SZenario Mein Freund, der Androide

Macht gerne Witze über sich selbst: Der britische Bestsellerautor Ian McEwan hat am Mittwoch in der Großen Aula der LMU gelesen.

(Foto: Robert Haas)

In der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität stellt der britische Schriftsteller Ian McEwan seinen neuen Roman "Maschinen wie ich" vor und überrascht mit einer hoffnungsvollen Prognose, was das Brexit-Chaos angeht

Von Christian Mayer

Die Große Aula der Ludwig-Maximilians-Universität hat schon etwas Überwältigendes; wer in diesem nicht ganz leicht zu bespielenden Saal auftritt, konkurriert immer auch mit dem prachtvollen Jugendstildekor. Unwillkürlich fällt der Blick auf das riesige Mosaik Apolls mit dem Sonnenwagen, während die Protagonisten auf der Bühne dagegen eher klein wirken. Da braucht es einen Autor, der sich zu behaupten weiß.

Doch Ian McEwan, mit seinem neuen Buch "Maschinen wie ich" gerade auf Deutschlandtour, schafft das mit großer Leichtigkeit, allein mit der Brillanz seiner Gedanken, seinem Witz. Es scheint ein Heimspiel zu sein für den britischen Bestsellerautor, schon als er die Bühne betritt, brandet Beifall auf.

Der Roman "Maschinen wie ich" verblüfft die Leser - und an diesem Abend auch die Zuhörer - mit einem philosophischen Gedankenspiel. Es erzählt die Geschichte des von einer verfrühten Sinnkrise geplagten Lebenskünstlers Charlie, der im London der Achtzigerjahre nach einer Erbschaft zu Geld gekommen ist und einen der ersten lebensechten Androiden kauft. Anders als in der historischen Wirklichkeit sind die Achtzigerjahre bei McEwan bereits total digitalisiert, die Maschinen stehen kurz davor, in allen Lebensbereichen zu dominieren, und auch sonst hat der Autor eine diebische Freude daran, die realen Verhältnisse umzukehren: "Ich mag es sehr, mit der Geschichte zu spielen. Deshalb sind bei mir die Beatles noch zusammen - und wie viele Musiker, die zu lange im Geschäft sind, produzieren sie am Ende schreckliche Musik." McEwan erzählt auch von seinem heimlichen Helden, dem britischen Informatiker und Codeknacker Alan Turing, der sich 1954 das Leben nahm, im Roman aber als größtes Genie seiner Zeit und geistiger Vater der Maschinenwesen ein glücklicheres Leben führen darf. Adam heißt der Vorzeige-Androide, der immer stärker menschliche Züge entwickelt und schließlich moralischer handelt als sein Eigentümer und dessen geheimnisvolle Nachbarin, mit denen er eine auch erotisch brisante Dreiecks-Beziehung eingeht.

"Wir befinden uns an einem Wendepunkt der Geschichte", sagt Ian McEwan im Gespräch mit ZeitRedakteur Dirk Peitz, "wir fangen an, den heißen Atem der künstlichen Intelligenz zu spüren." Insofern habe sein Roman nichts mit Science- Fiction zu tun, sondern mit der Gegenwart. Schon heute würden die Menschen viele Entscheidungen den Maschinen überlassen und damit ein Abhängigkeitsverhältnis eingehen - ein Grund, warum kürzlich zwei Boeing-Flugzeuge vom Typ 737 Max abgestürzt seien, die nach einem Software-Fehler nicht mehr von den Piloten kontrolliert werden konnten.

Doch der Schriftsteller ist keiner, der Ängste schürt. Er betont die heiteren Momente, die menschliche Komödie, die kein Algorithmus je verstehen wird. Das gehe schon bei der Amazon-Bestellung los, erzählt McEwan: "Jedes Mal, wenn ich da ein Buch bestelle, kriege ich fünf weitere Empfehlungen für Bücher, die mir gefallen könnten. Und was sehe ich auf der Liste? Einen Roman von mir. Das hat mir wirklich gefallen." Gerne macht er Witze über sich selbst, schließlich befinde er sich nun, mit 71 Jahren "im Kleinkindalter meines eigenen Altertums", in jener glücklichen Zwischenphase vor dem körperlichen Zerfall, wo man sich noch nicht in die Hosen mache und sich einiges erlauben könne. Blaue Schuhe, bunte Ringelsocken, ein bisschen britische Exzentrik zum Beispiel, doch Ian McEwan erlaubt sich sogar einen optimistischen Ausblick auf die Brexit-Krise: "Ich glaube ganz ehrlich, wir werden einfach gar nicht aus der EU austreten, weil das Parlament das nicht zulässt und die Politiker nicht wissen, wie das geht - dann gibt es doch noch ein zweites Referendum."

Anschließend stehen die Fans lange Schlange, um eines der signierten Bücher zu erwerben. Der Autor selbst braucht eine Stärkung, der Diogenes Verlag hat zum Abendessen in die Osteria Italiana geladen - bis nach Mitternacht stellt der Autor dort noch sein Erzähltalent unter Beweis. Also keine Sorge: Ian McEwan ist keine Maschine, aber auf ihn ist Verlass.