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Tabuthema: Sex mit Behinderung:Die Liebe der anderen

Gegen alle Vorurteile und Wiedrigkeiten: Zwei schwerbehinderte Frauen reden über Liebe, Lust und Leid im Rollstuhl.

Tanja sitzt im Rollstuhl, aber sie und Christian stehen zu ihrer Beziehung. Ihr kleiner Sohn David gibt ihnen recht.

Sender und Empfänger: Tanja und Christian haben ihre ganz eigene Normalität entdeckt.

(Foto: Foto: Catherina Hess)

Tanja hatte sich riesig gefreut, damals vor sechs Jahren, als sie endlich schwanger wurde. Aber längst nicht jeder mit ihr. "Sie produzieren mutwillig einen neuen Sozialfall für die Bundesrepublik. Ich unterstütze das nicht", entgegnete die Gynäkologin, bei der Tanja seit zehn Jahren in Behandlung war.

Eigentlich hätte die Ärztin wissen müssen, dass Laurenz kein höheres Risiko hatte, ebenfalls behindert zu werden, als jedes andere Kind auch. Ihr eigenes Leben aber hat Tanja während der Schwangerschaft tatsächlich aufs Spiel gesetzt - bewusst. "Es war meine beste Zeit", erzählt sie. Und eine voller Sorgen. Tanja konnte immer schlechter atmen, weil das Baby Platz brauchte und auf die Lunge drückte.

Tanja wurde mit spinaler Muskelatrophie geboren, fortschreitendem Muskelschwund. Lebenserwartung: drei Jahre. Doch Tanja trotzte den Vorhersagen. Heute ist sie Mitte 30 und nicht nur glückliche Mutter eines gesunden, aufgeweckten Sohnes, sondern auch studierte Sozialpädagogin, selbstbewusst und verheiratet.

Es war ein steiniger Weg bis hierhin, aber Tanja hat nicht aufgegeben, wollte kein "Opfer-Behindi" sein, wie sie es nennt. "Ich wurde nie in Watte gepackt, eher in Disteln gesetzt." Inzwischen ist sie ihrer Mutter und Oma dankbar, dass die beiden sie nicht geschont, sondern, sofern es ging, zu einer eigenständigen und emanzipierten Frau erzogen haben. Mit 15 setzt Tanja ihre Krankengymnastik ab und lässt sich lieber ein kleines Nasenpiercing stechen. "Das war meine Sturm- und Drangzeit. Da hab ich lieber gesoffen und geraucht."

"Keine Frauen, sondern die Behinderten"

Die Frage, ob ihr Sohn durch eine künstliche Befruchtung entstanden sei, gehörte noch zu den harmloseren Kommentaren nach Davids Geburt. "Für viele Leute sind wir eben keine Frauen, sondern ,die Behinderten'. Die können sich überhaupt nicht vorstellen, dass ich Sex habe", sagt Tanja. "Unser Sexualleben unterscheidet sich aber sicher auch nicht viel von dem anderer Paare, die schon seit acht Jahren verheiratet sind."

Doch würde Tanja versuchen, ihren Arm zu drehen, ihr Bein anzuwinkeln, ihren Hals zu strecken, nichts würde passieren. Immer muss ihr Mann Peter sie bewegen und in eine Stellung drehen. "Ich bin Empfänger, nie Sender", sagt sie. Sie kann sich kein Negligé anziehen, um ihn zu verführen. "Wenn er das erst mal machen muss, ist die Luft ja wohl schon raus." Wenn Tanja sich Filme und Werbungen ansieht, die von erotischen Anspielungen leben, versucht sie, die Eindrücke wie durch einen Filter abzuschwächen. "Ich denke mir: Puh, da kann ich eh nicht mithalten."

Vor acht Jahren haben sich Tanja und ihr Ehemann beim Internet-Chatten kennen gelernt. Tanja schrieb ihm bald von ihrem Leben im Rollstuhl. "Ich hatte nie Zweifel an unserer Beziehung", sagt Christian heute, "auch wenn Tanja mir das immer noch nicht ganz abnimmt." Er hat manch böse Anspielung ertragen. Du kriegst wohl keine andere ab, lästerten sie. Christian hat versucht, das Tuscheln seiner Arbeitskollegen zu überhören, wenn er in den Brotzeitraum kam. Schwieriger war es, die Reaktion seiner eigenen Familie zu verdrängen, mit der er wegen Tanja zeitweise keinerlei Kontakt hatte. "Das Besondere an unserer Beziehung ist, dass es kaum böses Erwachen geben kann", sagt er. Krisensicher seien sie. Und sehr verliebt.

Lesen Sie weiter über die schwierige Liebe zwischen Eva und Martin, zwei Schwerbehinderten, und den gesellschaftlichen Umgang mit diesem Tabuthema.

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