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Szene München:"Interessiert" sein reicht nicht - legt euch fest!

Bar "The Potting Shed" in München, 2015

Interessiert an diesem Getränk? Das dürfte dem Barkeeper nicht reichen.

(Foto: Robert Haas)

Früher musste man sich bei Facebook-Veranstaltungen zwischen teilnehmen und absagen entscheiden. Heute sind alle nur noch "interessiert". Das hat Folgen.

Kolumne von Christiane Lutz

Vordergründig ist "Interesse" ein gutes Wort. Es sieht hübsch aus und klingt durch die zwei "s" in der Mitte einigermaßen schmissig. Wie das Wort schmissig übrigens auch. Wer interessiert ist, ist aufgeschlossen und auf keinen Fall langweilig. Facebook hat vor einiger Zeit einen neuen "Interessiert"-Knopf bei den Veranstaltungen eingeführt. Wer drauf klickt, denkt also darüber nach, die angepriesene Veranstaltung zu besuchen.

Conny Conrädchen ist an "Get drunk @ Isar 2016" interessiert. Tommy Thomsen ist am "Harlachinger Burschenfest" interessiert. Klingt wichtig, ist aber eigentlich nur feige. Früher musste man sich auf Facebook noch zwischen "teilnehmen" und "absagen" entscheiden. Sich festlegen. Ja oder nein, hü oder hott. Konsequent war das.

Im Jahr 2016 wirkt eine Festlegung natürlich vollkommen unmodern. Heute will sich jeder bis zum Schluss alle Möglichkeiten offenhalten, im Job, in der Beziehung. Kommt ja vielleicht noch was Besseres. Vielleicht ist das "Harlachinger Burschenfest" völlig unerwartet doch nicht so aufregend? Wie gut, dass man nicht fest zugesagt hat und schnell noch seine Pläne ändern kann.

So drücken viele Menschen nur noch den "Interessiert"-Knopf. Auch, weil man damit nebenbei so schön busy und populär rüberkommt. Aktuell zum Beispiel interessieren sich viele für das "Opening Weekend der St. Paul Roofbar" am kommenden Wochenende. Sehr viele. Knapp 1000 Menschen haben zugesagt - und 5443 Menschen sind interessiert, die halbe Freundesliste inklusive. 5443! Kein Rooftop der Welt kann so viele Menschen unterbringen.

Der Veranstalter leidet wahrscheinlich schon an Schnappatmung, weil er keine Ahnung hat, mit wie vielen Leuten er tatsächlich rechnen darf. Eine Zumutung. Daher nun ein dringender Aufruf: Traut euch, verbindlich zu sein! Legt euch fest! Sagt ja! Sagt nein! Kapiert? Ich muss jetzt nämlich schnell weiter, ich habe eben einen Auftrag für einen anderen Text bekommen, auf den ich sehr viel mehr Lust habe als auf diesen.

© SZ vom 02.06.2016/mmo
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