Tabakindustrie:Im Dunstkreis der Zigarettenschmuggler

Zigaretten der Marke Lucky Strike

Auch Zigaretten der Marke Lucky Strike zählen zur Schmuggelware.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Keine Ware wird so häufig nach Deutschland geschmuggelt wie Zigaretten. Im Münchner Zollfahndungsamt stapeln sich Tausende Schachteln. Die Ermittler kennen viele Tricks der Schmuggler. An die Strippenzieher kommen sie aber nur schwer ran.

Von Florian Fuchs

Es hätte frischer Fisch aus Griechenland sein sollen, aber das war nur die Tarnladung. Zöllner hatten einen guten Riecher, als sie den Lastwagen auf der A 8 anhielten. Nachdem sie den Fisch beiseite geräumt hatten, entdeckten die Beamten die tatsächliche Ladung: In Kühlboxen hinter dem Fisch lagerten exakt 7 286 400 Stück unversteuerte und unverzollte Zigaretten der Marke "Jing Ling". Allein die hinterzogene Tabaksteuer für diese Ladung betrug knapp eine Million Euro.

Der Lkw-Fahrer wurde verhaftet, die Zigaretten mit dem klingenden Namen stellte der Zoll sicher. Den Fisch, dachten die Beamten, könnten sie dem Tierpark Hellabrunn überlassen, aber da waren sie zu optimistisch. Die Tiere wollten das Zeug nicht fressen, so frisch war die Tarnladung offenbar nicht gewesen. Der Fisch musste schließlich entsorgt werden.

Spezialisierten Banden und Geldwäsche

Beschlagnahmte Zigaretten zerstört der Zoll grundsätzlich. Während ein Ermittlungsverfahren läuft, müssen die Stangen aber zunächst eingelagert werden. Beim Zollfahndungsamt an der Landsberger Straße liegen deshalb meist Tausende Schachteln Zigaretten im Keller. Es gibt keine Ware, die so häufig nach Deutschland geschmuggelt wird. "Vom Volumen her sind Zigaretten unser Hauptproblem", sagt Chefermittler Siegfried Wittwer. Und damit meint der Münchner Fahnder nicht die Urlauber, die zwei Stangen zu viel aus dem Ausland mit nach Hause nehmen und am Flughafen im Erdinger Moos am Zoll vorbei mogeln wollen.

Wenn Wittwer über Zigarettenschmuggel spricht, dann redet er von hoch spezialisierten Banden, organisierter Kriminalität und Geldwäsche. Zigaretten sind für Schmuggler so interessant, weil die Gewinnspanne so hoch, für Medien und Öffentlichkeit der Drogenschmuggel aber spektakulärer ist. Zigaretten stehen nicht so im Fokus. "Dabei hat der Handel Dimensionen", sagt Wittwer, "die man sich gar nicht vorstellen kann."

Bis zu 20 Euro Gewinn machen die Täter pro geschmuggelter Stange Zigaretten. Da können pro Lkw-Ladung schnell mal ein paar hunderttausend Euro herausspringen. Der geschätzte Steuerausfall wegen Zigarettenschmuggels in Deutschland betrug 2013 geschätzt 4,3 Milliarden Euro. Obwohl die Gesetze immer strikter werden, rauchen die Menschen in der Europäischen Union etwa 420 Milliarden Zigaretten im Jahr. "30 Prozent davon sind nicht legal hergestellt oder legal versteuert", sagt Wittwer.

Die Marke "Jing Ling" zum Beispiel, die mit der Tarnladung Fisch in einem Lkw lagerte, gibt es hier offiziell gar nicht. Die Schachtel der Zigaretten aus Kaliningrad sieht aus wie die von der Marke "Camel", statt eines Kamels aber ist eine Bergziege das Logo. In Deutschland gibt es für "Jing Ling" weder Werbung noch legale Vertriebswege. Die Zigaretten der Marke werden rein als Schmuggelware hergestellt und wechseln nur unter der Theke den Besitzer. Trotzdem gehören sie zu den Top Ten der meistgerauchten Zigaretten der Republik.

Zehn Millionen Zigaretten im Wert von 1,8 Millionen Euro

Doch bis Schmuggler überhaupt erst auf die Idee kamen, eigene Zigaretten herzustellen, war es ein weiter Weg. "Das Geschäft hat in den vergangenen Jahren einigen Wandel durchlaufen", sagt Wittwer. Zu Beginn des Europäischen Binnenmarkts 1993 nutzten die Schmuggler zunächst einmal den Vorteil, den ihnen der neue Wirtschaftsraum bot. Sie merkten schnell, dass deutsche Zöllner sich zwar gut mit Dokumenten aus den Nachbarstaaten wie Österreich oder Frankreich auskannten. Die Stempel der Zollkollegen aus Spanien aber hatten deutsche Zöllner bis dahin so gut wie nie zu Gesicht bekommen.

Also besorgten sich die Täter gefälschte spanische Dokumente für ihre Lastwagen und gelangten auf ihrem Weg nach München oder zu anderen deutschen Zielorten relativ problemlos über die Grenze. Sie machten ein Riesengeschäft, in einem Lkw transportierten sie gut zehn Millionen Zigaretten, was einem Wert von 1,8 Millionen Euro entspricht. Die deutschen Behörden kamen den Schmugglern auf die Schliche, aber da hatten viele von ihnen die Transportwege schon in den Osten verlagert, wo sie viel billiger einkaufen können.

"Was Händler in Kirgisien zum Beispiel an Zigaretten kauften, da hätte jeder Einwohner 100 Zigaretten pro Tag rauchen müssen", sagt Wittwer. Die Zigaretten aber wurden nicht alle dort verbraucht, sondern auf dunklen Wegen nach Deutschland oder andere westeuropäische Länder gebracht, wo die Preise hoch sind. Dort veräußerten sie ihre Ware mit hübscher Gewinnspanne.

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