Süddeutsche Zeitung

Bayerischer Filmpreis:Einen Pierrot für den Grenzgänger

Schauspieler Bruno Ganz wird bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises für sein Lebenswerk geehrt. Und Sandra Hüller wird für ihre Rolle in "Toni Erdmann" ausgezeichnet.

Von Josef Grübl

Porzellan oder Käsereibe? Diese Frage ist dieses Jahr bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises eine entscheidende. Natürlich werden wie immer wunderschöne Porzellanpierrots verteilt an Schauspieler, Regisseure und andere Kreative, die zum Gelingen eines Films beitragen. Da es aber das Jahr von "Toni Erdmann" ist, der herausragenden und weltweit bejubelten Vater-Tochter-Geschichte von Maren Ade, spielt am Freitagabend im Münchner Prinzregententheater auch das Raspeln und Reiben eine Rolle: Im Film schenkt Peter Simonischek seiner Filmtochter Sandra Hüller zum Geburtstag etwas Praktisches ("Das ist 'ne richtig gute Käsereibe"), in München bekommt sie eher etwas Unpraktisches.

Vor elf Jahren gewann das ehemalige Ensemble-Mitglied der Kammerspiele bereits einen Pierrot als beste Nachwuchsdarstellerin: "Der ist aber bei einem Umzug kaputt gegangen", sagt sie vor der Verleihung. Jetzt kriegt Hüller einen neuen, der ja noch mit einer Geldprämie verbunden ist: "Danke, ich kann's brauchen." Aber auch ihre Regisseurin geht nicht mit leeren Händen nach Hause: Maren Ade kriegt auch eine Porzellanfigur, der Regiepreis wird allerdings gleich fünfmal vergeben.

Das ist eine Premiere, wird aber damit begründet, dass das Filmjahr vor allem weiblich war. Nur fünfzehn Prozent aller Filme werde von Regisseurinnen inszeniert, sagt Jury-Mitglied Caroline Link, das sei viel zu wenig. Jetzt kommen aber gleich mehrere der besten Filme des Jahres von Frauen, deshalb erhalten neben Maren Ade ihre Kolleginnen Maria Schrader ("Vor der Morgenröte"), Franziska Meletzky ("Vorwärts immer"), Marie Noëlle ("Marie Curie") und Nicolette Krebitz ("Wild") einen Preis. Diese Entscheidung wird kontrovers diskutiert, unter anderem auch auf der Bühne. Die meisten ihrer Filme stehen schon längst nicht mehr auf den Spielplänen der Kinos, alter Käse sind sie deswegen aber noch lange nicht.

Geraspelt wird an diesem Abend trotzdem, vor allem Süßholz - das gehört bei Preisverleihungen aber dazu. Jeder hat lobende Worte parat, die Laudatoren für die Preisträger, die Preisträger für ihre Teams, die Teams vermutlich auch für jemanden. Künstlerisch war es ein gutes Jahr, da sind sich alle einig, wirtschaftlich ist dagegen noch Luft nach oben:

Die Gesamtbesucherzahl in den deutschen Kinos ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesunken, auf vom Film-Fernseh-Fonds (FFF) Bayern vorläufig geschätzte 115,8 Millionen, auch die Zuschauerzahl für einheimische Filme ist auf 22,3 Millionen zurückgegangen. "Ein Wermutstropfen", sagt Ilse Aigner ein paar Stunden zuvor beim FFF-Neujahrsempfang, "für mich ist das aber auch ein Ansporn fürs Jahr 2017." Die Staatsministerin ist eben eine zuversichtliche Frau, voller Optimismus tritt aber auch die "Willkommen bei den Hartmanns"-Filmfamilie auf.

Auf dem roten Teppich posieren Senta Berger, Heiner Lauterbach, Palina Rojinski, Eric Kabongo und Florian David Fitz fürs Familienfoto. Nur Elyas M'Barek schwänzt, immerhin hat er bei seinen zweieinhalb Millionen Facebook-Fans ordentlich die Werbetrommel gerührt für den Film. Und so ist es keine große Überraschung, dass die in München spielende Flüchtlingskomödie den Publikumspreis erhält. Gesiegt hat aber auch ein anderer, wie Simon Verhoeven auf der Bühne verrät: "Mein Sohn hat heute beim Zwergerlrennen gewonnen. Dein Preis ist cooler, David!"

Cool findet der Regisseur des Kinohits es allerdings auch, als er zusammen mit seinem Vater Michael Verhoeven sowie seinen Freunden Max Wiedemann und Quirin Berg noch einen zweiten Bayerischen Filmpreis bekommt, für die beste Produktion. Und noch etwas wird an diesem Abend geklärt: "No big deal", sagt Eric Kabongo, der in diesem Film den Flüchtling Diallo spielt.

Der Belgier erzählt von den vielen E-Mails, die er erhielt, als sein Name nicht auf dem "Hartmanns"-Filmplakat stand und sehr viele Menschen Rassismus dahinter vermuteten. Film ist eben auch immer politisch, beim Bayerischen Filmpreis und anderswo. Staatstragend wird es auch, als Ilse Aigner den Ehrenpreisträger Bruno Ganz auszeichnet. Sie erinnert in ihrer Laudatio an die größten Erfolge des gebürtigen Schweizers, an seine Bühnenrollen in den Siebzigerjahren oder an seinen Job als Präsident der Deutschen Filmakademie, vor allem aber an Kinohits wie "Der Himmel über Berlin", "Heidi" oder "Der Untergang". "Bruno Ganz ist ein Grenzgänger", behauptet die Ministerin, "er macht das Abgründige, Widersprüchliche und Geheimnisvolle in seinen Rollen spürbar."

Das Beste daran ist aber, dass Ganz mit diesem Preis nicht abdankt - das ist ja immer die größte Sorge von aktiven Künstlern, wenn sie für ihr Lebenswerk ausgezeichnet werden. Der 75-Jährige ist aber umtriebiger denn je, er bedankt sich für den Preis, denkt aber vermutlich schon an den nächsten Termin: Im Februar läuft ein neuer Film mit ihm auf der Berlinale.

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SZ vom 21.01.2017/infu
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