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Szene-Kolumne:Das Gefühl von großer Welt

Warum Schiffscontainer auch in einer Stadt ohne Hafen faszinieren

Die Vorzüge Münchens aufzuzählen ist eine abendfüllende Beschäftigung. Jeder weiß, die Stadt ist schön, gemütlich und voller kastanienschattiger Biergärten. Aber München kann natürlich nicht alles sein, München liegt zum Beispiel nicht am Meer. München hat keinen Hafen. Was zur Hölle sollen also all die Schiffscontainer hier? Am Ostbahnhof stapelt sich das Container Collective in die Höhe; tagsüber arbeiten Radiomacher, Designer oder Skateboardverkäufer (und gelegentlich auch SZ-Redakteure), abends erwacht die Gastronomie, und die Leute verteilen sich mit Salaten und Cocktails auf dem Areal oder tanzen. Und im Schlachthofviertel wächst auf einem Niemandsland ein wundersamer Wald aus Containern und ausgemusterten Waggons, der Bahnwärter Thiel. Diese wild angesprühten und aufgestapelten Container sind die Bauklötze junger Gastronomen, die Spielplätze für Erwachsene konzipieren. Neben oder auf einem Schiffscontainer zu trinken, das scheint die hippe Alternative zu Kastanien zu sein.

Die Schiffscontainer haben sich aber nicht nur hier ausgebreitet - München ist zwar viel, aber keine Stadt, die Trends setzt. Sie sind quasi weltweit an das Festland gespült worden, wo sie sich zu kleineren und größeren Haufen türmen, hier als Nachtmarkt (Siem Reap, Kambodscha), dort als Co-Working-Space für digitale Nomaden (Lissabon). Beinahe alles lässt sich aus den Stahlkästen bauen, Ateliers, Bars, sogar Swimming Pools.

Gratis dazu gibt es das Gefühl von weiter Welt; von Frachtschiffen so groß wie Wohnanlagen, die, Container auf dem Rücken, über die Ozeane schippern. Die Liebe zu den Containern, sie ist auch eine Sehnsucht. In München kann man sich jeden Tag neu entscheiden: auf ein Bier unter fest verwurzelten, uralten Kastanien oder neben bunten Metallkisten, die für Weite, Ferne, Bewegung stehen. Noch ein Vorzug der Stadt.