SZenario Kabarett muss auch wehtun

Sorgt für angenehmen Schmerz beim Publikum: Christine Prayon.

(Foto: Robert Haas)

Böse Witze, brachiales Schlagzeug: Bei der Verleihung des Dieter-Hildebrandt-Preises an Christine Prayon halten sich die Gäste zuweilen die Ohren zu

Von Oliver Hochkeppel

Rumms! Wenn Kabarett aufrütteln, verstören oder - wie Oberbürgermeister Dieter Reiter danach sagt - sich Gehör verschaffen soll, dann tut es das gleich zum Auftakt der Verleihung des Dieter-Hildebrandt-Preises im Festsaal des Alten Rathauses mustergültig. Denn Sebastian Rüger drischt nach einem sanften Gitarren-Intro von Norbert Bürger unvermittelt so brachial aufs Schlagzeug ein, dass die Festgemeinde ordentlich hochschreckt. Eigens für die Ehrung von Christine Prayon haben sich die beiden Mitglieder des aktuellen Lach-und-Schieß-Ensembles zum parodistischen Hardrock-Duo RügerBürgerDoppelbrett zusammengetan und drehen jetzt bei ihrer "Suite de la Chanson at the Prix pour die Prayon" so auf, dass sich insbesondere die Älteren der versammelten - und diesmal von Maria Peschek bis Gisela Schneeberger auffällig weiblichen - Kleinkunstgemeinde verschreckt die Ohren zuhalten.

Ein bisschen wehtun muss Kabarett eben schon, das wünschte sich stets der Pate des Preises - und das wünscht sich auch die Geehrte. Was mit der Auswahl der Band ebenso in Erfüllung geht wie mit der des Laudators Matthias Egersdörfer, diesem fränkischem Vulkan, der indes bei diesem Anlass nicht wirklich ausbricht. Auch wenn es ihn angesichts eines Passus in seinem Vertrag mit der Stadt, der im Falle von "sexistischen, homophoben, rassistischen oder diskriminierenden Äußerungen oder Darstellungen" die "unverzügliche Beendigung des Auftritts und rechtliche Schritte" androht, ziemlich juckt: "Was muss ich sagen? Wer haut mich um?" Er begnügt sich dann doch mit einer umfassenden, anders als bei vielen Laudatoren sich selbst völlig zurücknehmenden Würdigung von Prayon. Beschreibt ihre besten Nummern - zwei, drei davon sieht man hinterher von ihr selbst und versteht sie so vielleicht noch einen Tick besser -, leitet daraus Prayons Leitfrage ab, wozu diese Gesellschaft noch Theater braucht, und bescheinigt ihr angesichts des "angenehmen Schmerzes", das Publikum angemessen in die Pflicht zu nehmen.

Was Prayon anschließend einlöst, die erste weibliche Dieter-Hildebrandt-Preisträgerin - ein Umstand, auf den Dieter Reiter explizit hinweist: Eine lange Liste (von den unverzichtbaren Partnerinnen großer Komiker wie Liesl Karlstadt, Helga Fedderson, Beatrice Richter oder Evelyn Hamann bis zu aktuellen Solistinnen wie Carolin Kebekus, Anke Engelke oder Monika Gruber) sollte veranschaulichen, wie überfällig das sei. Vorwiegend Comedians nennt er freilich, und in die lässt sich Prayon dann nicht einreihen. Zu gesellschaftskritisch, zu böse sind die Auszügen aus ihrem Programm "Die Diplom-Animatöse". Etwa wenn sie eine Lösung für das Problem der exorbitanten Münchner Mietpreise vorschlägt: Radikale Senkung der Miete, finanziert durch eine Gebührenpflicht ("Fäkalabgabe") bei der Toilettenbenutzung. "Irgendwo muss im Kapitalismus das Geld herkommen. Mein Kombimodell bietet innerhalb des Systems ein Maximum an Freiheit, Würde und Selbstbestimmtheit." Oder wenn sie im Schwimmtrikot mit Badekappe "zeitgenössische Lyrik aus dem Zyklus ,Männer sind primitiv, aber glücklich'" vorträgt und dabei die Hochleistungssport-Comedy ("Pass auf, pass auf, pass auf, das ist so geil, echt boah, echt Hammer, pass auf, eine wahre Geschichte, kein Witz") des "Kollegen" Mario Barth in ihrer ganzen Plattheit decouvriert.

Bis zum geselligen Teil sind dann noch zwei Stücke von RügerBürgerDoppelbrett zu genießen (und zu überstehen). Die machen wie alle Beiträge des Abends klar, was ein Dieter-Hildebrandt-Preisträger unabhängig von seiner Darstellungsform, Stoßrichtung oder Beliebtheit vor allem braucht: Haltung.