Letzte Ruhe "Der Tod ist doch nicht ganz so schlimm"

Ein Baum, ein Sarg, das Meer... inzwischen gibt es viele Orte, an denen Menschen ihre letzte Ruhe finden möchten.

(Foto: dpa)

Normalerweise suchen Menschen den städtischen Bestattungsdienst aus einem traurigen Anlass auf. Der Tag der offenen Tür hingegen verlief nahezu heiter. Ein Besuch.

Von Anna Hoben

Aus der Kategorie "Witze, die Bestatter sich erzählen": Ein paar Monate nach der Beerdigung ihres Mannes trifft eine Frau sich mit einer Freundin. "Mein Mann hat mir drei Umschläge hinterlassen", erzählt sie. Im ersten waren 1000 Euro, "für die Grabbepflanzung". Im zweiten waren 2000 Euro, "für einen schönen Sarg". Im dritten waren 10 000 Euro, "für einen besonders schönen Stein". "Stein?", fragt die Freundin überrascht, sie habe am Grab keinen Stein gesehen. Da zeigt die Witwe ihren Ringfinger und sagt: "Ist der nicht besonders schön?"

Ein Diamantring aus der Asche eines verstorbenen geliebten Menschen statt eines Grabsteins - Peter Kotzbauer, der Chef des Städtischen Bestattungsdienstes, erzählt den Witz am Ende der Führung durch das Palais Lerchenfeld in der Altstadt. Natürlich auch, um eine ernste Botschaft zu übermitteln: "Vorsorge ist wichtig." Damit es nicht zu Verwechslungen kommt wie im Witz mit den zwei Steinen. Die Lacher seiner Zuhörer sind ihm sicher. Der Tag der offenen Tür an einem Ort, an den Menschen normalerweise aus einem traurigen Anlass kommen, ist immer wieder nahezu heiter. Aber warum sollte es auch nicht so sein, wenn man sich schon die ganze Zeit mit todernsten Dingen beschäftigt?

"Entweder schon unter der Erde, oder sie verdrängen das Thema"

Zehn Frauen und zwei Männer sind an diesem Samstag zu Kotzbauers Führung gekommen. So sei das meistens, sagt er, es verhalte sich da wie mit Arztbesuchen, vor denen viele Männer sich scheuten. Frauen gingen mit dem Thema Tod anders um, offener. Wo die Männer also sind, während die Frauen sich um die Vorsorge kümmern? "Entweder schon unter der Erde, oder sie verdrängen das Thema."

Die Menschen, die an diesem Tag die Führung mitmachen, verdrängen keineswegs. Manche wollen, ganz im Gegenteil, alles ganz genau wissen: wie das ist, wenn ein Mensch kremiert wird, zum Beispiel. "Wollen das alle hören?", fragt Kotzbauer dann behutsam, und nur wenn alle nicken, erzählt er. Als erstes jedoch geht es von der Rezeption im ersten Stock - sie sieht aus wie jede Rezeption, nur dass hier eine Box mit Taschentüchern auf der Theke steht - in die Blumenausstellung. Kleinere und riesengroße Bouquets gibt es zu sehen, farblich klassische und sehr bunte, die aufwendigeren für um die 200 Euro. Und dann ist da noch das Herz aus roten Rosen, 70 mal 70 Zentimeter, "Preis auf Anfrage".

Peter Kotzbauer (l.) führt durch das Palais Lerchenfeld, in dem der städtische Bestattungsdienst sitzt.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Nächste Station: ein Raum mit Särgen und Urnen. Bestatter fragten häufig nach dem Gewicht der Verstorbenen, sagt Peter Kotzbauer, das sei wichtig für die Sargträger. Ein Sarg wiege ja schon 30 bis 50 Kilogramm, "und ich sag' ganz offen, die Schwere der Personen nimmt zu". Vor Kurzem hat er ein Exemplar in Übergröße verkauft, fast 300 Kilogramm wog der Verstorbene. Im Regal gegenüber: kompostierbare Urnen. "Ich würd' ja die lilafarbene nehmen", flüstert eine Besucherin ihrer Begleitung zu, es handelt sich um die "Naturstoff-Urne Edition Wave", 215 Euro. Es gäbe da auch noch die "Bio-Urne Flieder".

