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"Tag des brandverletzten Kindes":Ungeschminkte Wahrheiten

Im Klinikum Schwabing zeigen Ärzte Buben und Mädchen aus Kindertagesstätten und Schulen die Behandlung schwerer Verletzungen

Alex quält sich mit einer schweren Verbrühung. Der Fünfjährige hat sich heißen Punsch über den Bauch geschüttet, jetzt liegt er festgezurrt auf einer Trage. Zwei Rettungssanitäter schieben ihn eilig durch die langen Flure des Klinikums Schwabing - vorbei an Krankenschwestern im morgendlichen Trubel und direkt in die Arme von Kai Breuling, Arzt im Versorgungsteam für schwer brandverletzte Kinder. "Hast du Schmerzen?", fragt er den kleinen Jungen - Alex verneint und lacht.

Zum Glück ist die täuschend echt aussehende Wunde nur aufgeschminkt - Breuling will den Kindergartenfreunden von Alex zeigen, wie Brandwunden behandelt werden. Die Buben und Mädchen des Kindergartens der Dankeskirche Milbertshofen sind 17 von 300 Teilnehmern aus Kitas und Schulen, die am Mittwoch - dem "Tag des brandverletzten Kindes" - einen Parcours am Klinikum Schwabing durchlaufen. "Es ist unser Ziel, das Thema spielerisch vorzustellen", erklärt Kai Breuling. Der Weg für die Kinder orientiert sich an den Stationen, die auch ein Patient im Ernstfall durchläuft.

Glück gehabt: Der kleine Alex durfte Patient spielen, die Sanitäter simulierten den Ernstfall.

(Foto: Catherina Hess)

Etwa 100 brandverletzte Kinder behandeln die Ärzte am Schwabinger Klinikum jährlich stationär; noch einmal so viele werden ambulant versorgt. Und so kann Carsten Krohn, leitender Oberarzt der Kinderchirurgie, viele schockierende Geschichten erzählen. Von Kindern, die rücklings in die Fritteuse fallen, weil die Eltern das Gerät auf dem Boden gestellt hatten. Von Jugendlichen, die zum Liebesbeweis auf Güterwaggons klettern und einen 15 000 Volt starken Stromschlag erleiden. Carsten Krohn ist sicher: "80 Prozent aller Brand- und Verbrühungsverletzungen könnten vermieden werden." Doch dafür brauche es Aufklärung über Gefahren im Haushalt - und Aktionstage wie am Klinikum Schwabing.

Alex ist mit seiner Gruppe inzwischen im OP-Saal angelangt. Zwischen den grellen Lampen und sterilen Oberflächen erinnern nur bunte Luftballons daran, dass dort an diesem Tag keine echten Operationen stattfinden. Mit Wassermalfarben und Gelatine wurden die Brandwunden der Kinder geschminkt, Assistenzarzt Rainer Wenzel übernimmt die Versorgung der "Verletzungen". Die Kinder dürfen helfen, die Wunden zu waschen und Verbände anzulegen. Danach geht es in einen Nachbarraum, in dem verschiedene orthopädische Bandagen ausliegen - darunter eine Jacke, ähnlich einem Neoprenanzug. Das eng anliegende Textil soll Narbenwülste verhindern, und es ist ein großer Spaß für die Kinder, die Materialien anzuprobieren. "Das sieht jetzt vielleicht lustig aus, aber wer so etwas trägt, hat sich vorher ganz doll verletzt", ermahnt Erzieherin Simone Zyzik-Zinn ihre lachenden Schützlinge.

Unter OP-Hauben begutachteten die Kinder "schwere" Brandwunden.

(Foto: Catherina Hess)

Von der Ernsthaftigkeit des Themas überzeugt Carsten Krohn die Kinder noch einmal am Ende der Runde. Mit Fotobeispielen macht der Oberarzt auf mögliche Gefahrenquellen im Alltag aufmerksam: herunterhängende Kabel eines Wasserkochers, am Tischrand stehende Tassen. "Und wenn ihr daheim Streichhölzer findet", schärft Krohn ein, "gebt sie euren Eltern und sagt, die sollen sie wegräumen". Allein der Griff an die Scheibe eines brennenden Kamins könne "vernichtende Verletzungen" hervorrufen. Bis eine schwere Brandwunde verheilt, vergeht viel Zeit- bei Carsten Krohn ist ein Patient in Behandlung, dessen Unfall schon 15 Jahre her ist.

Für die jungen Besucher geht der Vormittag glimpflich aus, die geschminkten Wunden sind versorgt. Und wenn alles gut läuft, sehen sie Krohn und sein Team nicht wieder. "Mein Ziel sind möglichst wenige Patienten", sagt er zum Abschied.