Tag der Archive in BayernSeltener Zutritt zu Schätzen der Erinnerung

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Der Chemiker August Kekulé, karikiert von Étienne Carjat, ist im Deutschen Museum zu sehen. Das Technikmuseum verfügt über ein vorzügliches Archiv, in dem viele unerwartete Schätze schlummern.
Der Chemiker August Kekulé, karikiert von Étienne Carjat, ist im Deutschen Museum zu sehen. Das Technikmuseum verfügt über ein vorzügliches Archiv, in dem viele unerwartete Schätze schlummern. Deutsches Museum

„Was? Archiv?“ – Am 7. März lohnt es sich, Zeit zum Stöbern und Entdecken einzuplanen. Neugierige können an diesem „Tag der Archive“ auf eine spannende Reise durch die vielfältigen Institutionen Bayerns gehen. Eine Auswahl.

Von Melanie Fix und Lena Matuschik

„Archive sind das Gedächtnis einer Gesellschaft“ – so steht es im Flyer zum Tag der Archive, der zum 13. Mal bundesweit vom Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA) veranstaltet wird und in München vor allem am 7. März stattfindet. Von 10 bis 17 Uhr öffnen allein in der bayerischen Landeshauptstadt 25 Archive ihre Türen für die Öffentlichkeit und bieten ein Programm in Form von Ausstellungen, Führungen und Lesungen, für die eine Anmeldung im Vorhinein empfehlenswert ist. Mit dieser Anzahl an teilnehmenden Institutionen steht München bundesweit an der Spitze. Zweimal jährlich findet dieser Tag statt, dieses Jahr unter dem Motto „Was? Archiv?“.

Bewegende Briefe

Ein Brief von First Lady Eleanor Roosevelt an Charlotte Houtermans vom 21. Oktober 1940.
Ein Brief von First Lady Eleanor Roosevelt an Charlotte Houtermans vom 21. Oktober 1940. Deutsches Museum, München/Hubert Czech

Mit der Ausstellung „Forschen und Leben in Zeiten des Umbruchs“ präsentiert das Deutsche Museum erstmals den Nachlass der Physikerin Charlotte Houtermans (1899–1993), den das Archiv erst kürzlich von deren Enkelin aus den USA erhalten hat. Houtermans’ Briefe zeichnen das bewegte Leben der Wissenschaftlerin nach: die Flucht vor der NS-Diktatur in die Sowjetunion, die Verhaftung ihres Mannes, ihre eigene Emigration in die USA – und ihren jahrelangen, unermüdlichen Einsatz für seine Freilassung.

Viele der Briefe tragen Stempel und Vermerke, die von der allgegenwärtigen Kontrolle der NS-Behörden zeugen: geöffnet, verspätet zugestellt oder mit dem Hinweis „Empfänger unbekannt“ zurückgesandt. Im Jahr 1940 kam Houtermans’ Mann überraschend frei und wurde nach Deutschland ausgeliefert. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg sahen sich die beiden wieder.

Im zweiten Teil der Ausstellung geht es um den Chemiker August Kekulé (1829–1896), der 1865 die Ringstruktur des Benzols entdeckte und so für wissenschaftliche Umbrüche sorgte. Zu finden ist die Sammlung im Universitätsarchiv der Ludwig-Maximilians-Universität München, Geschwister-Scholl-Platz 1.

Schätze aus dem Kloster Altomünster

Diese prächtig illustrierte Handschrift stammt aus dem Jahr 1486.
Diese prächtig illustrierte Handschrift stammt aus dem Jahr 1486. Erzbischöfliches Ordinariat München/Robert Kiderle

„Ora et labora“ – im Kloster wurde gebetet, und es wurde gearbeitet. Etwa um den eigenen Alltag zu organisieren, der trotz aller Entrücktheit von der Welt unabdingbar war. Dazu gehörte die Verpflegung der Nonnen. Und so zählen zu den Beständen in den Bibliotheken und Archiven von Klöstern nicht nur Gebetsbücher, sondern auch Baurechnungen und Kochbücher. Das 1496/97 gegründete Kloster Altomünster birgt viele solcher unbekannten und faszinierenden Schätze, die bis ins Mittelalter zurückreichen und einen authentischen Blick auf das Leben der Ordensfrauen ermöglichen.

Viele dieser besonderen Stücke werden nun aus Anlass des Tags der Archive der Öffentlichkeit präsentiert. Zu sehen ist die Ausstellung im barocken Lesesaal des Erzbistums in der Karmeliterstraße 1 (Eingang Pacellistraße) am Samstag, 7. März, von 10 bis 16 Uhr. Sie bietet zugleich einen Vorgeschmack auf die umfangreichere Ausstellung „Beten, Backen, Bauen“, die von 15. März bis 31. Mai im Museum Altomünster bei Dachau zu sehen sein wird.

