald Scharrer von der Lokalbaukommission führen am Sonntag durch die Altstadt und geben Informationen zu ausgewählten Objekten.

Am Sonntag, 10. September, finden um 11, um 14 und um 16 Uhr Führungen über das Gelände der Maxburg statt. Treffpunkt ist der Moses-Brunnen im Innenhof. Führungen zu den Kunstobjekten sind um 11.45 Uhr, 12.45 Uhr und 14.45 Uhr. Teilnahmekarten ab 11 Uhr beim BLfD, Hofgraben 4. Die Broschüre gibt es beim Plan Treff, Blumenstraße 31 oder hier.

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Quelle:
SZ vom 08.09.2017
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