SZ-Serie: "Am Wasser gebaut", Folge 9 Zeit, dass sich was dreht

Nur Show: das Wehr am Muffatwerk.

(Foto: Florian Peljak)

Wasserkraftwerke gibt es nur an der Isar? Von wegen. Allein am Auer Mühlbach produzieren an vier Stellen Turbinen Strom. Dass dem so ist, hat nicht nur historische Gründe, sondern auch viel mit dem Engagement Einzelner zu tun

Von Jasmin Siebert

Der Auer Mühlbach ist etwas Geniales", schwärmt Leonhard Muschaweck, der Betreiber der Anlage Muffatwerk. "Der Traum eines jeden Betriebswirtschaftlers", sagt Dimitrios Nikolaidis, Leiter der Wasserkraftanlagen der Stadtwerke. Der Grund, warum beide den Auer Mühlbach so toll finden, ist seine gleichbleibende Wassermenge. Seit gut 100 Jahren werden auf Höhe der Floßlände aus dem Isar-Werkkanal konstant 10 000 Liter pro Sekunde in den Bach abgeleitet. Auf seinem sieben Kilometer langen Weg vom Tierpark durch die Au bis hinterm Maximilianeum treibt er vier der insgesamt 21 Münchner Wasserkraftwerke an: die Kraemer'sche Kunstmühle, die Bäckermühle, das Muffat- und das Maxwerk.

Die Kraemer'sche Kunstmühle ist ein markanter terrakottafarbener Bau, der auch heute noch so aussieht, wie man sich eine Mühle vorstellt. 144 Jahre lang wurde hier in 16 Walzenstühlen Getreide gemahlen - bis vor zehn Jahren. Als zu kostbar erschien den Kraemers der Grund für eine Müllerei, die durch Vermietungen, Stromverkauf und der Herstellung von Hundeflocken quersubventioniert werden musste. Heute beherbergt die Mühle Büros für Kreative, eine Kita und eine Kaffeerösterei. Doch das Mühlrad, heute eine Francis-Turbine, dreht sich weiter und produziert rund um die Uhr 130 Kilowatt Strom die Stunde. Die zwei Schwungräder daneben muten zwar museal an, doch das eine, mit einem Lederband bespannte war bis 2009 in Betrieb. Es liefe auch noch problemlos, wäre es nicht durch die leisere, erschütterungsärmere Turbine ersetzt worden.

Leonhard Muschaweck betreibt das Muffatwerk.

(Foto: Florian Peljak)

800 Meter flussabwärts, beim Candidplatz, erzeugt die Bäckermühle etwa die gleiche Menge Strom. Dass Bäche selbstverständlich zur Energiegewinnung genutzt werden, damit ist Günter Tremmel aufgewachsen. In seinem Heimatort Thalham bei Bad Aibling drehten sich mehrere Mühlräder. Als Bub half Tremmel mit, wenn einmal im Jahr der Monteur kam, um die Turbinen im Sägewerk zu reinigen, - und er war fasziniert von der Technik. Als Erwachsener ging er einmal mit seiner Mutter am Auer Mühlbach spazieren. Er sah, wie das Wasser ungenutzt unter der ehemaligen Bäckermühle hindurchfloss. Nach langen Verhandlungen mit der Stadt pachtete er im Jahr 1985 den Grund.

Günter Tremmel hat das Wasserkraftwerk Bäckermühle nahe dem Candidplatz gebaut.

(Foto: Florian Peljak)

Die Gebäude waren abgerissen, die Mühlräder entfernt. "Untätig war des Wassers Lauf - und niemand achtete drauf. Hier war die Wasserkraft vergessen, weil von Atomkraft man besessen" - so beginnt das Gedicht, das Tremmel an die Südseite des Gebäudes gepinselt hat. Der Kfz-Meister hat es selbst errichtet, wie auch alles andere an und in seinem Wasserkraftwerk. Nach Feierabend fuhr er von seinem Wohnort Bad Feilnbach zu seiner Mühle, um bis tief in die Nacht an den Maschinen zu tüfteln. Zwei gebrauchte Turbinen hat Tremmel eingebaut, um keinen Totalausfall zu haben, sollte eine kaputt gehen. Die Podeste für sie hat er als Achtecke betoniert, "weil es schöner aussieht" und weil er ein sehr genauer Mensch ist. "Wenn das jemand mitbekommen hätte, der hätte mich für verrückt erklärt", erzählt er. Nach drei Jahren Nacht- und Wochenendarbeit ging sein Kraftwerk ans Netz. Auch heute kennt der 72-Jährige keinen Feierabend oder Urlaub. Jeden zweiten Tag schaut er in seiner Anlage nach dem Rechten. Das Geld, das er damit erwirtschaftet, investiert Tremmel in sein zweites Kraftwerk an der Mangfall.

Das Maxwerk residiert in einem 1897 errichteten Wasserschlösschen.

(Foto: Robert Haas)

Während die Bäckermühle stolz über dem Auer Mühlbach trohnt, ist das Muffatwerk praktisch unsichtbar. Kaum jemand weiß, dass seit zwölf Jahren neben der Muffathalle 250 Kilowatt Strom in der Stunde produziert werden. Wer von der Brücke, die zur Muffathalle führt, nach rechts auf den Bach blickt, sieht eine Verwirbelung im Wasser. Hier wird das Wasser nach unten in die Turbine gezogen, nur ein kleiner Teil fließt weiter und ergießt sich über eine Kante nach unten. "Der Wasserfall hat keinen Nutzen, er ist nur um der Schönheit willen da. Das, worauf es ankommt, sieht man nicht", sagt Leonhard Muschaweck, einer der beiden Betreiber des Muffatwerks. Die Kaplanturbine, die den sich direkt anschließenden Generator antreibt, befindet sich in einem Raum unter dem Bach.

