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Szene-Kolumne:Dorfvolksfeste haben viel mehr Charme als die Wiesn

Frühlingsfest in München, 2017

Mehr als einen Autoscooter braucht's eigentlich nicht auf dem Volksfest.

(Foto: Robert Haas)

Kein Gedränge, kein Riesenrad, höchstens ein Autoscooter: Man muss raus ins Umland, um richtige Volksfeste zu erleben. Und will dann nie wieder gehen.

Wir eilen mit großen Schritten auf die Wiesn zu, so schnell, dass man eine andere, geradezu heimlich stattfindende Zeit fast übersehen könnte. Das wäre sehr schade, denn sie ist doch gerade die schönste des Jahres: die Zeit der Dorfvolksfeste. Man muss raus ins Umland, die Feste dort haben viel mehr Charme als die kalte, verregnete Wiesn - auf der man doch wie in der Fußgängerzone oder im Fußballstadion nur den Stress und die Geschäftigkeit der vielen anderen absorbiert.

Das Dorfvolksfest ist ein fremder Planet, auf dem sich jeder sofort daheim fühlt. Darum ist ein Besuch dringend empfohlen. Nur hier stellt sich dieses merkwürdige Gefühl ein, dass die Zeit kurzweilig ist, aber trotzdem langsam vergeht und sich ausdehnt wie ein Kaugummi, den jemand unter dem Biertisch abzieht. Dann steht die Luft im Zelt, der Emmentaler schwitzt und der Bierschaum fällt zusammen. Und die Leute richten es sich gemütlich ein, stehen irgendwann gar nicht mehr auf. Warum soll man denn woanders hin, wenn es hier schön ist?

Gut, nachher macht in einem Eck vom Zelt die Weißbier-Bar auf, aber bis dahin ist noch Zeit. Draußen gibt's nur wenig: einen Schieß- und einen Losstand. Einen Autoscooter. Daneben den Automaten, an dem die Kinder ihre Kraft messen, indem sie auf einen Medizinball eindreschen.

Und sonst? Keine Attraktion, kein Riesenrad, keine Achterbahn, den Topspin hat die Schaustellerfamilie lieber gleich in die nächste Kleinstadt gefahren. Rentiert sich dort besser. Braucht es auf dem Dorf aber ja auch nicht. Wie das Rahmenprogramm: Drinnen wird zwar manchmal eine Dirndlkönigin gewählt (wahlweise ein Lederhosenkönig), manchmal wird geboxt. Aber man würde es auch ohne all das aushalten. Das Dorfvolksfest ist der Beweis dafür, dass Menschen heutzutage nicht dauernd etwas erleben wollen, sondern dass sie manchmal nur gemütlich hocken möchten. Wo sollten sie auch hin, die Leut?

Nun ja. Im September räuspert sich dann, leicht gekränkt, das Oktoberfest und sagt: Kinder, es ist aber nun auch mal gut. Und die Leut erheben sich und begeben sich mit einer leisen Wehmut im Herzen auf die Theresienwiese. Dann tun sie ihren Dienst am Spektakel, weil sie wissen: Dann wird der nächste Sommer wieder so richtig gut.

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