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SZenario:Große Kunst ist weiblich

Buchpräsentation PIN, I LOVE WOMEN IN ART

Wer ihre Werke gesehen hat, wird bedauern, dass Janine Mackenroth (l.) und Bianca Kennedy nicht auch in ihrem Sammelband vertreten sind.

(Foto: Florian Peljak)

Bianca Kennedy und Janine Mackenroth stellen in der Pinakothek der Moderne ihr Buch "I Love Women In Art" vor - den Champagner muss man sich dazu denken

Von Christian Mayer

Als Janine Mackenroth und Bianca Kennedy an der Akademie der Bildenden Künste in München studierten, hatten sie oft das Gefühl, auf eine merkwürdige Lücke zu stoßen: Es gab unendlich viele Abhandlungen über bedeutende Maler und Bildhauer von der Antike bis zur Gegenwart. Aber was ist mit den Frauen in der Kunstgeschichte? Das fragten sich die beiden 1989 geborenen Meisterschülerinnen und nahmen die Sache selbst in die Hand. Ohne Verlag, ohne Anschubfinanzierung und anfangs ohne Förderer starteten sie ein Projekt: Das erste große Sammelwerk über bedeutende Künstlerinnen in Deutschland, mit persönlichen Texten wichtiger Frauen aus dem Kulturbetrieb.

"Wir wollten so ein Buch unbedingt bei uns im Regal haben", sagt Bianca Kennedy am Donnerstagabend in der Pinakothek der Moderne. "Das war unser Ansporn, auch wenn uns nicht klar war, wie teuer das wird." Janine Mackenroth nennt noch einen zweiten Grund: "Es ist genau 100 Jahre her, seit Frauen an der Münchner Akademie zum Studium zugelassen wurden. Dieses Jubiläum wollten wir feiern." Und so ist der Band "I Love Women In Art" eine Hommage an all die Künstlerinnen, die letztlich davon profitiert haben, dass vor einem Jahrhundert eine der letzten Männerbastionen an deutschen Hochschulen fiel. Sehr zum Leidwesen der beleidigten Kunststudenten, die ihre neuen Konkurrentinnen damals mit Argwohn betrachteten.

Eigentlich müsste man jetzt auf das prächtig bebilderte Buch anstoßen, das von Kritikern bereits als "Standardwerk" gefeiert wird und in vielen Museen ausliegt. Die erste Auflage von 3000 ist so gut wie weg, die zweite ist in Vorbereitung. Doch die Zeiten sind leider nicht ganz so passend für einen Umtrunk, den Champagner müssen sich die kulturaffinen Maskenträger einfach dazu denken.

Statt Häppchen gibt es daher eine Gesprächsrunde mit der Lenbachhaus-Kuratorin Eva Huttenlauch und BMW-Kulturmanager Thomas Girst. Dabei geht es auch um die Frage, warum die Werke von Künstlerinnen noch immer nicht die gleiche Wertschätzung - und Wertschöpfung - erfahren wie die Werke von Männern. "Frauen müssen mit ihrer Kunst einfach sichtbarer werden, in den Galerien, in den Museen, in den Medien", sagt Mackenroth. Erst dann würde sich das auch auf dem Kunstmarkt niederschlagen.

Der Satz von Georg Baselitz, der noch 2013 im Spiegel behauptete, dass Frauen "nicht so gut malen" können wie Männer, ist einerseits ein pompöser Schmarrn. Andererseits war das Zitat eine Motivation für die junge Künstlerin, selbst aktiv zu werden: "Weil ich ja angeblich nicht so gut malen kann, habe ich eine Malmaschine erfunden, die das für mich übernimmt." Mackenroths Kunstwerke, für die sie ihre international patentierte "Nail Polishing Painting Machine" verwendete und flaschenweise Nagellack als Material, kann man als ironischen Kommentar auf die Kosmetikindustrie lesen, aber auch als Breitseite gegen männliche Großkünstler wie Baselitz, denen der Ruhm vielleicht etwas sehr zu Kopf gestiegen ist.

Auch Bianca Kennedy ist mit ihren Video- und Virtual-Reality-Arbeiten international erfolgreich, aber sehr unverkrampft und witzig im Gespräch. "We're all in this together" heißt eine ihrer Installationen aus Filmzitaten, in der die Badewanne zum Ort psychischer Dramen wird, von der Geburt bis zum Mord. Wer das gesehen hat, wird bedauern, dass die beiden Herausgeberinnen nicht selbst auch in ihrem Sammelband vertreten sind, ihre Werke hätten es verdient.

"Kunstmuseen können sich heute zum Glück nicht mehr erlauben, nur Männer auszustellen", sagt Janine Mackenroth. Das sei beinahe selbstverständlich. Aber eben nur beinahe.

© SZ vom 24.10.2020

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