Tag der offenen Tür Brücken aus dem Sack, Kinder auf Fuchsjagd

"Brücke aus dem Sack": Professor Stefan Winter von der TU München testet beim Publikumstag eine der zerlegbaren Studentenkonstruktionen.

(Foto: Catherina Hess)

Die Technische Universität feiert zum 150-jährigen Bestehen einen besonders vielseitigen Publikumstag

Von Tom Soyer

Unser Professor Walter", raunt Albert Pernpeintner, der gerade wieder einer Besuchergruppe die drei riesigen Windkanal-Labore gezeigt hat, "der von der D2-Mission, Sie wissen schon". Und tatsächlich: Entschlossenen Schrittes geht Ulrich Walter gerade zu seinem Vortrag über bemannte Raumfahrt - als fünfter Deutscher war er im Weltall, 1993, an Bord der Columbia, und ist als Professor für Raumfahrttechnik natürlich ein Aushängeschild bei so einem gewaltigen "Tag der offenen Tür" der Technischen Universität München (TUM). Forschung erleben, das gönnen sich Tausende an allen TUM-Standorten, und für die ist der Raumfahrer in seinem Astronauten-Blaumann mit kleiner Deutschland-Flagge am Oberarm ein Star.

Naja, für die Forscher und Wissenschaftler, männlich wie weiblich, die sich im Jahr des 150-jährigen TUM-Bestehens mit besonders viel Engagement an diesem Publikumstag beteiligen, ist der Star wohl immer noch die Naturwissenschaft selbst. Pernpeintner etwa, ein Diplom-Ingenieur, dreht richtig auf für seine Besuchergruppe. An extrem laut tosenden Windkanälen zeigt er mit Teleskopstab und Wollfaden, wie Luft ein Auto oder auch ein Jet-Modell umströmt, und wie dazu digitale Rechenmodelle erarbeitet werden. Auf Resultate der Strömungsforschung beruft er sich auch, als er sagt, dass Hochhäuser noch höher als derzeit (aktueller Rekord: der 828 Meter hohe Burj Khalifa in Dubai) gebaut werden können, wenn sie den "entscheidenden Faktor der Windlast" schlau kontrollieren. Ein klassischer Vierkantbolzen, das zeigt Pernpeintner am Windkanal C für "Gebäude und Schadstoffausbreitung" in den Garchinger TU-Labors, hat das Problem einer langen, senkrechten Wind-Abrisskante, an der Sog-Turbulenzen entstehen, die das Gebäude in Schwingungen versetzen können. Verstärken diese Kräfte die Schwingungen als Resonanz, kann sich das zur Katastrophe aufschwingen. Dagegen, so der Ingenieur, helfen Konstruktionstricks: Verwindet man den Turm, wie etwa beim 632 Meter hohen Schanghai Tower, verteilen sich jene Kräfte chaotisch an den Abrisskanten und wirken nicht mehr gleichzeitig. Denselben Effekt erzielt der Burj Khalifa durch "Fassadenrücksprünge", er verjüngt sich nach oben.

Mehr mit der Thermik halten es Alexandra Grün und Lars Pfüller. Sie zeigen im Magistralenhof des modernen Maschinenwesen-Gebäudes "Mü 31", einen Segelflugzeug-Prototypen mit 15 Metern Spannweite. Gebaut hat ihn der akademische Segelflugverein (Akaflieg), dem sie angehören. Herausgekommen ist eine weiße Schönheit mit einem klaren, aufgeräumten Cockpit und einem beeindruckend geringen Gewicht von rund 270 Kilogramm. Geflogen wird in Königsdorf, den 2017 fertiggestellten Prototypen dürfen aber nur die erfahrensten Piloten des Akaflieg steuern. Grün, die gerade ihre Masterarbeit in Medizintechnik schreibt, und Pfüller, ausgebildeter Leichtflugzeugbauer und Student der Elektrotechnik, sammeln noch Flugerfahrungen - und werben Mitglieder.

Gleich daneben beginnen Kinder mit Kopfhörern und Gebilden, die wie alte Zimmerantennen aussehen, ihre "Fuchsjagd". Sie versuchen jene vier Funkquellen im TU-Gebäude zu finden, welche die Amateurfunker vom Deutschen Amateur-Radio-Club (DARC) versteckt haben. Macht erkennbar viel Spaß, auch Erwachsenen: In Südkorea, so sagt Alfred Artner vom DARC (Funkkürzel: DJ0GM), sei gerade der Weltmeister im Amateurfunk-Peilen ermittelt worden.

Sechsbeinige Laufmaschinen, ein humanoider Laufroboter "Lola" und die Opa-und-Enkel-Mutprobe an einer 13 Meter hohen Parabelrutschbahn im Mathematik-Gebäude in Garching, ständig begegnen die Besucher hier Formeln und Wissen auf sehr anregende Weise.

Weil der Tag der offenen Tür alle TUM-Standorte umfasst, ist das auf dem Münchner Gelände an der Arcisstraße ebenso. Professoren-Bands rocken, und Professor Stefan Winter vom Lehrstuhl für Holzbau und Baukonstruktion zeigt im Innenhof der Arcisstraße 21 Resultate seines Seminars Tragwerkskonstruktion. Die Aufgabe lautete, eine "Brücke aus dem Sack" zu konstruieren. Drei Meter muss sie überspannen, zerlegt in einen ein Meter langen Müllsack passen und eine "Wanderlast" aushalten. Letztere ist der Professor selbst. Eine Studentengruppe hat ihre 8,3 Kilogramm leichte Abschlussarbeit mit ausgeschäumten 50-Millimeter-Wasserrohren aus Plastik gefertigt. "Hält sehr elastisch" spricht die wackelnde Wanderlast ins Mikrophon und sagt beim Balancieren noch was von "problematischer Querstabilität" mancher Brücken. Stabilisierendes hat Stefan Winter auf seinem T-Shirt stehen: "Never underestimate an Old Man who graduated from TUM." Nein, schon klar, die sollte man nie unterschätzen. Die sind nicht nur im Brückenbauen gut.