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Szene München:Klingel zum Glück

Es erinnert an die Prohibitionszeit: In manchen Münchner Bars muss man klingeln, um hineinzukommen. Das ist kein Phänomen, das retro ist, sondern aktuell wie nie.

Auch wenn man es als sehr junger Mensch nicht glauben mag, irgendwann kommt man in das Alter, in dem die Idealvorstellung von Ausgehen nicht mehr darin besteht, Billigwodka-Bull aus Plastikpfandbechern in Großraumdiscos zu trinken. Zu den wenigen Vorteilen des Älterwerdens gehört, dass man etwas anspruchsvoller wird. Damit geht oft auch der Wunsch nach Abgrenzung einher.

Neue Bar im Glockenbach - Viertel ; Bar 'Reichenbach'(ehemalige K&K), Foto : Barkultur, edel ,mit Klingel für den Einlaß, teuer, 23.April 2012, Foto : C : Stephan Rumpf

(Foto: Stephan Rumpf)

Statt nach Auflösung in einer trunkenen Masse sehnt man sich nach dem gepflegten Kreis von Gleichgesinnten, nach Intimität. Diese Atmosphäre lässt sich zu Hause herstellen - oder aber in einer Bar, in der man klingeln muss.

In München klappt das bereits seit über zwanzig Jahren im Maria Passagne in Haidhausen, im Pomp in der Georgenstraße und, seit kurzem, in der Bar Reichenbach am Gärtnerplatz. Keine aggressiv werbende Leuchtreklame brüllt der Laufkundschaft "Alle mal hereinspaziert" entgegen, stattdessen muss man sich ein bisschen überwinden, auf die Klingel zu drücken.

Man bittet höflich um Einlass und im besten Fall wird man herzlich begrüßt - wie bei Freunden eben. Es gibt kein lärmendes Einfallen, sondern ein Ankommen und Empfangenwerden. Die Tür mit Klingel wirkt nicht abschätzig herablassend wie der bullige Türsteher, sondern geheimnis- und verheißungsvoll. Drinnen fühlt es sich oft an wie in einem privaten Wohnzimmer, und bei den Getränken, die serviert werden, geht es in erster Linie um Geschmack und nicht nur um Wirkung.

Das erinnert an die Prohibitionszeit, oder zumindest an ihre nostalgische Verklärung. Kein Wunder, dass diese Bars meist im Retrostil eingerichtet sind. Doch in Zeiten wie diesen, in denen immer mehr Anwohner gegen Orte, an denen man sich zum Geselligsein trifft, protestieren, ist die Erinnerung an diese Epoche vielleicht eher aktuell als retro.