bedeckt München 15°

SZenario:Genickbruch, Jubel, Trikottausch

Die Fußball-Nationalmannschaft der Frauen, der DFB-Präsident und verschiedene Abgesandte des FC Bayern als Gäste: Bei der Premiere des neuen Rosenmüller-Films "Trautmann" über den deutschen Torwarthelden der Fünfzigerjahre in England reißt der Regisseur alle mit

Von Josef Grübl

Obacht, hier kommt die Macht! Vermutlich ist kein Mann mächtiger als Reinhard Grindel, zumindest in einem Fach, das gerne als des Deutschen liebstes Hobby bezeichnet wird: Mit dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sollte man sich besser nicht anlegen, weder als aktiver Sportler noch als jemand, der mit ihm zusammenarbeiten will. Und das sind beim Milliardenspiel Fußball doch einige. Deutschlands oberster Fußballfunktionär ist am Montag im Mathäser Filmpalast umschwärmt, er wird viel fotografiert und muss noch mehr Hände schütteln.

Wembley Stadion - Bert Trautmann

Torwart Bert Trautmann bricht sich am 5. Mai 1956 nach einem Zusammenstoß mit dem Stürmer Peter Murphy das Genick.

(Foto: dpa)

Doch was macht der DFB-Chef überhaupt in einem Kino? Beim Namen Grindel denkt der Filmfan ja eher an den Bösewicht Grindelwald aus dem Blockbuster "Phantastische Tierwesen", gespielt von Johnny Depp. Doch wie Depp sieht Grindel nun wirklich nicht aus. Aber deswegen ist er auch nicht hier: Der DFB unterstützt den Spielfilm "Trautmann", der an diesem Abend Premiere feiert. Möglichst viele Menschen sollen ihn im Kino sehen, dafür mobilisiert der DFB seine Mitglieder, die sonst eher im Stadion oder vor dem Fernseher sitzen.

Der Titel des Films ist auch der Name des Helden, den er porträtiert: Bert Trautmann war ein deutscher Torwart, vermutlich einer der besten weltweit. Dass sein Name nicht so bekannt ist wie der von Beckenbauer, Müller, Seeler, Rahn oder Kahn, hat damit zu tun, dass er ein Legionär war, hierzulande also nie im Tor stand. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet der deutsche Soldat in britische Gefangenschaft, in einem Arbeitslager entdeckte man sein fußballerisches Talent (siehe Kasten).

Bert Trautmanns Geschichte wurde verfilmt, mit David Kross und Freya Mavor in den Hauptrollen, gedreht von Marcus H. Rosenmüller (v. l.)

(Foto: Catherina Hess/dpa)

Dies und den Rest der unglaublichen Lebensgeschichte Trautmanns erzählt der Film: Und da ein bisschen Legendenbildung auch dem DFB gut tut, hat Grindel eine ganze Reihe von Funktionären und die Damen der Fußball-Nationalmannschaft mitgebracht. Das passt, schließlich diskutiert man derzeit viel über Frauenquoten: Da setzt so ein Auftritt schon einmal eine starke Marke. Es kommt sogar zu einem Trikottausch, ausziehen muss sich dafür aber niemand: Die Fußballerinnen überreichen den Filmern ein signiertes Sporthemd. Sportlich zeigt sich auch Kickbox-Weltmeisterin Marie Lang, die den Fotografen pantomimisch vorführt, wofür sie bekannt ist. Ohne Boxgesten und Sprünge kommt Leon Goretzka aus, aber der spielt ja auch Fußball beim FC Bayern. Da muss man sich einfach nur hinstellen, um minutenlang fotografiert zu werden.

Zur Premiere kam auch Bayern-Sportdirektor Hasan Salihamidzic mit Ehefrau Esther.

(Foto: Catherina Hess/dpa)

Der eigentliche Star des Abends ist aber der Regisseur des Films: Marcus H. Rosenmüller, Lokalmatador und von den meisten Anwesenden nur Rosi genannt, kann wie kaum ein anderer seine Mitmenschen mitreißen, so auch bei dieser Premiere. Bei Dreharbeiten spielt er seinen Schauspielern ihre Szenen jeweils vor, und sie machen es ihm nach, auch in vollbesetzten Kinosälen funktioniert das: Rosenmüller kommt nach der Vorführung auf die Bühne und ist so ansteckend fröhlich, dass die Zuschauer es augenblicklich auch sind.

Bert Trautmann

Es ist oft eine Aktion, die einen Torwart berühmt macht: Gordon Banks lenkte 1970 einen Pelé-Kopfball wie ein Zauberkünstler über die Latte, Manuel Neuer riss im WM-Halbfinale 2014 den rechten Arm hoch und hielt den Schuss des Franzosen Benzema, Sepp Maier hechtete im Olympiastadion nach einer Ente.

