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Szenario:Klassentreffen bei Käfer

Beim Almauftrieb zählt posen, prosten und posten

Michael Ballack ist in der Masse gut zu erkennen. Das liegt nicht daran, dass er auffällig gekleidet wäre, der Ex-Fußballer trägt Tracht wie alle anderen auch am Sonntagabend auf der Wiesn. Es liegt daran, dass ihm permanent die Lampen der Handy-Kameras ins Gesicht strahlen, wenn wieder ein Gast beim Almauftrieb den Mann erkennt. Es ist ein Bild, das für diesen besonderen Abend an jedem ersten Wiesn-Sonntag steht: Entdeckungen in der Enge des Gedränges.

Zum 20. Mal hat Veranstalter Philip Greffenius mit Wirt Michael Käfer zum Almauftrieb geladen, und zum 20. Mal kann man rätseln, was diesen Abend so besonders macht, dass Gäste wie Schauspieler Ralf Möller, Fußball-Torwart Roman Weidenfeller oder Miroslav Klose sich gerne in den Nahkampf mit Fotografen und Kamerateams begeben.

Zum einen sieht man am Selfie-geplagten Ballack im Gedränge unten an der Treppe zum ersten Stock, wie gut das Verknappungsprinzip gerade im Käfer-Zelt funktioniert. Weil nur wenige reindürfen, wollen umso mehr rein, das jahrzehntealte Prinzip des "in ist, wer drin ist". Dazu kommt selbstverständlich auch die allgemeine Wiesnerei, dass man eben in Tracht bei Käfer hockt, wo es noch nach Holz riecht und sich die Girlanden um die Deckenbalken winden wie die Dirndl-Designer bei den Beschreibungen ihrer Entwürfe. Als Boris Becker den ersten Stock betritt, lange nach Ballack, riecht es auch schon wunderbar nach Ente. Wer sonst im Anzug durchs Leben läuft, genießt hier das Derbe, das kräftige Krüge-Krachen, Braten, Brotzeit und Live-Band und dazu die Hoffnung auf ein paar bekannte Gesichter. Entdeckungen in der Enge eben.

Da wäre zum Beispiel die frühere Staatssekretärin Dagmar Wöhrl, die sich unerkannt durch die verstopften Gänge zu ihrem Tisch kämpft. Oder der zweite Ex-Tennis-Spieler des Abends. Charly Steeb freut sich auf "viele Freunde bei guter Stimmung". Ein Satz wie ein zweiter Aufschlag: sicher ins Feld. Auch Klose scheint Spaß am Auftritt zu haben, er gibt nur Interviews, "wenn's eine Doppelseite wird", grinst und erklärt dann: "Das ist die einzige Möglichkeit, Leute zu treffen, die sonst auch immer arbeiten." Da nehme er die vielen Kameras und Selfie-Wünsche auch in Kauf, "das gibt es doch ohnehin immer".

Sky-Chef Carsten Schmidt läuft rein, drinnen sitzen die meisten gleich auf den Banklehnen, stehen auf, als "Ich war noch niemals in New York" erklingt, wobei das für die wenigsten der 1000 Gäste wohl zutrifft. Während Ralf Möller von seiner 37 Jahre alten Freundschaft zu Arnold Schwarzenegger erzählt, der "gerade einen Terminator dreht", während er mit Til Schweiger Klassentreffen gedreht habe. So eines ist dieser Abend auch immer. Die einen fotografieren und füttern ihr Instagram-Profil mit Becker-Bildern, andere werden fotografiert, und wieder andere genießen den Trubel von weitem. Es ist auch im 20. Jahr der Veranstaltung ein wunderbares Bild für München: Posen, Prosten und Posten.