SZenario Dietlmania

Bei der Ausstellungseröffnung im Literaturhaus suchen und finden die Gäste einen Mann, der ihnen seltsam vertraut vorkommt

Von Christian Mayer

Wie er so dasitzt am Schreibtisch und einen mit einem Ausdruck der Verwunderung anblickt, seine französische Lieblingszigarette in der Hand, vor sich die weiße Schreibmaschine - da kann man gar nicht anders als gerührt sein. Es ist der Eröffnungsabend der Ausstellung "Der ewige Stenz - Helmut Dietl und sein München" im Literaturhaus, und schon vor den Begrüßungsreden und Beglückwünschungen nimmt er uns in Empfang. Der Gesellschaftschronist, der Melancholiker, der Frauenkenner, der Genießer und sensible Grantler, dessen Werke in dieser Stadt nicht nur unvergesslich, sondern in Form von unschlagbar kurzen, treffenden Sentenzen in den allgemeinen Sprachgebrauch übergangenen sind: Dieser Helmut Dietl ist hier überlebensgroß präsent.

Und deshalb kann Literaturhaus-Chefin Tanja Graf auch völlig zu Recht feststellen, dass die "Dietlmania" wieder voll entfacht sei. Bürgermeister Josef Schmid erinnert sich an die Nachmittage in der elterlichen Metzgerei in München, als alle etwas schneller arbeiten mussten, damit man rechtzeitig den Laden zusperren konnte - es lief ja der "Monaco Franze" im Fernsehen. Bevor es allzu harmonisch wird und man sich, wozu dieser Abend unbedingt einlädt, an den eigenen Erinnerungen berauscht, hat Kurator Claudius Seidl noch einen Tipp: Man solle keinesfalls mit der Attitüde des Herrn Schönfärber, des überschwänglichen Opernliebhabers aus dem "Monaco Franze", durch die Ausstellung laufen und alles gleich toll finden: "Stimmen Sie nicht allem zu, was Sie sehen und hören!" Schließlich habe Dietl, wenn ihm die Lobhudelei zu bunt wurde, sich gerne mal selbst zitiert: "Ein rechter Scheißdreck war's."

Solche Zitate aus Dietls Werk finden die Besucher der Ausstellung dann an den Wänden, sie sind auch als Postkarten erhältlich. Und natürlich kann man sich, neben Fotos, Briefen und anderen herrlichen Fundstücken aus dem Nachlass, auch noch mal die klassischen Dietl-Szenen anschauen. Besonders gelungen ist die Gestaltung: Man spaziert gewissermaßen durch die Filmkulisse aus "Rossini", das Schachbrettmuster und die Kerzen auf den Tischen erinnern an Dietls Komödie über die Münchner Film-Schickeria. Dazu passt der Beleg aus seinem Stammlokal "Romagna Antica", dem Rossini-Vorbild: Oben liegt eine Rechnung vom Januar 1994 über 580,50 Mark, es waren noch die wilden Schwabinger Jahre.

Am Eröffnungsabend fehlen einige der alten Weggefährten, Franz Xaver Kroetz, Senta Berger und Mario Adorf hätte man gerne gesehen. Dafür trifft man Dietls Kostümbildner Bernd Stockinger, der vom "Ganz normalen Wahnsinn" bis "Zettl" sämtliche Figuren ausstaffiert hat. Auch seine Cutterin Inez Regnier erinnert sich wehmütig an alte Zeiten - sie hat das Privileg, schon bei den "Münchner Geschichten" mitgearbeitet zu haben. So geht es vielen hier: Sie suchen und finden einen Mann, der ihnen seltsam vertraut vorkommt. Helmut Dietl ist nicht mehr da, aber sehr präsent.