Bert Trautmann hat mehr als 600 Spiele für Manchester City gemacht, aber wenn man die Leute in England heute nach ihm fragt, antworten alle das Gleiche: "He broke the neck in the cup final." Manchester traf am 5. Mai 1956 auf Birmingham City, Trautmann brach sich in der 72. Minute das Genick - und spielte bis zum Schlusspfiff weiter. Trautmann hat kurz vor seinem Tod in einem Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" gesagt, dass er nicht gerne auf dieses Spiel reduziert werde. Er würde lieber hören, dass er als erster Ausländer zum "Spieler des Jahres in England" gewählt wurde. Oder dass er, der ehemalige Soldat, viel getan hat für die Völkerverständigung zwischen England und Deutschland. Queen Elizabeth II. hat ihn dafür mit dem Orden des British Empire ausgezeichnet.

Bernd Trautmann, wie er eigentlich hieß, wurde am 22. Oktober 1923 in Walle bei Bremen geboren. Der Vater arbeitete als Vorarbeiter bei der Firma Kalle Chemikalien. Die Eltern, schrieb Trautmanns Biograf Alan Rowlands, "glaubten an Hitler und den Kriegserfolg". Bert Trautmann wurde Ende 1941, mit 17 Jahren, an die Ostfront geschickt. Stalingrad überlebte er knapp. 1944 wurde er an die Westfront verlegt und am Endes des Kriegs verteidigte er in Deutschland den Rhein. Dort nahm ihn ein englischer Soldat fest, angeblich mit den Worten: "Hello Fritz, fancy a cup of tea?" ("Hallo Fritz, Lust auf eine Tasse Tee?")

Trautmann kam als Kriegsgefangener nach England, spielte in einem Lager Fußball, wurde nach seiner Entlassung von dem Achtligisten St. Helens Town verpflichtet - und schließlich, weil seine großartigen Leistungen Aufsehen erregten, von Manchester City. Es gab heftige Proteste der jüdischen Gemeinde und von Verbänden ehemaliger Soldaten; Trautmann wurde in den Stadien mit "Heil Hitler" begrüßt, aber sein bescheidenes Auftreten und sein Können drehten die Stimmung. Nach einem Spiel in Fulham, in dem er grandios hielt, applaudierten erst die Manchester-Fans, dann die Fulham-Fans und schließlich auch die Spieler des Gegners.

Trautmann spielte bis zum 15. April 1964, da war er schon über 40, für Manchester City. Die Völkerverständigung war ihm auch danach noch wichtig. Er gründete die Bert-Trautmann-Foundation, die Fußballcamps für Jugendliche in Deutschland und England organisiert. gfI

Es wird gelacht, wo eben noch geweint wurde; als er dann noch Anekdoten von verwechselten Schafen, schnarchenden Kameramännern und falsch geschriebenen Abspannnamen erzählt, liegt ihm das Publikum endgültig zu Füßen.

Für den Tegernseer, der mit bayerischen Komödien wie "Wer früher stirbt, ist länger tot" oder "Sommer in Orange" bekannt wurde, ist "Trautmann" das größte Projekt seiner Karriere. Er sagt: "Es ist schwer, einen internationalen Film mit einem nur in Bayern bekannten Regisseur zu machen." Deshalb hat auch alles etwas länger gedauert: Vor zehn Jahren hat er den 2013 verstorbenen Trautmann zum ersten Mal getroffen, vor fünf Jahren drehte er seinen letzten Spielfilm.

Für diesen hier stand dem Regisseur ein zweistelliges Millionenbudget zur Verfügung, gedreht wurde in Englisch, in den Kinos läuft der Film vom 14. März an. Auch die Besetzung ist international: Der Engländer John Henshaw spielt Trautmanns Entdecker, die Schottin Freya Mavor seine Tochter, in die sich der junge Deutsche verliebt.

Trautmann wird von David Kross gespielt, er kommt am Ende auf die Bühne und wird bejubelt. Der 28-Jährige, der mit dem Film "Der Vorleser" berühmt wurde, wollte Trautmann unbedingt spielen. Nach der Vorstellung versteht man auch, warum Kross trotz mehrfacher Drehverschiebung hartnäckig blieb: "Es ist die Geschichte eines Mannes, der in ein fremdes Land kommt und sich dort zurechtfinden muss", sagt er.

Das Ganze findet unter verschärften Bedingungen im Nachkriegsengland statt, die Ablehnung ist groß. Doch Trautmann spielt sich in ihre Herzen. "Es ist eine völkerverbindende Geschichte", sagt Kross, "sie zeigt, wie Annäherung funktioniert." Das ist wenige Wochen vor dem Brexit, aktueller denn je.

© SZ vom 06.03.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite