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Szenario:Lachen, danken, warnen

Verleihung Thomas-Mann-Preis an Claudio Magris in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in der Münchener Residenz

Jan Lindenau, Bürgermeister Lübeck (SPD), Claudio Magris und Winfried Nerdinger, Präsident der Akademie der Schönen Künste (von links).

(Foto: Florian Peljak)

Schriftsteller Claudio Magris wird mit dem Thomas-Mann-Preis geehrt

Als Claudio Magris mit einem Sprung auf die Bühne hüpft, ist zu erahnen, dass er dieser Laudatio etwas entgegenhalten wird. Der Schriftsteller und Professor für deutsche Literatur aus Triest, 80 Jahre alt, dunkler Anzug, saß gerade noch in Reihe eins des mit etwa 200 Zuhörern gefüllten Saals der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in der Residenz und hörte einer präzise formulierten Lobeshymne zu. Er rutschte dabei auf seinem Stuhl hin und her, seine Hände zeigten im Minutentakt die gängigen Denker- und Zuhörposen. Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand am Kinn, Faust vor dem Mund, Zeigefinger unter dem rechten Ohr und den Kopf auf die Handfläche gestützt. Rastlos? Nein, so stellt sich gleich in seiner Dankesrede für die Verleihung des Thomas-Mann-Preises am Donnerstagabend raus, eher verlegen und ein bisschen aufgeregt.

Magris sah seinem Laudator Michael Krüger zu, dem ehemaligen Hanser-Verlagsleiter, früheren Präsidenten der Akademie und Freund. Der eine unten, der andere oben, beide ohne Regung im Gesicht, nicht ein "Äh" ist in der nächsten Stunde zu hören, fast wirkt es wie ein Duell der Worte. Magris hört Krüger sprechen über seine Werke "Donau" als ein "hochgelehrtes aber fußnotenfreies Buch", von "Verfahren eingestellt" gar als "Meisterwerk", vor allem aber über die Erfahrungen von Claudio Magris in Triest, einer Stadt zwischen allen Stühlen, und die daraus entstandene Auseinandersetzung des Autors mit Grenzen. Krüger spricht von Magris' Grenz-Geschichten als "veritable Kulturtheorie", sie seien eine Notwendigkeit, ohne begrenzende Unterscheidung gebe es keine Identität, keine Form, keine Individualität. Magris zeige, wo die Grenzen liegen zwischen Gut und Böse, Wahrheit und Unwahrheit, einem aktiven und einem verbummelten Leben.

Die Kraft, mit der Magris dann eben auf die gut halbmeterhohe Bühne hüpft, spricht fast für ein hyperaktives Leben. Er hält das Pult fest wie einen Pokal und dankt in seinem melodischen Akzent auf Deutsch zunächst den Preisstiftern, der Akademie und der Stadt Lübeck. Den Bogen schlägt er anschließend über seine ersten Begegnungen mit der deutschen Sprache in Kinderbüchern bis hin zu seinem Thema, den Grenzen, und damit zu Europa. Immer wieder gibt es Applaus, am lautesten für den Satz: "Heute bräuchten wir dringend ein allgemeines europäisches Gesetzbuch und eine europäische Verfassung." Magris sieht gefährliche Tendenzen in der europäischen Politik und der zeitgenössischen Gesellschaft. Identität habe Europa zu einer kulturellen Blüte geführt, heute sei aber die Verteidigung derselben zu einem aggressiven identitären Fieber geworden. Magris lehnt sich zurück, macht eine kurze Pause, dann wird es wieder fröhlich.

München sei die Hauptstadt seines Deutschlands, in dem er an vielen Orten und lange Zeit war. Und Thomas Mann? "Die Lektüre Manns war grundlegend für mich und hat mich mein ganzes Leben über begleitet." Es mache ihn verlegen, einen Preis mit diesem Namen zu erhalten, deshalb habe er daheim in Italien auf Nachfrage den Namen des Preises auch oft einfach nur schnell dahingenuschelt, dass man ihn nicht versteht. Kein Wunder ist am Ende, dass Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen" dem Demokraten und Europäer Magris ganz besonders wichtig ist, dieses "leidenschaftlich gestrige Buch, ein großes Buch von heute".

Auf Claudio Magris' letzten Satz "Ich danke euch allen und bitte euch, mir diese Plaudereien zu verzeihen, aber es ist nicht meine Schuld, dass ich hier stehe", folgt ein mit Lachern garnierter langer Applaus aus dem Saal. Die Distanz, die Grenze also zwischen dem Preisträger und den ihn bewundernden Gästen scheint da längst verschwunden zu sein, dabei ist der Wein-Empfang noch gar nicht losgegangen.