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Szenario:Toben und trauern

Mit dem Verlust umgehen: Thomas Müller, Alexandra Schörguber und Martina Münch-Nicolaidis (von rechts) sprechen über ihr Projekt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Thomas Müller stellt das geplante Haus der Young-Wings-Stiftung vor - für Menschen, die Angehörige verloren haben

Es ist ein seltsamer Anblick. Thomas Müller mit einem Mikrofon in der Hand, das bedeutet in den allermeisten Fällen: Der 28-jährige Stürmer des FC Bayern hat auch ein Lächeln im Gesicht, zumindest regelmäßige Mundwinkelzuckungen. Doch am Montagvormittag in einem Nebenraum des Paulaner am Nockherberg schaut Müller auf seine Nebenleute, als ob er eine Niederlage erklären müsste. Dabei geht es um das exakte Gegenteil.

Die Young-Wings-Stiftung für Menschen, die einen Angehörigen verloren haben, wird von Müller unterstützt und baut nun ein Haus. Alexandra Schörghuber steht neben Müller - und als Chefin der Schörghuber Unternehmensgruppe auch auf ihrem eigenen Grund. Sie engagiert sich für Young-Wings mit der Folge, dass nun ein Grundstück am Nockherberg für das Gebäude gefunden ist. "Aus eigener leidvoller Erfahrung weiß ich, wie wichtig so ein Projekt ist", sagt sie. Die 59-Jährige hat vor zehn Jahren ihren Mann Stefan verloren. Nun gründet sie die Stefan-Schörghuber-Stiftung und unterstützt den Hausbau.

In einem Image-Film, der zu Beginn gezeigt wird, erzählt ein junges Mädchen, Franzi, wie das war, als sie im Alter von sieben Jahren den Vater verlor. Als sie den Satz hörte, dass "die Polizei glaubt, dass der Papa gestorben ist". Wenn man so klein sei, erzählt Franzi mit stockender Stimme, "glaubt man, dass der Papa nie weggeht". Müller kennt den Film, er ist seit sieben Jahren Botschafter, "weil es keine vergleichbare Stiftung gibt", und trotzdem merkt man ihm an, dass Franzi ihn bewegt. Die meisten der betreuten Angehörigen sind junge Trauernde.

Der Mann, der routiniert vor 66 000 Zuschauern gegen einen Ball tritt und vor Millionen Zuschauern im Fernsehen Sprüche reißt, schüttelt beim Reden dann das Mikrofon, weil er mit der Hand gleichzeitig auch gestikulieren will. Eine kleine Unaufmerksamkeit, die dem Medienprofi sonst nicht passiert, und die zeigt, dass es Müller ernst ist. "Wenn mich Kinder treffen, wollen sie meistens Stärke zeigen", sagt er. Und treffen können sie Müller spätestens in vier Jahren in einem eigenen Haus.

Wenn die viereinhalb Millionen Euro, die für die Realisierung des Hauses nötig sind, zusammenkommen, wird auf einer Innenfläche von 1000 Quadratmetern etwas entstehen, "was es so noch nicht gegeben hat", sagt Martina Münch-Nicolaidis, die Vorstandsvorsitzende der Stiftung. Etwa einen Sternengarten wird es im obersten Geschoss geben, mit Glasfassade und -dach, "zum Toben oder Runterkommen", angelegt wie ein Park.

Entscheidend sei bei der Trauerbegleitung, sagt Münch-Nicolaidis, dass jeder anders mit dem Verlust umgehe. Also muss die Stiftung auf die Menschen eingehen. "Manche brauchen Gespräche, andere Kreativität, wieder andere Ruhe oder das Gefühl, nicht alleine zu sein". Für die Kinder sei es ganz wichtig, dass das verbliebene Elternteil "wieder zu Kräften kommt". Kraft. Stärke. Es ist das, was Müller bei den Kindern erkennt, das, was dieses Haus geben soll, es ist aber auch noch etwas anderes. "Ich spüre, wie die Kinder schnell lernen und merken, dass etwas zusammen und gemeinsam besser geht", sagt er, "und das ist ja auch eine Sache, die ich so am Fußball mag." Noch immer schaut der Stürmer ernst, erst als Martina Münch-Nicolaidis erzählt, dass es im Sternengarten des Hauses auch eine Bobby-Car-Bahn geben wird, da wird seine Miene wieder richtig müllerig, mit einem sehr breiten, sehr vorfreudigen Grinsen.