Letztendlich, weiß die Frau mit dem Nasenpiercing, sind die Behältnisse alle dazu da, das eigentliche Behältnis darin, die Aschenkapsel, für die Angehörigen aufzuhübschen, "denn die schaut ein bisschen 08/15 aus". Sie weiß das, weil sie kürzlich bei einer Besichtigung im Krematorium war. Bei den Särgen spielt sich alles zwischen dem günstigsten Modell für 345 Euro und extravaganten Varianten wie dem Modell "Quo Vadis" für mehr als 2000 Euro ab.

Die halbe Stunde ist vergangen wie im Flug, die Führung endet in Peter Kotzbauers Büro. An der Wand hängen Porträts von Mozart und ein Ablass von Kotzbauers Großmutter Anna Maria aus dem Jahr 1956. Gestorben ist sie erst in den Achtzigerjahren, schon 30 Jahre vor ihrem Tod sicherte ihr die katholische Kirche also einen "vollkommenen Ablass in der Todesstunde" zu - und den direkten Gang ins Paradies, ohne Umweg übers Fegefeuer.

Moderne Bestattungskultur

Die SPD will die Bestattungskultur in München modernisieren und hat dazu im Stadtrat mehrere Anträge gestellt. Die Stadtverwaltung solle den Themenkomplex Trost und Trauerarbeit zeitgemäß und interkulturell weiterentwickeln und dazu mit anderen Städten und Gemeinden, aber auch mit Experten und Branchenkennern zusammenarbeiten. Sie solle darüber hinaus ein Format entwickeln für einen fachlichen Dialog über die Frage, wie die Angebote und Strukturen der Friedhöfe gesellschaftlichen Veränderungen angepasst werden können. Denn die Nachfrage nach Alternativen zur klassischen Erd- oder Urnenbestattung steige seit Jahren. Auch die Abschiedsräume auf den Friedhöfen sollten ansprechender gestaltet werden. In Bezug auf verstorbene Kinder und sogenannte Sternenkinder solle die Stadt einen Gebührenerlass prüfen. Eine weitere Forderung ist die Einführung eines Fahrdienstes auf Friedhöfen für Menschen, die nur eingeschränkt mobil sind. Und schließlich solle der Oberbürgermeister sich bei der Bayerischen Staatsregierung für eine Abschaffung der Sargpflicht in Bayern einsetzen. hob

Die Besucherinnen haben dann noch ein paar Fragen, vor allem zur Baumbestattung, bei der die Urne unter einem Baum begraben wird, was etwa auf dem Waldfriedhof und dem Westfriedhof möglich ist. Auch diese Art des ewigen Wohnens ist in der Stadt mit den hohen Mieten nicht gerade billig: 5200 Euro kostet ein Familienbaum, ein Platz unter einem Gemeinschaftsbaum links oder rechts neben Fremden ist für 2500 Euro zu haben.

Christel Bugl, 78, ist eine von denen, die bei der Führung die Dinge genau wissen wollen, mit großer Neugier und ohne Berührungsangst. Seit etwa zwei Jahren beschäftigt sie sich mit dem Thema Tod, vom Testament bis zur Bestattung. Ihr Mann ist schon vor vielen Jahren gestorben; um ihren beiden Söhnen nicht zur Last zu fallen, will sie sich eines Tages am liebsten anonym bestatten lassen. Nachdem Peter Kotzbauer davon stark abgeraten hat - "Angehörige brauchen einen Ort für die Trauer" - will sie das nochmals überdenken. Nach der Führung kommt sie mit zwei anderen Frauen ins Gespräch.

Monique Littig, 72, erzählt, dass in ihrer Heimat Frankreich die Dinge rund um Tod und Bestattung bei Weitem nicht so streng gehandhabt werden wie in Deutschland. Alle drei gehen gern auf Friedhöfen spazieren, sie diskutieren nun darüber, welcher Friedhof der schönste sei. Sie möge es gern, offen zu sprechen, sagt Christel Bugl, "der Tod ist doch nicht ganz so schlimm". Vor allem, wenn man so gute familiäre Voraussetzungen hat wie Monique Littig. Sie erzählt von Verwandten, die 102 und 107 Jahre alt wurden, ihre Eltern sind über 90. Und dann gehen die drei Frauen zusammen raus ins Getümmel. Mitten hinein ins Leben.

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