bedeckt München 20°

Szenario:"Witzigmann ist für mich ein Gott"

Kennt sich nicht nur mit Tomaten aus: Ferran Adrià zu Besuch auf dem Viktualienmarkt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Koch Ferran Adrià wirbt in München für eine Dokuserie und verteilt viele Komplimente

Entweder ist Ferran Adrià ein ausgesprochen höflicher Mensch oder wir Münchner wissen mal wieder nicht zu schätzen, was wir eigentlich so alles Herausragendes haben. "Der Viktualienmarkt", sagt Adrià, "ist einer der schönsten Märkte der Welt!" Klare Ansage eines der berühmtesten und einflussreichsten Köche der Welt, der mit seinem Restaurant El Bulli an der Costa Brava Kulinarikgeschichte geschrieben hat und der mit dem Mercat de la Boqueria in Barcelona den wohl schönsten Lebensmittelmarkt Europas vor der Haustür hat.

Adrià ist auf Stippvisite in München, um seine neue Dokumentationsserie auf Amazon Prime Video zu bewerben. 15 Folgen sind dort vom 2. Juli an zu sehen, sie sind jeweils etwa eine Stunde lang. "Die Geschichte eines Traums" wird da erzählt, und zwar die von El Bulli, das weit mehr war und ist als ein Restaurant, sondern eher ein Gesamtkunstwerk, und in dem, unter anderem, die Molekularküche mit erfunden worden ist. "Wir wollen den Weg ebnen für andere kreative Köche", sagt Adrià. Seit der Schließung des Restaurants 2011 hat die El-Bulli-Stiftung zum Beispiel eine 35-bändige Enzyklopädie des Kochens herausgegeben und zwei "kulturelle Innovationszentren", so nennt sie Adrià, begründet.

Nun steht er also auf dem Viktualienmarkt und schnüffelt für die Fotografen an Tomaten und Basilikum oder hebt eine Kiste mit Küchenkräutern hoch. Pikanterweise ausgerechnet am Stand der christlichen Sekte Universelles Leben, die mit "Friedfertigem Anbau" wirbt. Aber diese Hintergründe sind wohl weder Amazon noch Adrià bekannt; der Stand ist einfach ein sehr ansprechendes Fotomotiv.

Am Dienstagabend war Adrià aus Barcelona angekommen. Zuerst besuchte er im Hotel Bayerischer Hof das Restaurant Atelier von Drei-Sterne-Koch Jan Hartwig - einer jener kreativen Köche, für den er den Weg auch ein bisschen geebnet hat und der große Stücke auf Adrià hält. Danach ging es zum Abendessen ins Restaurant Mun nach Haidhausen, wo Chef Mun Kim sein Glück kaum fassen konnte.

Mittwochmittag aber zieht es den Künstlerkoch und Küchenhistoriker Adrià an einen "magischen Ort": das Tantris, für ihn nichts weniger als "ein Kunstwerk". Hier sei Küchengeschichte geschrieben worden, sein Urteil über dessen ersten Chefkoch könnte nicht deutlicher ausfallen: "Witzigmann ist für mich ein Gott!" Den heutigen Küchenchef Hans Haas hält er für einen der Besten seines Fachs: "Kann mir hier irgendjemand erklären, warum er nur zwei Sterne im Michelin hat?" Nein, das kann keiner, erst recht nicht, nachdem Haas aufgetischt hat.

Bevor es dann wieder nach Hause geht, appelliert Adrià noch daran, den eigenen Träumen und der eigenen Kreativität zu folgen. Mit einer wichtigen Einschränkung: "Visionen sind etwas Gutes, wenn man kein Depp ist."