Robert Fritsch, 49, engagiert sich seit mehr als 20 Jahren ehrenamtlich für Greenpeace, seit 15 Jahren ist er in München aktiv. Er sagt: „Mein Herz schlägt green, also für Umwelt- und Klimaschutz, und für peace, Frieden.“ Am Sonntag bietet der Betriebswirt, der als Finanzcontroller arbeitet, zum Internationalen Tag des Friedens am Vormittag und Nachmittag Führungen durch München zu Bauwerken und Schauplätzen der NS-Diktatur an.
SZ: Herr Fritsch, Greenpeace kennt man von spektakulären Protestaktionen und Sammelklagen für den Umweltschutz. Sie gehen als Ehrenamtlicher durch München auf den Spuren der Nazis. Ist Umweltschutz jetzt zweitrangig?
Robert Fritsch: Umweltschutz und die Demokratiebewahrung – beides ist mir gleich wichtig. Aber man muss auch für die Demokratie kämpfen, sie ist nicht gottgegeben. Für mich gehört beides zusammen, denn wenn wir in einer politisch liberalen, wertschätzenden Gesellschaft leben, sind die Chancen sehr viel größer, umweltpolitische Maßnahmen umzusetzen.
Greenpeace wurde 1971 gegründet, mitten im Kalten Krieg. Wie wichtig ist das zweite Wort in Greenpeace aktuell für die Organisation?
„Peace“ steht tatsächlich wieder mehr im Fokus, seit man weltweit und auch in Deutschland so viel über Aufrüstung spricht. Und seit des Ukrainekriegs. Auch die Verrohung der Sprache, die wir mehr und mehr erleben, macht mir große Sorge. Wir wollen den Friedensgedanken stärken. Schon seit 2020 gibt es mehr Friedensgruppen bei uns.
Frieden schaffen ohne Waffen?
Eine Aufrüstungsspirale kann keine Lösung sein, wir müssen auch diplomatische Wege finden. Und außerdem ein Bewusstsein schaffen, für unsere Vergangenheit, für die Weltkriege. Für mich sind die Stadtrundgänge ein Beitrag in diese Richtung.
Wo werden Sie hingehen?
Es gibt sehr viele Orte in München, die an die Nazi-Vergangenheit erinnern. Das ist gar nicht alles zu schaffen. Treffpunkt ist an der Musikhochschule in der Arcisstraße, die früher der sogenannte Führerbau war. Dann gehen wir zum NS-Dokuzentrum, wo das Braune Haus, die Parteizentrale der NSDAP, stand, weiter zum Wittelsbacher Palais, zur Feldherrnhalle, zum Max-Joseph-Platz und auch zum Hofbräuhaus, wo Hitler 1920 die NSDAP gründete. Und wir enden am Alten Rathaus. Es ist mir wichtig, dass Geschichte greifbar wird.

Sie haben BWL studiert, wie kommt es, dass Sie so viel Geschichtliches wissen?
Ich lese viel, mehr denn je. Ich werde auch auf Widerstandskämpfer wie Sophie Scholl und Georg Elser eingehen und mit dem Rundgang den Bogen von der Vergangenheit bis ins Heute spannen. Ich möchte für mehr Beteiligung an der Demokratie werben, die Leute animieren, zu Bezirksausschusssitzungen zu gehen, zu Bürgerversammlungen, zu Demos. Diskussionen am Arbeitsplatz und im Freundeskreis sind wichtig. Es ist noch nicht mal 100 Jahre her, was hier passiert ist, Demokratie ist sehr fragil. Ich möchte, dass sowas nie wieder kommt. Man muss so froh sein, dass man in einer liberalen Gesellschaft lebt und so leben kann, wie man möchte.
Verlieren Sie dabei das Grüne von Greenpeace nicht aus dem Fokus?
Ich bin schon etwas desillusioniert aufgrund der ganzen Entscheidungen, die nach der Wahl von der neuen Regierung getroffen worden sind. Es gibt gerade einen sehr negativen Trend und Klimaschutz hat nicht den Stellenwert, den er haben müsste.
Warum hat der Umweltschutz so einen schweren Stand?
Die alten Strukturen – Kohle, Öl, Strom – hatten jahrzehntelang Zeit, ihre Netzwerke zu mobilisieren und Stimmung zu machen. Jeder hat Angst vor Wohlstandsverlust, was ja auch nicht schön ist. Über Robert Habecks Idee mit dem Heizungsgesetz wird hergezogen, aber dass Umweltschutz nicht Wohlstandsverlust bedeutet, sondern im Gegenteil unsere Zukunft sichert und eine sehr schöne Perspektive ist, wird viel zu wenig erzählt. Und vielleicht hören viel zu wenig Leute zu.
Macht sich dafür ein Fatalismus breit?
Genau das merke ich auch bei mir selbst. Ich mache nur noch die Sachen, von denen ich das Gefühl habe, dass sie ein bisschen Impact haben. Aber man darf sich nicht von der weltpolitischen Lage entmutigen lassen. Man muss positiv bleiben und auch Lösungen anbieten und gesellschaftlichen Druck ausüben. Genau das macht Greenpeace und deswegen engagiere ich mich auch dort.

