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Szene-Kolumne:Örtchen der Schwerelosigkeit

Nach vier Bier noch unfallfrei auf die Kneipentoilette? Und dabei auch noch ein Bier in der Hand halten? Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Nur an einem Ort nicht: im neuen Club Yolo.

Der Liedermacher Konstantin Wecker hat es einmal als "Gefühl der Ewigkeit" beschrieben, treffender kann man diesen Moment nicht fassen. Es ist der, wenn der Mann nach der vielten Halben auf die Toilette wankt, die Hosenöffnung betätigt und der Erleichterung freie Bahn verschafft. In diesem Augenblick kippt sein Körper leicht nach vorne, bis er mit der Stirn eine der kalten Klokacheln berührt und nun vollends schwerelos ist.

Toilette im Kiosk 'Fräulein Grüneis' in München, 2011

Die Toiletten in Münchens Gastronomiebetrieben haben so ihre Tücken - hier die sanitären Anlagen im "Fräulein Grüneis".

(Foto: Catherina Hess)

Nichts halten, auch nicht das Gleichgewicht, nicht reden, nicht hören, nichts. So fühlt sie sich an, die Ewigkeit, ein wenig dumpf, herrlich gedankenlos, dabei ganz leicht und immer leichter. "Man ist so froh, nicht mehr umzufallen, dass man das nie mehr aufgeben will", singt Wecker. Man ist so froh, wäre da nicht doch ein Problem: das Bierglas, das verdammte!

Es dauert eine Ewigkeit - sofern man das überhaupt hinbekommt -, die Halbe auf dem kugelrunden weißen Kuppeldach des Porzellanpissoirs so auszubalancieren, dass sie nicht zu einer Seite umkippt. Volle Restkonzentration ist nötig, bis es dasteht, das Glas, ein wenig schief.

Nun fühlt man aber nicht die wohlverdiente und befreiende Ewigkeit, sondern eine latente Angst vor dem umstürzenden Bier und einem reflexartigen Rettungsversuch, der unausweichlich mit einer Sauerei enden würde. Eine Horrorvision.

Die kann nun im neuen Club Yolo in der Elisenstraße 3 nicht mehr wahr werden. Hier haben die Betreiber im Männerklo über jedem Pissoir ein schwarzes halbrundes Brett an der Wand angebracht, auf dem sich die Getränke abstellen lassen.

Und - ganz zeitgemäß - die Stirn des berauschten Gastes tippt im Yolo nicht mehr gegen eine schnöde Kachel, sondern gegen einen hell und bunt flackernden Flachbildschirm. Dem Moment der inneren Ruhe steht also nichts mehr im Wege. Ach, herrlich, die Ewigkeit wartet. Jetzt nur nicht einschlafen.