Schreiben im Exil und in der Diaspora

Das Hildebrandhaus in Bogenhausen beherbergt heute die Monacensia.
Das Hildebrandhaus in Bogenhausen beherbergt heute die Monacensia. Münchner Stadtbibliothek/Eva Jünger

Zum Tag der Archive 2026 richtet die Monacensia im Hildebrandhaus in der Maria-Theresia-Straße 23 den Blick auf Autorinnen und Autoren im Exil und in der Diaspora – und auf eine zentrale Frage: Wie lässt sich die Vielsprachigkeit des Schreibens und Literaturvermittelns in München im Archiv sichtbar machen?

Auf dem Programm stehen unter anderem Einblicke in das Kulturerbe der Frauen: Die Leiterin der Monacensia Anke Buettner spricht von 10 Uhr an über Erkenntnisse aus der Arbeit zu #femaleheritage und zum Schreiben im Münchner Exil. Um 11 Uhr werden erstmals öffentlich präsentierte Exilbriefe zwischen den Schriftstellern Bruno Frank und Klaus Mann vorgestellt. Beide flohen nach der Machtübernahme Hitlers im Jahr 1933 ins Exil.

Ein weiterer Schwerpunkt, der um 12 Uhr vorgestellt wird, liegt auf der jiddischen Literatur in München nach 1945. Um 13 Uhr widmet sich Thomas Schütte, Leiter des Monacensia Literaturarchivs, der ukrainischen Dichterin, Schriftstellerin und Malerin Emma Andijewska. Auch praktische Einblicke ins digitale Archivieren laden zum Mitdenken ein.

Sammlung Riemerschmid im Architekturmuseum

Der Blick von der Bühne in den Zuschauerraum der Münchner Kammerspiele offenbart die Kunstfertigkeit des Architekten Max Littmann und von Richard Riemerschmid, der den Innenausbau verantwortet hatte.
Der Blick von der Bühne in den Zuschauerraum der Münchner Kammerspiele offenbart die Kunstfertigkeit des Architekten Max Littmann und von Richard Riemerschmid, der den Innenausbau verantwortet hatte. dpa-SZ/lby-Frank Mächler

Wer schon mal im Bühnenraum des Schauspielhauses der Münchner Kammerspiele war, dem wird das ein oder andere Foto im Archiv des Architekturmuseums der Technischen Universität München (TUM) bekannt vorkommen. Denn am Samstag um 14 Uhr bietet eine Archivführung Einblicke in das Werk des Münchner Künstlers Richard Riemerschmid, der unter anderem den Innenausbau des Schauspielhauses entworfen hat. Riemerschmid war einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Jugendstils und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts vorrangig durch seine Möbel, Wohnbauten und Inneneinrichtungen bekannt. Auch die Planung der ersten deutschen Gartenstadt Hellerau zählt zu seinen Werken.

Das Architekturmuseum der TUM in der Arcisstraße 21 verwaltet eines der größten Architekturarchive im deutschsprachigen Raum. Riemerschmids Nachlass ist mit circa 8500 Zeichnungen, 4500 Fotografien und 395 Archivalien seit 1970 Teil davon. Zusätzlich zu der Sammlung können Besucher und Besucherinnen auch einen Blick auf den aktuellen Prozess der Erfassung und Digitalisierung des Nachlasses werfen. Die Führungen beginnen um 14 Uhr und sind jeweils auf 20 Teilnehmer begrenzt, daher wäre eine Anmeldung unter archiv@architekturmuseum.de sinnvoll.

Die Geschichte der queeren Bewegung in München

Das queere München feiert sich selbst, hier beim CSD 2025 auf dem Marienplatz mit den „Flamyngus“.
Das queere München feiert sich selbst, hier beim CSD 2025 auf dem Marienplatz mit den „Flamyngus“. Florian Peljak

Bei einem Besuch des Vereins Forum Queeres Archiv München in der Bayerstraße 77c, können Interessierte in die Geschichte der LGBTIQ*-Bewegung in der bayerischen Landeshauptstadt eintauchen. Zu den Archivbeständen zählen über 5000 Bücher, 1200 Poster, Fotos und Audio- und Videoaufzeichnungen. Seit 1999 sammelt das Forum Queeres Archiv München – LesBiSchwulTransInter* in Geschichte und Kultur Beiträge und Erkenntnisse zu allen Aspekten rund um queeres Leben. Es erinnert an die aufgrund ihrer Homosexualität verfolgten Menschen und richtet zugleich auch den Blick auf diejenigen, die sich in der Vergangenheit für die Rechte queerer Menschen einsetzten.

An diesem Samstag von 15 Uhr bis 16.30 Uhr gibt es eine Führung durch das Archiv. Auch hier ist die Teilnehmeranzahl begrenzt, anmelden kann man sich unter info@forummuenchen.org. An anderen Tagen gibt es hier mehr als nur Archivalien zu erforschen. Das Archiv versteht sich auch als Plattform für Begegnung und konstruktiven Austausch zwischen verschiedenen Generationen und veranstaltet Vorträge und Diskussionsrunden zu aktuellen Themen und fungiert als Erzähl-Café.

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