SZenario:Ohne Bierdusche

SZenario: Coronakonformes Küsschen: Wiesn-Playmate Vanessa Teske (rechts) mit Julia Römmelt und Gitta Sax (v. links), beide mit „Playboy“–Erfahrung.

Coronakonformes Küsschen: Wiesn-Playmate Vanessa Teske (rechts) mit Julia Römmelt und Gitta Sax (v. links), beide mit „Playboy“–Erfahrung.

(Foto: Robert Haas)

Die Wiesn fällt aus, der "Playboy" hat dennoch "seine" Wiesn-Playmate vorgestellt. Ist das im Jahr 2021 noch zeitgemäß?

Von Franz Kotteder

Ein bisschen staunt man schon, als diese Einladung kommt. "Vorstellung der Playboy-Wiesn-Playmate 2021" steht in der Betreffzeile, und - zugegeben - erst einmal sagt man sich: 2021? Da ist doch gar keine Wiesn? Aber tatsächlich, so steht es auch in der E-Mail. Die staatliche Hofbräu und das führende Münchner Trachtengeschäft laden zusammen mit dem Playboy in das Parkcafé am Alten Botanischen Garten ein. Der Playboy zählt bekanntlich zum etwas merkwürdigen Genre des "Herrenmagazins". Merkwürdig insofern, als "Herren" - draußen auf dem Titel und drinnen im Heft - eigentlich ziemlich unwichtig sind. Stattdessen gibt es darin leicht bis gar nicht bekleidete junge Frauen zu sehen. Und ist nicht das, was so allgemein unter "Playmate" zu verstehen ist, eigentlich ziemlich aus der Zeit gefallen, weil lupenreiner Sexismus?

Die Antwort lautet, offen gesagt: Ja, Sexismus ist das! Da kann man noch so lange herumwitzeln und ironisch tun. Oder aber, wie der Chefredakteur des Playboy, Florian Boitin, streng darauf verweisen, dass es nicht "das Playmate" heiße, sondern "die Playmate, weil wir es hier mit einer Frau aus Fleisch und Blut zu tun haben". Und nicht mit einem Objekt, so viel Respekt für die Nackerten im Heftl möchte schon sein! Schließlich haben die auch noch andere Aspekte ihrer Persönlichkeit vorzuweisen. Die aktuelle Playmate zum Beispiel darf am Präsentationsabend im Garten des Parkcafés unter Mithilfe des Hofbräuchefs Michael Möller und mit musikalischer Umrahmung durch die Kapelle von Max Obermüller und seinen Musikanten, sonst im Hofbräuhaus tätig, ein Fass Wiesnbier anzapfen. Sie braucht dafür zwar ein paar Schläge mehr als der Oberbürgermeister, löst die Aufgabe aber trotzdem souverän ohne den Ansatz einer Bierdusche.

Die Playmate heißt Vanessa Teske, ist 26 Jahre alt und tatsächlich eine Frau aus Fleisch und Blut. Im aktuellen Playboy wird sie angekündigt als "Münchens schönste Sehenswürdigkeit", was eigentlich eine Frechheit gegenüber der bayerischen Landeshauptstadt ist. Denn Frau Teske ist eigentlich Landshuterin und hat die vergangenen Jahre in Spanien gelebt, wie sie erzählt und wovon auch das Tattoo in Form des Schriftzugs "Libertad" (zu Deutsch: "Freiheit") an ihrem linken Ellenbogen zeugt, wo aber auch diesmal wieder kaum einer hinschaut.

Vanessa ist als "vanniteske" übrigens eine Influencerin auf Instagram und hat schon 47 000 Follower. Es dürften mit dem neuen Playboy deutlich mehr werden, und Frau Teske ist als Influencerin professionell genug, um diesen Effekt miteinberechnet zu haben. Sexismus? Das ist für sie kein Argument, "Männer laufen doch ständig mit freiem Oberkörper rum! Warum sollen Frauen das nicht tun?" An diesem Tag im Parkcafé tun es weder Frauen noch Männer, was positiv zu werten ist. Auch die Playmate trägt ein Dirndl und obendrein ein schwarzes Halsband mit dem Namenszug des Sponsoren. Der hat sonst eher so eine Alibifunktion. Im Heft ist von seinen Produkten eher wenig zu sehen, und deshalb ist das Gelächter in der Runde auch groß, als Vanessa nonchalant zu den Aufnahme-Sessions auf einer Berghütte anmerkt: "Es war sehr kalt, gerade wenn man keine Wäsche trägt", und: "Mein Papa dachte bis gestern noch, es wäre ein Dirndl-Shooting."

Ansonsten sind die Anforderungen an ein solches Dirndl-Shooting offenbar überschaubar. Vanessa Teske beherrscht jedenfalls einwandfrei den dafür erforderlichen Gesichtsausdruck, den man gemeinhin "Schlafzimmerblick" nennt, sprich: mit großen Augen begehrlich gucken und die obere Zahnreihe leicht freilegen. Derlei enorme Ausdrucksvielfalt hat Ponkie, die große Filmkritikerin der Abendzeitung, einmal mit Bezug auf Arnold Schwarzenegger treffend beschrieben: "Wenn er lacht, sieht er aus wie eine Keksdose mit Zähnen."

Teske wird am Ende des Abends das neue Heft noch von Hand signieren. Zuvor aber gibt es für die Gäste, so Moderator Tobias Ranzinger, "Fleisch und Veggie" in Form von wahlweise Ochsenbackerl oder Brezenknödel-Variationen. Man ist ja nicht aus der Zeit gefallen. Die Auflage des Playboys ist übrigens weiterhin im Steigen begriffen.

© SZ vom 10.09.2021
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