Das Maxwerk ist das älteste städtische Wasserkraftwerk, das noch in Betrieb ist.

(Foto: Robert Haas)

Anfang der 1980er-Jahre hat Muschaweck mit Henning Markwort die Firma Mammut Electric gegründet, um Wasserkraftanlagen zu entwickeln. Die beiden Studienfreunde waren in der Anti-Atomkraftbewegung aktiv. Das Muffatwerk ist das einzige Kraftwerk, das ihnen gehört. "Wir würden liebend gern noch mal so ein Werk bauen" sagt Muschaweck. Dabei hätten sie einen jahrelangen "Genehmigungswahnsinn" hinter sich. Denn das Muffatwerk befindet sich in einem Naturschutzgebiet - trotz Brücke und betonierter Parkplätze. Um es bauen zu können, musste eine Wärmeleitung des Müller'schen Volksbads verlegt werden. Die einfache Lösung, das Rohr außen an der Brücke entlang zu legen, scheiterte an zwei schützenswerten Gewächsen, mehr Strauch als Baum, die hätten weichen müssen. Stattdessen wurde das Kopfsteinpflaster der Brücke aufgerissen, was den Kraftwerksbau noch einmal erheblich verteuerte. "Das sind die Widrigkeiten bei der faktischen Umsetzung der Energiewende, die von aller Munde gefordert wird", sagt Markwort nicht ohne Ironie in der Stimme.

Über die Anlagen des Maxwerks herrscht Dimitrios Nikolaidis von den Stadtwerken.

(Foto: Robert Haas)

700 Meter flussabwärts residiert das Maxwerk in einem 1897 errichteten Wasserschlösschen. "Damals war man stolz auf die Technik und wollte sie zeigen. Heute ist Technik nur gut, wenn man sie nicht sieht", sagt Dimitrios Nikolaidis, Herr über zwölf Wasserkraftanlagen der Stadtwerke, die Hälfte davon im Stadtgebiet. Das Maxwerk ist das älteste städtische Wasserkraftwerk, das noch in Betrieb ist. Es lieferte anfangs Strom für das Nationaltheater, später Gleichstrom für die Tram. Seit den 1970er-Jahren werden 400 Kilowatt Strom in der Stunde ins Netz eingespeist. Eine Propellerturbine treibt ein großes rotes Schwungrad an, das die Energie dröhnend über einen Riemen aus Leder-Kunststoffgemisch an einen Generator weitergibt. Die Anlage läuft vollautomatisch, wie alle SWM-Wasserkraftwerke - die menschenleeren Orte haben Tiere wie Kreuzotter und Eisvögel für sich entdeckt.

So unterschiedlich die vier Kraftwerke am Auer Mühlbach sind, zwei Punkte nerven alle Betreiber gleichermaßen: der viele Müll im Wasser und die Kritik, dass die Turbinen tödliche Fallen für Fische seien. Dixiklos, Fahrräder, Einkaufswägen, Leichen - es gibt nichts, was die Mühlenbetreiber nicht schon aus dem Bach gehievt hätten. Haben sich an den Gittern vor den Turbinenzuflüssen zu viele Blätter und Äste angesammelt, fährt meist automatisch der Rechenreiniger aus und befördert das Treibgut weg. "Müllbach, nicht Mühlbach", schimpft Tremmel, in dessen Mühle sich Unmengen an Plastikflaschen angesammelt haben. Dort steht auch ein Kühlschrank aus dem Wasser, den er wieder funktionstüchtig gemacht hat.

Die Gitter halten aber nicht nur Treibgut auf, sondern sollen auch verhindern, dass Fische in die Turbine gelangen. "Der Fisch ist schlau, er schwimmt gar nicht in die Nähe des Kraftwerks", argumentiert Tremmel. "Wir haben große Turbinen, die sich langsam drehen. So gibt es eine große Chance, dass ein kleiner Fisch unbeschadet durchkommt", sagt Nikolaidis, der sich schon genauso lange mit dem Fischschutz befasst. Gäbe es viele verletzte Fische, würden die Möwen auf die Beute hinter dem Kraftwerk stürzen, wie er sagt. Die halten sich aber eher im Oberwasser vor den Werken auf. Dennoch experimentieren die Stadtwerke mit elektrischen Fischscheuchen, die ähnlich wie ein Weidenzaun Stromimpulse abgeben, wenn ihnen ein Fisch zu nahe kommt. Die Muffatwerkbesitzer ärgern sich darüber, dass sich ausgerechnet Fischer zu Umweltschützern aufspielten: "Dabei sind sie doch diejenigen, die den Fischen nach dem Leben trachten." Dass die Wasserkraft häufig auf Widerstand stößt, hänge auch mit Fehlinformationen zusammen: Die Stufen und Wehre, die Fische nur über Fischtreppen passieren können, sind meist gar nicht wegen der Wasserkraftwerke angelegt, sondern um zu verhindern, dass sich Flüsse tiefer in die Erde graben.