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Szenario:Doppel, neu aufgelegt

BMW Open by FWU 2019 - Day 4

Er schreibt Briefe von Hand und sei "einer der liebenswertesten Menschen in meinem Leben", sagt Laudator Patrik Kühnen (links) über Michael Stich.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Patrik Kühnen ist bei der Players Night der BMW Open der Laudator von Preisträger Michael Stich - welcher ein paar persönlich prägende Tennismomente aufleben lässt

Dass Michael Stich dort stand, wo er so gar nicht hin mag, nämlich im Mittelpunkt, daran hatte er selbst schuld. Wer aus dem Stegreif solche Reden hält und es schafft, diesem Publikum, das alle Tennis-Schoten der Welt längst kennt, etwas Neues und zudem Berührendes zu erzählen, der ist der Held des Abends. Als Preisträger des Iphitos Awards war Stich das bei der Players Night der BMW Open sowieso, aber auf den ersten Metern des Society-Parketts wurde klar, dass dies fad werden könnte. Da brummte Stich im nadelgestreiften Dreiteiler in die Mikros: "Ich war nie der Mann für den roten Teppich, brauche keine Kamera, um mich wohlzufühlen."

Dabei hätte es an diesem Abend neben dem aufregenden Kleid von Magdalena Holzer (ehemals Neuner) und dem güldenen Hoodie von Mit-Sponsor Manfred Dirrheimer durchaus Themen gegeben: Alexander Zverev, Nr. 3 der Welt, der in einer Krise steckt, die man als Tennis-Guru zwingend kommentieren muss. Stich meint nur: "Alexander spielt gutes Tennis und wird seinen Weg gehen." Aber zu Boris Becker wird er doch etwas sagen, der ihm zuletzt Teamfähigkeit abgesprochen hatte? Stich lapidar: "Wir waren nie befreundet, respektieren uns in hohem Maße. Aber darüber wollen wir ja heute nicht reden." Becker war zuvor über die Anlage gehumpelt und hatte als Trainingskiebitz bei Zverev den Schiri-Stuhl erklommen, worüber sich die Fotografen noch mehr freuten als Zverev. Dem war beim Training etwas gegen den Strich gegangen, so dass ein Schläger Kleinholz wurde. Becker analysierte: "Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Man kann nicht immer alles gewinnen."

So wie früher das deutsche Davis-Cup-Team, Sieger 1988, 1989 und 1993. Die ersten Siege gelangen mit Becker, der letzte mit Stich. Stets dabei: Doppelspezialist Patrik Kühnen, heute Turnierdirektor der BMW Open und Stichs Laudator: "Er schreibt Briefe von Hand, ruft lieber an statt zu texten, er malt, sammelt zeitgenössische Kunst, ist Unternehmer und einer der liebenswertesten Menschen in meinem Leben." Und er erzählt vom ersten Doppel mit Stich, nachdem er jahrelang mit Becker gespielt hatte. Vor der Partie in Moskau 1993 sei auch er unsicher gewesen, doch Stich nahm das Gerede mit Humor: "Hey Kühnen, mit dir spiel ich nicht. Geht nicht. Steht doch in der Zeitung." Die beiden verloren kein einziges Doppel.

Was würde der eben noch so Spröde antworten? Stich kommt ohne Floskeln aus, erinnert an erste Schritte beim MTTC Iphitos, mit dem er 1990 deutscher Mannschaftsmeister wurde und erzählt von prägenden Erlebnissen, nicht vom Wimbledonsieg gegen Becker, sondern vom Champions Dinner, zu dem alle Ex-Sieger geladen sind. Stich trifft die 95-jährige Kathy Godfree, den 93-jährigen Jean Borotra. Dessen Schwiegersohn stellt Stich dem alten Herrn vor, und der fragt nur: "Wer sind Sie?" So was gefällt Stich. Bloß kein Aufhebens. Im Jahr darauf trifft er eine andere Legende: Fred Perry, den er nicht kennt, der ihm aber eine achtminütige Ansprache hält, und das fortan in jedem Jahr. Bei Stichs letztem Auftritt in Wimbledon war Perry dann tot: "Diese Begegnungen haben mir richtig gefehlt."

Abläufe verändern sich. So wurde Stich bei seinem BMW-Open-Sieg vor 25 Jahren weder eine Lederhose noch ein schickes Auto überreicht, so wie das heute üblich ist. Richtung Sponsor sagte Stich: "Sie dürfen das gerne nachholen. Ich hab' mich echt angestrengt damals."